Flüchtlingsheim am Grenzweg

Flüchtlingsheim am Grenzweg Ausflug ins Digitale

SPIEGEL ONLINE

Von Marianne Wellershoff


Im Internet surfen, eine E-Mail schreiben: Viele Flüchtlinge müssen dies erst mit Unterstützung ehrenamtlicher Helfer lernen. Im Kurs zeigt sich, dass der Weg bis zum sicheren Umgang mit einer Suchmaschine weit ist.

An einem Mittwochabend trägt die Afghanin Parnian Rashidy ein Kopftuch, ausnahmsweise. Sonst fallen ihre langen schwarzen Haare offen über die Schultern. "Ramadan", sagt sie zur Erklärung. Der islamische Fastenmonat ist vermutlich auch der Grund dafür, dass nur sieben Bewohner der Erstaufnahme Hamburg-Rahlstedt zum Computerkurs erschienen sind. Vier Stammkunden und drei neue Teilnehmer; der Rekord lag laut Kursleiterin Vanessa Tran bei 18 Personen im Kurs.

Seit März bringen Vanessa Tran und ihr Lebensgefährte Roland Gerwat mittwochs von 18.30 Uhr bis 19.30 Uhr Flüchtlingen die digitale Welt näher. Die Teilnehmer sollen lernen, E-Mails zu schreiben, zu beantworten, Anhänge zu verschicken, beschreibbare PDFs auszufüllen und selbst Dokumente anzulegen. Alles Fähigkeiten, die auch für die Kommunikation mit Behörden oder eine Bewerbung um eine Wohnung nützlich sind.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Parnian Rashidy gehört zu den regelmäßigen Teilnehmerinnen des Kurses. Sie spricht nur wenig Deutsch, aber ganz gutes Englisch, deshalb ist ihr das Alphabet vertraut. Sie hat bereits ein E-Mail-Konto angelegt und hilft nun ihrem Tischnachbarn, dessen Benutzernamen einzutippen. Er ist auch Afghane, und er muss nicht nur die Logik von Browser und Passwörtern verstehen. Er lernt auch gerade erst Deutsch.

Durst und Hunger hat er auch. Vanessa Tran hat Parnian Rashidy den Auftrag gegeben, ihm eine Mail mit einem Link zu einem Schreiblernprogramm zu schicken. Vanessa Tran hilft ihm, es zu öffnen. Nun tippt er den Rest der Stunde Buchstabenfolgen aus f und j ab - die Tasten liegen beim Zehn-Finger-System unter dem Zeigefinger.

Die Kursteilnehmer verwenden Chromebooks, zur Verfügung gestellt vom "Projekt Reconnect", einer Kooperation der gemeinnützigen Organisation NetHope und Google. Susanne Behem-Loeffler, Ehrenamtskoordinatorin in der von den Maltesern geführten EA Rahlstedt, ist "begeistert von den Möglichkeiten, die die Chromebooks eröffnen". Inzwischen werden die Laptops im Erstorientierungskurs eingesetzt, in Zukunft sollen sie auch für die Alphabetisierung genutzt werden.

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Computerkurs für Flüchtlinge: Integration mit Computer

Die Chromebooks werden zentral von den Organisationen gesteuert. Auf ihnen wird nichts gespeichert, sie ermöglichen nur den Zugang ins Internet. Deshalb konnte der Kurs auch erst starten, nachdem das WLAN in der EA Rahlstedt installiert war.

Vanessa Tran und Roland Gerwat hatten sich schon im Oktober bei Susanne Behem-Loeffler gemeldet. Weil er seinen "Beitrag zur Hilfe und zur Integration" leisten wolle, sagt Roland Gerwat, und weil er "einfach neugierig" auf die Menschen sei. Vanessa Tran hat schon als Jugendliche Kindern von Asylbewerbern ehrenamtlich Nachhilfe gegeben.

Menschen vom Grenzweg
Susanne Behem-Loeffler
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Ihr Job als Referentin Integrationsdienste und Ehrenamtsmanagerin in der Flüchtlingshilfe ist es, Freiwillige für die Arbeit in der EA Rahlstedt zu gewinnen: Menschen, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen, mit ihnen Sport, Musik oder Theater machen, die mit den Kindern basteln oder mit Frauen nähen. Sie kümmert sich auch um Ehrenamts-Aktivitäten außerhalb der Unterkunft und vermittelte zum Beispiel Murad eine Theaterhospitanz.
Mena Rytlewski
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Sie studierte in Hamburg Sozialökonomie und arbeitete lange mit Behinderten. Dann bewarb sie sich bei den Maltesern, und seit Januar 2017 leitet sie in der EA Rahlstedt das Sozialmanagement. Sie ist Ansprechpartnerin für die Bewohner, vermittelt Traumatisierte an Ärzte oder zuständige Behörden, sorgt für den sozialen Frieden in der Unterkunft.
Familie Rashid
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Ashna, Awat sowie ihre Kinder Dekan, Mohammed und Divan sind irakische Kurden. Sie flohen 2015 vor Morddrohungen im Zusammenhang mit einer Blutfehde, die schon Dekans Zwillingsschwester das Leben kostete. Im Februar 2017 zog die Familie aus der EA Rahlstedt in eine Hamburger Folgeunterkunft. Dekan besucht einen Berufsvorbereitungskurs, Mohammed geht in die Waldorfschule und Divan in eine Grundschule. Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt, sie haben Widerspruch eingelegt und warten auf ihren Prozess.
Murad
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Vor den mordenden Terrortruppen des IS floh der irakische Jeside im August 2014 mit seiner Familie Hals über Kopf ins Sindschar-Gebirge und später in die Autonome Region Kurdistan. Da er dort keine Perspektive für sich sah, kam er 2015 nach Hamburg. Seit November 2016 ist er als Flüchtling anerkannt. Er besucht einen Integrationskurs.
Safouh Hussain
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Schon 2012 verließ er mit seiner Familie Damaskus und floh in den Libanon, denn seine Mutter ist Libanesin. Der Syrer machte in Beirut Abitur und entschloss sich danach, eine neue Perspektive in Deutschland zu suchen. Deutsch brachte er sich mit Internet-Kursen selbst bei, seit Dezember 2016 besucht er einen Integrationskurs. Er ist als Flüchtling anerkannt und möchte im Herbst 2017 ein Studium beginnen. Anfang April 2017 hat er die EA Rahlstedt verlassen und ist in eine eigene Wohnung in Hamburg umgezogen.
Olav Stolze
Arnold Morascher
Für die Malteser leitete Olav Stolze ab Herbst 2015 schon die Flüchtlings-Notunterkunft in der Turnhalle Rugenbarg und zog mit den verbliebenen Bewohnern im Oktober 2016 in die Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt um, die er seitdem leitet. Ihm unterstehen Unterkunftsmanagement, Sozialmanagement und Technischer Dienst in dem Flüchtlingsheim.

Susanne Behem-Loeffler überzeugte die beiden, ein Chromebook mit nach Hause zu nehmen und das Konzept für den Kurs zu entwickeln. Vanessa Tran ist von Beruf Kommunikationsdesignerin, Roland Gerwat ist im Job auch mit Computern beschäftigt. Die beiden informierten sich über Reconnect, testeten das vorgeschlagene Deutschlernprogramm und suchten eine Alternative, weil sie es zu schwierig fanden; sie erarbeiteten eine Präsentation, in der sie sich vorstellten und die Kursziele absteckten.

"Wir haben erst im Nachhinein gemerkt", sagt Vanessa Tran, "dass die Teilnehmer uns überhaupt nicht verstanden haben." Also haben sie in den folgenden beiden Wochen eine gründliche Bestandsaufnahme gemacht und sich dann aufs individuelle Wissensniveau eingestellt.

Der Afghane Enayatullah ist an diesem Mittwoch zum ersten Mal beim Kurs. Er kann Lesen und Schreiben, er kennt das Alphabet und hat deshalb keine Schwierigkeiten, einen Googlemail-Account einzurichten. Er klickt einen Link in seiner ersten Email an und schaut auf YouTube das Tutorial zur Kreuzwickeltrage: Er hat ein Tragetuch für sein Baby bekommen und muss sich erstmal informieren, wie man es bindet.

Bisher hat er, wie alle anderen im Kurs, nur per WhatsApp kommuniziert. Parnian Rashidy hat ihren auf der Flucht verlorenen kleinen Bruder auch nicht über ein E-Mail-Konto wiedergefunden, sondern über ihre alte afghanische WhatsApp-Nummer. Deshalb haben Vanessa Tran und Roland Gerwat auch eine WhatsApp-Gruppe für den Kurs eingerichtet.

Fragwürdige Übungstexte

Vanessa Tran ist selbst das Kind von Flüchtlingen, ihre Eltern waren Boatpeople aus Vietnam. Sie erzählt, dass manche Neuankömmlinge aus Vietnam anfangs im deutschen Supermarkt Hunde- und Katzenfutter kauften, weil sie dachten, die Dosen enthielten Fleisch von Hunden und Katzen. Und sie seien entsetzt gewesen von dem Geschmack. Vanessa Tran hat Verständnis dafür, wenn ein Teilnehmer auch am zehnten Abend Tippfehler bei der Eingabe des Benutzernamens hat.

Tran und Gerwat sagen, dass sie die Lernziele tiefer stecken mussten, dass es noch ein weiter Weg sei, bis die Flüchtlinge auch mit einer Suchmaschine umgehen könnten. Umso mehr freuen sie sich über ihre Erfolge: Himdad, ein ehemaliger Bauer aus Palästina, hat an diesem Abend einen Text abgetippt und nur zwei Fehler gemacht.

Um das Tippen zu üben, haben Vanessa Tran und Roland Gerwat das Programm "schreibtrainer-online" ausgewählt, weil es simpel und effizient aufgebaut ist. Die Textauswahl finden sie hingegen manchmal gewöhnungsbedürftig, vor allem für die Flüchtlinge. Im Angebot ist ein Text, der mit dem Satz beginnt "In Hamburg leben rund 365 Dschihadisten, sagt der Verfassungsschutz." In einem anderen geht es um die Bundeswehr. Fett und groß gedruckt ist da zu lesen: "Heil Hitler".

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.



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