Flüchtlingsheim am Grenzweg

Flüchtlingsheim am Grenzweg Elia und die Erstklässler

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Viele Flüchtlinge haben nie eine Schule von innen gesehen, ihnen helfen Menschen wie Elia Nazemi. Der gebürtige Afghane leitet einen sogenannten Alphabetisierungskurs - und freut sich über den großen Andrang.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

"Können Sie Afghanistan buchstabieren?", fragt Elia Nazemi. Ein junger Mann meldet sich und sagt dann: "A, F, G", und Nazemi schreibt die Buchstaben mit Filzstift aufs Whiteboard. "Ha", sagt der Mann dann, mit einem kurzen a, es klingt wie ein knapper Zuruf. Nazemi blickt ihn fragend an: "Ha?", wiederholt er und setzt die Reihe grinsend fort: "He? Hu?". Dann korrigiert er: "Haa. Sagen Sie alle: Haa." "Haa", tönt das Echo.

Seit knapp zwei Monaten unterrichtet Nazemi 15 Bewohner der Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt. Sie kommen aus unterschiedlichen Krisengebieten wie Syrien, Afghanistan, Eritrea. Aber sie eint, dass sie Deutsch weder sprechen noch lesen noch schreiben können; manch einer kann nicht mal in der eigenen Muttersprache schreiben oder lesen. Nazemis Alphabetisierungskurs soll das ändern: "Hier werden die Weichen gestellt", sagt er, "hier wird den Menschen ein positives Bild von der deutschen Sprache und von Deutschland vermittelt."

Elf Prozent der Asylbewerber verfügen über keine Schulbildung, wie das Bundesamt für Flüchtlinge und Migration für 2016 ermittelte. Die Unterschiede zwischen den Herkunftsländern sind groß: Ein Viertel der Afghanen, die im vergangenen Jahr in Deutschland einen Asylantrag stellten, besitzen keine formelle Schulbildung. Bei den Flüchtlingen aus Eritrea liegt der Anteil bei mehr als einem Drittel, unter Syrern beträgt er lediglich fünf Prozent.

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Flüchtlingsheim am Grenzweg: Schreiben für Anfänger

Und so schreiben einige von Nazemis Schülern nicht nur zum ersten Mal lateinische Buchstaben, sondern überhaupt zum ersten Mal. Vor Kursbeginn testeteNazemimi und sein KollegGhassemeKaheded die Flüchtlinge, um ihnen die passenden Lehrbücher zu geben: Wer Dari, Arabisch oder Tigrinja und das lateinische Alphabet schriftlich beherrscht, bekommt andere Materialien als die Analphabeten.

Doch wer schreiben will, muss auch zuhören können. "Mir ist es wichtig, dass die Leute den Unterschied zwischen e und i hören, denn viele kennen den Unterschied nicht", sagt Nazemi. Er lege in seinem Unterricht viel Wert auf korrekte Aussprache. "Wer kennt ein Wort mit s?", fragt er, und eine junge Frau antwortet: "Seit". Nazemi schaut ratlos, deutet dann auf seine Uhr und fragt die anderen Kursteilnehmer: "Seit? Ist das richtig? Die Seit? Mit s? Oder heißt es ,Zeit'? Mit z?" Seine Schüler schütteln den Kopf, sagen "Zeit", doch die junge Frau beharrt auf ihrer Aussprache." Dann hebt sie ein Heft hoch, zeigt darauf und sagt: "Seit." "Ach, Seite!", sagt Nazemi erleichtert und schreibt das Wort an die Tafel.

"Man findet nur durch die Sprache Zugang zu einer Gesellschaft", sagt Nazemi. Der gebürtige Afghane weiß, wovon er spricht: Als er im Grundschulalter war, zog seine Familie nach Berlin, wo der Vater als Literaturprofessur arbeitete. Doch den Eltern gefiel es nicht in Deutschland, die Familie kehrte nach Afghanistan zurück. Das Problem für Nazemi: Er sprach fast kein Dari. In der deutschen Schule in Kabul sei er für seine afghanischen Klassenkameraden nur "der Deutsche" gewesen. Sechs Jahre später floh die Familie nach Indien, später dann weiter nach Deutschland.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Schon während seines Wirtschaftsstudiums in Darmstadt unterrichtete Nazemi Deutsch für Ausländer, später absolvierte er eine Ausbildung zum Mediator. Heute gibt er auch Seminare für interkulturelle Mediation, seine Kundschaft sind vor allem Flüchtlingshelfer. Den Lehrerjob in Rahlstedt habe er angenommen, weil er gemerkt habe, "dass die Integrationsarbeit so wichtig ist und man so viel bewegen kann".

Er freut sich, dass seine Kursteilnehmer Tag für Tag zum Unterricht erscheinen, pünktlich sind und wissbegierig, obwohl der Kurs freiwillig ist. Wie viele Bewohner sich gegen Sprachkurse entscheiden, weiß niemand. "Leider gibt es noch immer noch Bewohner, die gar keinen Sprachkurs machen, obwohl wir alle ansprechen. Die entgleiten uns", sagt Susanne Behem-Loeffler, die in der Unterkunft als Referentin Integrationsdienste und Ehrenamtsmanagerin arbeitet. Für sie sind Lehrer mit Migrationshintergrund - wie Nazemi - der Schlüssel zum Erfolg: "Sie sind Vorbilder, weil sie Teil der deutschen Gesellschaft geworden sind."

Der Alphabetisierungskurs ist ein gemeinsames Projekt der Malteser, die die Erstaufnahme in Rahlstedt führen, und der Volkshochschule. "Wir haben in Deutschland unterschätzt, wie viele der Geflüchteten Analphabeten sind", sagt Behem-Loeffler. Dann erzählt sie, dass es Überlegungen gebe, Analphabeten-Tandems zu bilden aus Deutschen und Flüchtlingen, die dann gemeinsam Lesen und Schreiben lernen.

Draußen am Eingangstor der Unterkunft steht eine Familie, ein paar Taschen lehnen an einer Containerwand. Vier Kinder im Kita- und Grundschulalter turnen auf den Fahrradständern herum. "Wir fahren nach Hause", sagt der kleine Ali, "nach Mazedonien." Er spricht schon ganz gut Deutsch.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
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