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Ressentiments gegenüber Flüchtlingen: "Man muss die Angst ernst nehmen"

Ein Interview von

Warum fühlen sich manche Menschen vom Flüchtlingsheim um die Ecke bedroht und andere nicht? Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie, erklärt, wie die Angst entsteht - und warum Horst Seehofer gerade Öl ins Feuer gießt.

Zur Person
  • Laackman Fotostudios Marburg
    Ulrich Wagner, Jahrgang 1951, ist Professor für Sozialpsychologie an der Philipps-Universität Marburg im Fachbereich Psychologie und am Zentrum für Konfliktforschung. Er forscht zu Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Gewalt.
SPIEGEL ONLINE: Herr Wagner, warum haben manche Menschen Angst, wenn Flüchtlingsheime in ihrer Umgebung eingerichtet werden?

Wagner: Ganz oft hört man: Die Flüchtlinge bedrohen den Wohlstand unserer Gemeinde. Oder: Dann finde ich keinen Kita-Platz mehr für mein Kind. Die Menschen fühlen eine große Unsicherheit und versuchen, Erklärungen zu finden. Häufig bleibt unausgesprochen, dass dahinter andere Formen der Bedrohung stehen. In der Psychologie sprechen wir von symbolischer Bedrohung. Die Leute haben den Eindruck: Jetzt geht die deutsche Kultur den Bach runter.

SPIEGEL ONLINE: Aber das ist durch nichts belegt.

Wagner: Ängste lassen sich ja nicht daran bemessen, wie groß objektiv die Gefahr ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie äußert sich diese Angst?

Wagner: Ich spreche jetzt explizit nicht von Rechtsextremen, die solche Stimmungen kalkulieren und steuern. Wer Angst hat, versucht, etwas zu vermeiden. Man versucht, der Angst, in diesem Fall den Flüchtlingen, auszuweichen. Das geht jedoch nicht, denn das Flüchtlingsheim wird kommen oder ist bereits da. So entsteht bei den Anwohnern und den Menschen in den Gemeinden der Eindruck, Politik und Verwaltung kriegen das nicht hin. Es besteht die Gefahr, dass die Angst in Wut umschlägt. Dann beginnen Menschen, aktiv zu diskriminieren, sich zu widersetzen - bis hin dazu, dass sie Gewalt anwenden.

SPIEGEL ONLINE: Warum wird aus einer diffusen Angst Rassismus?

Wagner: In allen Kulturen gibt es Stereotypen über Fremde und die Forschung zeigt, dass diese Bilder erstaunlich konstant sind. Sinti und Roma werden seit Jahrhunderten als Diebe diskriminiert, das Vorurteil kennen wir alle. Kommen wir in eine Unsicherheitssituation, suchen wir nach Erklärungen und greifen auf diese Bilder zurück.

SPIEGEL ONLINE: Also sind wir alle verkappte Rassisten?

Wagner: Nein, das ist ja kein Automatismus. Man kann etwas dagegen tun, wenn man sich dessen bewusst wird. Aber wenn man sich der Angst hingibt, fangen manche an, rassistisch zu argumentieren. Dann sieht man plötzlich eine Lösung darin, dass man die anderen abschiebt, ungleich behandelt oder gar nicht erst nach Deutschland lässt.

SPIEGEL ONLINE: Warum gehen manche Menschen anders um mit der Situation?

Wagner: In unserer Forschung zeigt sich das sehr deutlich: Der Umgang hängt sehr mit der eigenen Erfahrung mit Migranten zusammen. Wie weit Menschen gelernt haben, Migration nicht nur als Gefahr anzusehen, sondern auch als Chance und Normalität für sich und ihre Gemeinde. Das müssen keine Flüchtlinge sein, im Westen sind in den Fünfzigern und Sechzigern viele Arbeitsmigranten in die Bundesrepublik gekommen. Hier hat man gelernt, durch Kontakt mit Fremden umzugehen. Das ist zwar auch nicht immer unproblematisch, aber wesentlich selbstverständlicher. Die Leute im Osten sind da unerfahrener und das steigert die Unsicherheit und den Widerstand.

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SPIEGEL ONLINE: Rechte Gruppen nutzen diese Unsicherheit für sich.

Wagner: Diesen Einfluss darf man nicht unterschätzen. Rechtsextreme liefern oft vermeintliche Bestätigungen für die Befürchtungen. Sie mobilisieren diese Stereotypen - vor allem bei den Menschen, die keine persönlichen Erfahrungen mit Migranten haben. Sie streuen Gerüchte, das ist sehr gefährlich. Wir sind keine Computer, die Informationen objektiv verarbeiten. Wenn schon im Vorhinein ein großes Misstrauen besteht, dann suchen wir Informationen, die das Misstrauen unterstützen und bewerten neue Informationen so, dass sie unsere Befürchtungen und Vorahnungen bestätigen.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man tun?

Wagner: Man muss die Angst ernst nehmen, Gegenargumente liefern und Gefühle der Sicherheit schaffen. Die Politik muss den Eindruck vermeiden, dass Ressourcen der Einheimischen abgezapft würden. Denn dieser Eindruck fördert Fremdenfeindlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Also ist das, was Horst Seehofer gerade betreibt, Gift für die Situation?

Wagner: Ja, die Lokal- und Bundespolitik darf nicht der Versuchung erliegen, die Diskussion um Flüchtlinge für eigene Interessen zu instrumentalisieren. Das tut Herr Seehofer aber, indem er argumentiert, dass seine politischen Gegner viel zu lax mit der Einwanderung umgehen.

SPIEGEL ONLINE: In der Stadt Herford in NRW bleiben nun in der Nähe eines Flüchtlingsheims nachts die Straßenlaternen an, die Polizei fährt öfter Streife, das Ordnungsamt sammelt häufiger Müll. Die Stadt hat damit auf Forderungen einer Bürgerinitiative reagiert. Ist das der richtige Weg?

Wagner: Das zeigt, dass die Bürger ernst genommen werden. Das nimmt den vorgeschobenen Befürchtungen den Wind aus den Segeln. Es ist nicht direkt diskriminierend, wenn da ein Streifenwagen öfter durchfährt.

SPIEGEL ONLINE: Aber bestärkt das nicht die Ressentiments, nach dem Motto: Ja, die sind kriminell, deswegen muss nachts das Licht anbleiben?

Wagner: Nein, man entkräftet sie. Die Leute sind in solchen Situation immer aufgeregt, ängstlich oder wütend. Mit solchen Maßnahmen kommt man an die Emotionen ran, weil man beruhigt.

SPIEGEL ONLINE: Allgemein: Muss man mit Leuten im Gespräch bleiben, auch wenn sie rassistisch werden?

Wagner: Man kann nicht sagen, das sind Rassisten und das Gespräch einstellen. Es gibt immer in Gemeinschaften Leute mit extremen Einstellungen. Wir können nicht diesen Teil der Deutschen aus dem Diskurs ausschließen.

SPIEGEL ONLINE: Was sollten Kommunen konkret unternehmen?

Wagner: Häufig gibt es in Gemeinden niemanden, der für Fragen und Sorgen ansprechbar ist. Die Leute müssen sich durch die Stadtverwaltung telefonieren. Ein Ombudsman, der vermittelt, oder moderierte Veranstaltungen - das hilft schon und ist leicht zu organisieren. Die Menschen müssen den Eindruck haben: Das ist gesteuert, das funktioniert. Vor allem sehe ich da die Behörden in der Pflicht. Aber auch Meinungsbildner wie Pastoren und auch wir selbst als Bürger müssen reflektieren, mahnen, Stellung beziehen. Und viele tun das auch.

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