Flüchtlingsrouten nach Europa Der Profit steigt - die Gefahr auch

Große Netzwerke organisieren die Flüchtlingstrecks nach Europa. Für die Schleuser ein lukratives Geschäft - sie schicken Frachter, zum Teil führerlos in Richtung Küste, auf immer neue Wege. Die Politik wird daran wenig ändern können.

Von , Rom


"Nächste Woche haben wir eine Fahrt, so Gott will, mit einem 120 Meter langen Schiff. Die Überfahrt kostet 6000 Dollar pro Person. Und sie ist sicher, nichts wird geschehen. So Gott will, seid ihr in sechs Tagen in Italien."

Der Mann am Telefon spricht Arabisch mit syrischem Akzent und vermittelt Fahrten über illegale Schiffspassagen an Syrer, die nach Europa wollen. Es klingt nach Sicherheit und beinahe nach Luxus: "Für die Unterkunft in Mersin bis zur Abfahrt sorgen wir, ein Kissen und eine Decke gibt es für jeden mit auf den Weg, Essen, Trinken an Bord, alles garantiert."

Redakteuren der italienischen Tageszeitung "La Repubblica" ist es gelungen, einige Flüchtlingsreisen-Vermittler aufzuspüren und über Angebot, Route, Preise zu befragen. Sie gaben vor, Verwandte syrischer Flüchtlinge zu sein. Locker gaben alle Gesprächspartner Auskunft. Auch über das, was es neben der Bootsfahrt gibt: einen syrischen, natürlich gefälschten, Pass mit zwei Jahren Laufzeit für 1500 Dollar. Noch 200 Dollar dazu, dann gilt er vier Jahre lang. Internationaler Führerschein? 500 Dollar. Personalausweis? Derselbe Preis.

Der Kontakt läuft über Handy oder Facebook

Mersin ist der zentrale Umschlagplatz für Schlepper, wenn man so will. Eine Hafenstadt im Südosten der Türkei, mit 800.000 Einwohnern und inzwischen etwa 45.000 Zugezogenen aus dem nahen Syrien. Die leben dort als Bettler, aber auch wohlhabende Kaufleute sind darunter, Metzger, Bäcker. In Schulen unterrichten geflüchtete Lehrer geflüchtete Kinder. Und einige arbeiten eben als Reise-Agenten. Nicht auf eigene Rechnung, sondern für weit vernetzte Organisationen, meist in türkischer Hand, die Nebenstellen etwa in Frankreich, Schweden, Italien und Deutschland haben. Und natürlich auch dort, wo die Kunden herkommen, in den Kriegs- und Krisenländern. Der Kontakt läuft über Handy oder Facebook.

Wer will, kann von Mersin auch gleich nach Deutschland reisen, offenbart ein Vermittler den italienischen Undercover-Journalisten. "Über Griechenland geht das nicht mehr gut, aber es gibt einen anderen Landweg. Oder man reist ganz bequem mit dem Flugzeug nach Deutschland, das kostet 9000 Euro pro Person." Wie bezahlt man? Ganz modern, ganz sicher: "Mit Geldtransfer per Western Union."

Menschen aus allen möglichen vielen Kriegs- und Krisen-Regionen der Welt setzen in der Ost-Türkei zum Sprung nach Europa an. Aber nicht nur dort. Nach wie vor führen viele Wege nach Europa. Etwas im Abseits des medialen Interesses, aber weiter gut besucht - wenn die Winter-Wellen nicht zu hoch schlagen - ist die Route von Libyen nach Norden. Auch die Spanien-Passage ist nicht aufgegeben.

Je nach Jahreszeit und anderen Veränderungen der "Sicherheitslage", aus der Sicht der "Reiseunternehmen" natürlich, wird hier eine Strecke ausgedünnt oder verlassen, dort eine neue Trasse gefunden. Und auch neue Beförderungsmittel.

Flüchtlinge vor Lampedusa: Gefährliche Fahrt nach Europa
DPA/ Guardia Costiera

Flüchtlinge vor Lampedusa: Gefährliche Fahrt nach Europa

Einst waren es rasend schnelle Schlauchboote, mit denen Menschen vom Balkan über die Adria gebracht wurden. Dann setzten brüchige und überladene Fischkutter von Tunesien nach Lampedusa über. Jetzt befördern schrottreife Kümos von mehr als achtzig Meter Länge Hunderte von Menschen auf einer Tour. So schnellt der Umsatz der Menschen-Transporteure auf bis zu zwei, drei Millionen Euro pro Fahrt nach oben. 17 solcher Frachtschiffe haben Europas Grenzschützer in jüngster Zeit erwischt.

2014 das "tödlichste Jahr für Flüchtlinge"

Gleich womit und auf welchem Kurs, die meisten dieser Flüchtlings-Trips sind beschwerlich, grässlich und lebensgefährlich. 2014 war das "tödlichste Jahr für Flüchtlinge", so die Internationale Organisation für Migration (IOM). Mindestens 4886 Menschen hätten bei der Flucht aus ihrer Heimat gen Europa ihr Leben gelassen, doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Zentrum das Sterbens war wieder einmal das Mittelmeer, mit mindestens 3000 Opfern und einer hohen Dunkelziffer.

Aber den Strom der Flüchtlinge lässt das nicht versiegen. Auch wenn man viel Geld bezahlt und statt wie versprochen "Essen und Trinken, alles garantiert" nur gelbes, gebrauchtes Motorkühlwasser zu trinken bekommt und zu essen tagelang gar nichts, wie die 793 Passagiere auf der "Blue Sky M", die Silvester Italien erreichten, selbst dann wird die Nachfrage nach Europa-Passagen groß bleiben. Denn wer vor Krieg und Terror in Syrien und dem Irak flieht, vor dem Horror in Somalia oder in Nigeria, der wird alles riskieren, alles ertragen, alles bezahlen.

Migrationspolitik - lächerliche Parolen

Daran wird keine europäische "Migrationspolitik" etwas ändern. Wie auch, wenn diese Politik sich selbst fesselt? Das, was die Wirtschaft, Hilfsorganisationen und die Kirchen fordern, nämlich einfach mehr Migranten legal nach Europa kommen zu lassen, wagen die Politiker nicht. Denn das ist bei einer Vielzahl ihrer Bürger unpopulär und könnte die eigene Wiederwahl gefährden.

Das Gegenteil wäre, Ethik, Bibel, Grundgesetz einfach zu vergessen, die Grenzen dicht zu machen und die Schiffbrüchigen notfalls im Mittelmeer ertrinken zu lassen. So würden Nachfolgende abgeschreckt, hat Englands Premierminister David Cameron gesagt. Das aber traut man sich mehrheitlich denn auch nicht. So wurstelt man sich durch - mit lächerlichen Parolen.

Gerade wieder hat Italiens Innenminister Angelino Alfano eine "gemeinsame EU-Strategie" gefordert. "Menschenhändler sind skrupellos. Um sie zu bekämpfen, müssen wir unsere Kräfte vereinen." Das findet auch der Brüsseler Innen- und Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos und verspricht: "Der Kampf gegen den Menschenhandel" werde "höchste Priorität" haben.

Griechenlands Zaun: Klicken oder tippen Sie auf das Bild für die Flüchtlingszahlen vor und nach dem Bau
DER SPIEGEL

Griechenlands Zaun: Klicken oder tippen Sie auf das Bild für die Flüchtlingszahlen vor und nach dem Bau

Der Mann hat als langjähriges Mitglied der griechischen Regierung Erfahrung damit. Die hat 2012 für drei Millionen Euro die Grenze zur Türkei mit einem vier Meter hohen Stacheldrahtzaun "im Kampf gegen die illegale Einwanderung weiter gesichert". Selbst Brüssel fand das damals albern und verweigerte Zuschüsse.

Und in der Tat, der einzige Effekt des martialischen Bollwerks war: Die Flüchtlingstrips via Griechenland wurden teurer - von 300 auf bis zu 4000 Dollar. Und gefährlicher. Der Seeweg kostet auch in der Ägäis mehr Menschenleben als die Landroute. Weniger Flüchtlinge gab es nicht.

Zudem könnte Avramopoulos seine früheren Kollegen ja einmal fragen, warum die griechischen Behörden der "Blue Sky M" erlaubt haben, unbehelligt in einer Bucht auf besseres Wetter zu warten. Die hätten gewusst, sagte der Kapitän vor italienischen Behörden aus, dass Hunderte von Flüchtlingen an Bord waren. Doch ungerührt warteten die Griechen ab, bis das Schiff seinen Weg nach Italien fortsetzte.

Dort, in Sichtweite der Küste, schaltete der Pseudo-Kapitän - selbst einer der Syrienflüchtlinge an Bord und mit 15.000 Dollar und Gratistickets für seine Familie für den Job geködert - den Autopiloten ein. Hätte die italienische Küstenwache nicht eingegriffen, wäre das Schiff eine knappe Stunde später an der Küste auf Grund gelaufen und gekentert. Vermutlich hätte es Tote gegeben. Vielleicht sehr viele.

Ganz Europa hätte sein Beileid verkündet.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
don olafio 11.01.2015
1. Die Schleuser,...
...die seinerzeit Menschen aus der DDR in die Bundesrepublik schleusten - und dabei ebenfalls gut verdienten - wurden und werden als Helden gefeiert. Jene, die nun Menschen - denen es unzweifelhaft schlechter geht, als den damaligen DDR-Flüchtlingen - gegen Geld nach Europa bringen, werden als üble Kriminelle dargestellt. Vielleicht könnte uns SpOn mal die Gründe für die unterschiedliche Bewertung ein und des selben Handelns näherbringen.
Patriot75 11.01.2015
2. Eine supranationale Herausforderung
Ich persönlich hege die zarte Hoffnung, dass wir, sofern wir die Wirtschaftskrise in der EU finden diese Herauforderung auf einen wesentlich vernünftigeren angehen als heute. Flüchtlinge aus Krisengebieten und Zuwanderungswillige sind eine Naturgewalt, woran wir hier von Europa aus wenig ändern können und wollen. Denn welcher demokratische Staat kann es durchsetzen für ein oder zwei Generationen in die Ursprungs(-Krisen-)länder einzumarschieren, zu besetzen und die Ordnung wiederherzustellen (sprich die Verwaltung und Ordnungsmacht zu übernehmen), die Leute dort auszubilden und einen Masterplan für die Rückgabe zu entwickeln? Wesentlich sinnvoller und effektivere Allokation unserer Entwicklungshilfen (sofern nicht zur Sicherung strategischer Rohstoffe benötigt), wäre es in den "Abfahrtsländern" wie Lybien, Türkei, usw. und auf dem Boden der EU. Legale Anlaufstellen zu schaffen. Auffanglager, in denen die Flüchtlinge legal die Einwanderung in die EU beantragen können. In denen diese medizinisch und psychologisch untersucht werden können. In denen diese registriert werden können. Wo man sie ausbilden (Sprache!) und auf ein Leben in einen EU Land vorbereiten kann. So kann man gegebenenfalls auch die aussortieren, die keine Not in ihrem Land haben und keinem EU Land etwas zu bieten hat. Gleichzeitig wäre es aus meiner Sicht sinnvoll die Gesetze so anzupassen, dass Illegale (sprich direkt in ein EU Land, unter Umgehung der offiziellen Wege, eingewanderte) solchen Lagern zugewiesen werden können und ggfs. komplett abgewiesen werden können. Bitte entschuldigen Sie das Wort Lager, aber mir fällt heute Morgen nichts besseres ein (wäre eventuell Auffangeinrichtungen besser?). Das mag hart klingen, aber wäre für alle Beteiligten wesentlich fairer und effizienter (die EU Mitgliedsstaaten könnten auf nationaler Ebene erheblich entlastet werden) und würde zumindest die lebensgefährlichen und menschenunwürdigen Fahrten über das Mittelmeer überflüssig machen.
Tunix 11.01.2015
3. Organisation ändern
Das Schleusen von Flüchtlingen in rechtsfreien Räumen wie Lybien und Syrien ist sicher nicht ungefährlich. Die Schleuser selbst sind dort auch gefährdet und werden viel Bakschisch zahlen müssen, um Fluchtrouten zu unterhalten, Schiffe anzumieten usw. Der Gedanke, Ausreisewillige in den Ursprungsländern zu registrieren, dort Büros für die Registrierung einzurichten und den sicheren Transport mit gecharterten Kreuzfahrtschiffen durchzuführen, ist schon human. Aus Asien könnten wir auch noch die aufnehmen, die nach Australien wollen und die, die Australien abgelehnt hat.
spon-facebook-10000246365 11.01.2015
4.
Wer verzweifelt ist kann alles machen.Es ist ganz einfach wir Europa und Amerika stürzen Regierungen entfalten Revolutionen und verursachen Bürgerkriege .Es ist unser Fehler und wir werden dafür bestraft ,wenn wir jetzt den kriesenländern mit einem Marschalplan2 helfen anstatt sie weiter zu zerstören und Unsummen für Zäune und Küstenwache abgeben.Wie viele Flüchtlinge gab es unter Saddam Mubarak Baschar (vor Krieg) Gaddafi usw
innerspace 11.01.2015
5.
@don olafio Das liegt vielleicht daran, dass die DDR ein Unrechtsstaat war wo politisch Verfolgte tatsächlich eingesperrt und und manchmal sogar hingerichtet wurden und es seitens der Flüchtlinge nicht notwendig war mit gefälschten Ausweisen einzureisen um vorzutäuschen, dass man ein DDR Flüchtling ist. Und was die Bezahlung angeht, sollten Sie mal bitte Quellen nennen, denn es ist eher so gewesen, dass die damalige Bundesrepublik Flüchtlinge "herausgekauft" hat und "organisierte Schleuser" eher unbedeutend waren, sofern es so etwas überhaupt gab. Desweiteren liegt hier eine nicht vergleichbare Qualität und Quantität vor. Aber da Sie mit den Schleusern sympathisieren und illegale Einreise gutheißen erübrigt sich jede weitere Diskussion.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.