Erstaufnahme am Grenzweg So kompliziert ist das Kita-Leben im Flüchtlingsheim

Badi Alghwani und sein Sohn Faris
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Badi Alghwani und sein Sohn Faris

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Kinder aus Ghana, der Ukraine, Syrien - und alle müssen die deutsche Sprache noch lernen: Der Alltag in der Kita eines Flüchtlingsheims ist herausfordernd. Auch die Traumatisierung mancher Kinder beschäftigt die Erzieherinnen.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

In den weißen Thermoskannen gibt es Kaffee und heißes Wasser, daneben Teebeutel, Milch und Zucker, auf Tellern liegen Kekse. Braune Kunstledersessel stehen im Kreis, ein Whiteboard ist aufgestellt. Es ist alles vorbereitet an diesem Nachmittag in der Erstaufnahme (EA) in Hamburg-Rahlstedt, denn die Erzieherinnen haben die Eltern eingeladen, um mit ihnen über den Kita-Alltag in der Flüchtlingsunterkunft zu sprechen.

Aber: Es ist nur ein einziges Paar gekommen, die junge Frau hält ihr Baby auf dem Arm, ihr Mann ist unruhig, denn er muss gleich los zur Arbeit. Ihr großes Kind tobt nebenan im Bewegungsraum. Und wo sind die anderen Eltern?

Huma Stanekzai-Dinzad
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Huma Stanekzai-Dinzad

Vor vier Wochen haben die Erzieherinnen Alexandra Strickmann und Huma Stanekzai-Dinzad zu dem Elterngespräch geladen, nun ist kurzfristig zur selben Uhrzeit eine Informationsveranstaltung in der Cafeteria angesetzt worden. Ärgerlich. Ein Mitarbeiter von Fördern&Wohnen, das in Hamburg die Flüchtlingsunterkünfte betreibt, erklärt dort rund 70 Bewohnern, nach welchen Kriterien sie nach und nach in Folgeeinrichtungen verlegt werden sollen. Starke Konkurrenz also zum Thema Kindererziehung.

Nach und nach kommen aber noch weitere Eltern in den Raum, eine alleinerziehende Mutter zweier Kinder aus Ghana, eine Ukrainerin mit drei Kindern, ein syrischer Vater, dessen fünfjähriger Sohn die Kita besucht. Da derzeit nur acht Kinder in die Kita der Erstaufnahme gehen, ist die Quote dann doch ganz gut. Drei bilinguale Mitarbeiter aus Sozial- und Unterkunftsmanagement haben die Malteser zum Elterngespräch geschickt, da jede Familie eine andere Sprache spricht und keiner genug Deutsch kann. Auch die Erzieherin Strickmann übersetzt, auf Englisch. Ihre in Afghanistan geborene Kollegin Stanekzai-Dinzad hätte noch drei weitere Sprachen beitragen können, nämlich Dari, Paschtu und Urdu.

Die Kita ist auf der anderen Seite des Flures untergebracht, es gibt einen Gruppenraum mit Ikea-Kinderstühlen, Modell Mammut, gut gefülltem Bücherregal und Spielzeug, und einen Bewegungsraum, fürs Kicken mit dem Schaumstoffball zum Beispiel. Vor dem Kita-Container ist ein großer Sandplatz angelegt, der aussieht, als sollten hier Rutsche und Schaukeln stehen. Stehen sie aber nicht. Nur ein paar bunte Plastikförmchen liegen verstreut herum.

Kita in der EA Rahlstedt
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Kita in der EA Rahlstedt

Bitte um Pünktlichkeit

"Wir fangen morgens um 9.30 Uhr an", sagt Strickmann, "es wäre toll, wenn alle Kinder dann da wären." Es geht also an diesem Nachmittag, wie vermutlich bei allen Elterngesprächen in allen Kitas der Welt, um Regeln, für die Kinder wie für die Eltern. Die Eltern sollen ihren Kindern Gummihosen und Gummistiefel mitgeben, wenn es regnet, und dann bitte keine Sportschuhe anziehen. Die Kinder brauchen Mütze und Handschuhe an kalten Tagen und sollen Kleidung tragen, die schmutzig werden darf. "Ich weiß, dass es schwierig ist, das alles im Camp zu besorgen", sagt Strickmann, "aber bitte geben Sie uns Bescheid, wenn etwas fehlt." Später sagt sie: "Die Kinder haben viele Schuhe, aber oft nicht die angemessenen und nicht in der richtigen Größe."

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Süßigkeiten sind nicht gerne gesehen, noch so ein Ur-Thema in Kitas. "Vielleicht einmal pro Woche Schokolade", sagt Stanekzai-Dinzad, "wegen der Zähne." Gemurmelte Übersetzungen. Die Eltern nicken. Klar, Kariesgefahr, das wissen alle.

Und auch an soziale Regeln sollen Kinder sich halten: dass sie beim Essen wenigstens fünf bis zehn Minuten am Tisch sitzen bleiben, dass sie den Morgenkreis durchhalten. Die Eltern, fordert Strickmann, sollten die Erzieherinnen hier unterstützen und ebenfalls auf Regeln achten.

Nicht nur Regeln sollen die Kinder lernen, sondern auch Deutsch. Das allerdings ist schwierig, genauso wie in der Schule der EA Rahlstedt, denn es gibt es kein einziges Kind, das mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen ist. Gemeinsam im Morgenkreis zwei, drei Lieder zu singen, sei der Einstieg ins Deutsche, erklärt Strickmann. Und die Eltern sollten bitte nur in der Heimatsprache mit den Kindern reden, damit die Sprachen sich nicht vermischten in den Köpfen der Kinder.

Schneller würden die Kinder Deutsch sprechen, wenn sie in ganz normale Kitas außerhalb der Erstaufnahmen gingen, und vielleicht wäre es auch leichter für sie, die deutschen Regeln zu lernen. Aber warum geschieht das nicht? Strickmann zuckt nur die Schultern. So ist es eben in Hamburg entschieden worden, zu einer Zeit, als die Behörden noch glaubten, die Flüchtlinge würden maximal sechs Monate in einer Erstaufnahme bleiben.

Ein Vater fragt: Warum gibt es keine Ausflüge?

Erzieherin Strickmann
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Erzieherin Strickmann

Warum die Kita nur bis mittags geöffnet sei und warum die Erzieherinnen mit den Kindern keine Ausflüge machten, in den Zoo, ins Schwimmbad, möchte der Syrer Badia Alghwani wissen, der vor knapp einem halben Jahr mit seinem Sohn Faris nach Deutschland geflohen ist. In Damaskus ging Faris jeden Tag von 8 bis 17 Uhr in die Kita, nun muss der Vater nachmittags für die Bespaßung sorgen, was auch dem Sohn nicht besonders gefalle. Es seien nur Öffnungszeiten von 9 bis 12.30 Uhr vorgesehen, erklärt Strickmann, und selbst Ausflüge zum Spielplatz in Rahlstedt seien erst möglich, "wenn die Kinder hören und nicht schon in alle Richtungen laufen, bevor wir überhaupt am Ausgang sind".

Eine Kita im Aufbau, mit Kindern, die alle unterschiedliche Sprachen sprechen, in der es ständig Unruhe in der Gruppe gibt, weil neue Kinder kommen und andere plötzlich verschwinden, wie zwei tschetschenische Kleinkinder, die mit ihren Eltern nach Polen "rückgeführt" wurden: Unter diesen Umständen einen normalen Alltag hinzubekommen ist schwierig.

Manche Kinder sind noch von der Flucht traumatisiert. Sie machen in die Hose, sie können nicht schlafen, sie rasten aus, sie schlagen, sie weinen und weinen. Sie erschießen andere mit fiktiven Waffen oder drohen dauernd, dass sie die Polizei oder den Sicherheitsdienst holen. "Eine normale Reaktion auf eine ungesunde Situation", sagt Strickmann. Badia Alghawani bestätigt das: Faris schlafe nur in seinem Arm, eng angekuschelt, in der Nacht durch.

"Gerade bei Kindern, die zu klein sind, um ihre Gefühle und ihren Schmerz zu artikulieren, macht es Sinn, die Kinder in unserer Unterkunftskita auf eine reguläre Kita vorzubereiten", sagt Olav Stolze, der Leiter der EA Rahlstedt.

"Dann boxen sie noch mehr"

Und dann ist da noch ein Thema, das die beiden Erzieherinnen an diesem Nachmittag ansprechen: Respekt. Die Eltern sollen Vorbild sein und die Kinder nicht anschreien. Sie sollen vorleben, dass man sich entschuldigt, wenn man einen Fehler gemacht hat. Und sie sollen ihren Kindern vermitteln, dass alle Menschen gleich viel wert seien.

"Du nicht gut", so beschimpften die Kinder sich gegenseitig, erzählt Strickmann, "das macht etwas mit den Kindern: Dann boxen sie noch mehr." Die Botschaft müsse hingegen lauten: "Alle Kinder sind gut, alle Kinder sind gleich, egal aus welcher Kultur sie kommen, egal welche Hautfarbe sie haben."

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

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