Hotline zum Thema Flüchtlinge "Es ist okay, Sorgen zu haben"

Ali Can betreibt eine Hotline für "besorgte Bürger". Im Interview erzählt er, wer seine Nummer wählt - und warum ihn der Anruf eines Linken aus der Fassung gebracht hat.

Ali Can
Manfred Eßer

Ali Can

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Hunderte Anrufe hat Ali Can auf seiner "Hotline für besorgte Bürger" inzwischen angenommen. Im September 2016 rief er das Projekt ins Leben, um Menschen die Angst vor Flüchtlingen zu nehmen. Mittlerweile bekommt er so viele Anfragen, dass er sein Lehramtsstudium auf Eis gelegt hat.

Can zufolge rufen ihn längst nicht nur "besorgte Bürger" an. Sondern auch freiwillige Helfer, die um Rat bitten. Der 23-Jährige gibt mittlerweile auch Kurse und wird zu zahlreichen Diskussionsrunden eingeladen. Sein Herzensprojekt ist allerdings nach wie vor die "Hotline für besorgte Bürger" - obwohl nicht alles so läuft, wie er es anfangs gedacht hatte, das für Anrufer kostenlose Angebot bezahle er aus eigener Tasche.

In seinem Buch "Antworten vom Asylbewerber Ihres Vertrauens" zieht er Bilanz. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erzählt er, welche Fragen ihm gestellt werden - und welche Vorurteile er selbst hat.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie die Hotline ins Leben gerufen haben, waren Sie zunächst nur einmal wöchentlich erreichbar, mittlerweile haben Sie die Anrufzeiten erweitert. Wer meldet sich bei Ihnen?

Can: Eigentlich war mein Angebot an Leute gerichtet, die Vorurteile gegen Flüchtlinge und Migranten haben - und die rufen auch an. Mittlerweile fragen mich aber auch viele Menschen um Rat, die sich für Flüchtlinge engagieren. Die haben dann interkulturelle Probleme und kommen an einer Stelle nicht weiter. Mit wirklich rechtsextremen Menschen hatte ich bisher keine Berührungspunkte, höchstens mal ein oberflächliches Gespräch am Rande einer Pegida-Demonstration.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fragen stellen Ihnen die Anrufer?

Can: Viele Fragen tauchen immer wieder auf: "Warum haben die alle ein Handy?", "Warum bleiben die nicht in ihrem Land und bauen es wieder auf?" Da versuche ich dann Fakten zu liefern und teilweise muss ich auch Gerüchte widerlegen. Oft haben die Anrufer Fragen zum Islam oder wollen Ratschläge im Umgang mit Flüchtlingen. Viele nutzen die Gelegenheit einfach, um mal Dampf abzulassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie damit um?

Can: Ich höre zu und gebe den Leuten die Möglichkeit, anonym Wut rauszulassen. Oft rede ich zunächst von einem anderen Thema, um das Eis zu brechen. Mir ist es wichtig, dass die Gespräche auf Augenhöhe stattfinden. Ich will niemanden belehren und stemple die Leute nicht ab. Bei mir dürfen sie ihre Sorgen äußern, ohne dass ich jemanden als Nazi bezeichnen würde. Es ist nämlich okay, Sorgen zu haben. Nicht jeder, der besorgt ist, ist ein Rassist. Und von manch einem Anrufer lerne ich selbst etwas dazu. So hat mich beispielsweise jemand darauf hingewiesen, dass man mehr über Fluchtursachen nachdenken solle - und über den eigenen Lebensstil. Da gebe es nämlich Zusammenhänge. Das hat bei mir ein Umdenken bewirkt.

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen zwölf Monaten gab es mehrere schwere Anschläge in Europa. Wie hat das die Kommunikation verändert?

Can: Nach einem Anschlag steigt die Zahl der Anrufer. Die Leute haben dann mehr Angst und fühlen sich darin auch bestätigt. Leider werden auch die Pauschalisierungen drastischer und der Ton gegenüber Asylbewerbern insgeheim gehässiger. Man sollte den Islam und Muslime kritisieren können, aber nicht hetzen und Unschuldigen Unrecht tun.

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Ali Can:
Hotline für besorgte Bürger

Antworten vom Asylbewerber Ihres Vertrauens

Lübbe, 272 Seiten, 16 Euro

SPIEGEL ONLINE: Wann brechen Sie ein Telefonat ab?

Can: Ich habe in der vergangenen Woche ein Gespräch beendet, weil es sinnlos war. Der Anrufer war ein Linker, der mich sehr stark beschimpft hat. Er hat mir vorgeworfen, Rechten eine Plattform zu geben. Der hat überhaupt keine andere Perspektive zugelassen und meinte, man dürfe gar nicht mit diesen Leute reden. Da habe ich die Fassung verloren. Doch die allermeisten Anrufer sind freundlich. Nur per Mail bekomme ich Hassbotschaften und auch Morddrohungen. Die nehme ich aber nicht ernst.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch erzählen Sie von einer Reise durch Ostdeutschland. Sie haben Orte besucht, die durch fremdenfeindliche Übergriffe in die Schlagzeilen geraten sind. Warum haben Sie sich gerade die Städte ausgesucht, die das Klischee das rechten Ostdeutschen mitgeprägt haben?

Can: Ich will genau diese Menschen treffen, die in Dresden oder Clausnitz gegen Flüchtlinge auf die Straße gehen. Mit diesen Menschen müssen wir ins Gespräch kommen - auf Augenhöhe. Wie die sogenannten besorgten Bürger Vorurteile gegen Flüchtlinge haben, hatte ich große Vorurteile gegenüber dem Osten. Ich habe mich mit Selbstverteidigungstraining auf die Reise vorbereitet. Das sagt ja einiges über mein Bild vom Osten aus. Nun gehe ich auf die Menschen zu und mache mir ein Bild. So konnte ich meine Vorurteile abbauen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sehen Sie den Osten jetzt?

Can: Mein Bild hat sich total verändert. Der Osten ist eigentlich wunderschön. Die Menschen sind freundlich - auch bei Pegida. Ich verteile auf den Demonstrationen regelmäßig Schokolade, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Und das funktioniert, viele reagieren neugierig, sprechen mit mir und stellen auch Fragen. Ich habe dort bei meiner Reise gemerkt, wie tolerant die Menschen im Osten eigentlich sind, was für tolle Initiativen es beispielsweise in Leipzig oder Dresden gibt.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie als Nächstes vor?

Can: Ich möchte das Hotline-Angebot ergänzen, mit der Möglichkeit mich einzuladen. Ich will durch Deutschland reisen und Leute besuchen, die mir dann persönlich Fragen stellen können.

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