Flüchtlingsheim am Grenzweg Raus aus der Halle, rein in ein neues Leben

Arnold Morascher

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Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Hunderte Flüchtlinge beziehen ein neues Heim in Hamburg-Rahlstedt. SPIEGEL ONLINE begleitet das Projekt mit einem eigenen Blog. Erste Folge: Wie "Clan-Chef" Olav Stolze den Umzug seiner Schützlinge organisiert.

"Hansarundfahrt" steht in großen roten Buchstaben auf dem weißen Bus, so als sei hier eine Sightseeing-Tour für Tagestouristen geplant, die den Hafen, die Reeperbahn und die Alster sehen wollen. Die Fahrt an diesem Donnerstagmorgen wird tatsächlich durch halb Hamburg führen, von Osdorf im Westen nach Rahlstedt im Nordosten. Auf den Bus haben manche der Passagiere ein Jahr lang gewartet. Denn er bringt sie aus einer Turnhalle der Bundeswehr in die nagelneue Erstaufnahme Rahlstedt, ein Containerdorf am Rande eines Gewerbegebiets, zwischen den Straßen Am Grenzweg und Neuer Höltigbaum.

"Das ist jetzt sehr aufregend für die Bewohner", sagt Olav Stolze vom Malteser Hilfsdienst. Er hat die Notunterkunft in Osdorf geleitet und zieht nun mit 86 Flüchtlingen nach Rahlstedt um, denn er wird dort die Leitung der neuen Erstaufnahme übernehmen. Auch er ist aufgeregt. Eigentlich wollte er direkt nach Rahlstedt fahren, um dort den Bus mit seinen Schützlingen zu empfangen. Aber er hatte morgens spontan entschieden, "doch nochmal Abschied zu nehmen". Nicht von den Menschen, aber von einer Zeit, die er nicht so schnell vergessen wird.

Mit Bauzäunen sind die Compartments, wie Stolze sie nennt, in der Halle abgegrenzt, darin ein paar Doppelstockbetten. Eine Zumutung, aber auch ein Luxus im Vergleich zu den Anfangstagen, als man Feldbetten in die Halle gestellt hatte, die nach kurzer Zeit zusammenbrachen, sodass sie sich zum Schrottberg am Eingang des Geländes türmten.

Unterkunftsleiter Stolze
Arnold Morascher

Unterkunftsleiter Stolze

Stolze kennt sich mit Notfällen aus, er war schon Geschäftsführer der Rettungsleitstelle der Hilfsorganisationen in Hamburg. Ein Macher, ein großer, kräftiger Mann, er kann und muss sich durchsetzen. Für die Flüchtlinge ist er so etwas wie der Clan-Chef.

Der Lkw, der den Bus nach Rahlstedt begleitet, ist vollgestopft mit beschrifteten blauen Müllsäcken - die Koffer der Flüchtlinge. Nun werden Fahrräder eingeladen, aber dann kommen noch mehr Säcke, es gibt Streit, und gleich soll doch der Bus losfahren. Stolze ruft den 19-jährigen Syrer Safouh Hussain herbei, er soll übersetzen.

Vor einem Jahr ist Safouh in Osdorf angekommen, jetzt zieht auch er nach Rahlstedt um. "Ein cleverer Junge", sagt Stolze. Eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre hat Safouh inzwischen, in Rahlstedt wird es für ihn um die nächsten Schritte in den deutschen Alltag gehen: die Deutschprüfung bestehen, ein Studium beginnen. Nächste Woche hat er einen Termin im Jobcenter.

Schon seit Monaten sollten die Flüchtlinge raus aus der Halle und rein in ihr neues Leben, das mit einem Zimmer im Container der Erstaufnahme Rahlstedt beginnt und dann als Umzug in eine Folgeunterkunft weitergeht - oder, noch besser, in eine eigene Wohnung.

Safouh Hussain
Arnold Morascher

Safouh Hussain

So wie die Flüchtlinge auf Termine für Anhörungen warten, so wartete Stolze monatelang darauf, dass die Erstaufnahme Rahlstedt eröffnet wird. Es kam immer wieder etwas dazwischen: Die Container entsprachen nicht den Brandschutzvorschriften, das Gelände, eine ehemalige Schießanlage der Bundeswehr, musste von Munition befreit werden. Nach tagelangem Regen war der Boden so matschig, dass die Bagger stecken blieben. Dann fehlte die Betriebserlaubnis, und der Bezug wurde kurzfristig um zwei Tage verschoben. Das Trinkwasser in den frisch verlegten Leitungen war voller Keime.

Ein Nachbar beschwert sich

Als der Bus in Rahlstedt ankommt, ist das Trinkwasser noch immer verunreinigt. Überall stehen Wagen mit Wasser-Packs bereit. Der Tresen für die Essensausgabe hat keinen Strom, der Caterer fühlt sich nicht zuständig. Den Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes muss erklärt werden, dass Hosen nicht in Stiefeln stecken dürfen, weil das zu martialisch aussieht. Ein Nachbar hat sich über knallende Türen beschwert. Überhaupt sind nicht alle Anwohner begeistert, auch das wird Stolze in den nächsten Wochen beschäftigen.

Kalt fegt der Ostwind zwischen den beigen Container-Häusern hindurch. Wenn jemand die Stahltreppe in den ersten Stock hochgeht, rumpelt es gewaltig. Der dünne Rasen ist noch mit rot-weißem Flatterband geschützt - es ist eben alles noch ganz neu hier.

Unter den Flüchtlingen hat sich herumgesprochen, dass der Bus zum Bahnhof Rahlstedt nur stündlich fährt. Das macht schlechte Stimmung, denn, so sagt Stolze, "unsere Bewohner sind sehr mobil". Manche, wie der Syrer Tarek Deeb, 25, haben schon Freunde in der Stadt gefunden, was hörbar gut ist für seine Deutschkenntnisse. Von Rahlstedt aus werden die Besuche mühsamer werden.

Tarek Deeb
Arnold Morascher

Tarek Deeb

Zwei Männer sehen sich unglücklich in ihrem Zimmer um, in dem gerade mal Platz ist für zwei Etagenbetten, einen Spind und einen Tisch. Die vier Stühle kann man nur nebeneinander stellen, es ist zu eng, um sie um den Tisch zu gruppieren. "Es ist klein, aber es ist euers", sagt Stolze aufmunternd. Mehr als zwei bis drei Menschen werden in dem Vier-Bett-Zimmer nicht wohnen, denn die Erstaufnahmen in Hamburg werden nicht mehr ganz gefüllt - um Kapazitäten zu haben, falls noch mal viele Flüchtlinge kommen. Für Rahlstedt heißt das: 560 Bewohner statt 960. Stolze sagt: "Ich finde, das ist eine intelligente Planung."

Am Nachmittag ziehen die restlichen fünfzig Flüchtlinge aus Osdorf nach Rahlstedt um. Acht neue Bewohner sind für den nächsten Tag angekündigt. "Morgen kommt auch unser erstes Baby", erzählt Stolze. Es ist gerade geboren worden und wird seine ersten Lebensmonate in Rahlstedt verbringen. "Wir sind auf alles vorbereitet."

Da bekommt er einen Anruf. Morgen kommen noch dreißig weitere Flüchtlinge. Der Alltag in der Erstaufnahme Rahlstedt hat begonnen.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.


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