Flüchtlingsheim am Grenzweg

Flüchtlingsheim am Grenzweg Trommeln für die Freundschaft

Trommlerinnen Sarah und Asal
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Trommlerinnen Sarah und Asal

Von Marianne Wellershoff


Hamburger Schüler haben gemeinsam mit Flüchtlingskindern ein Konzert gegeben. Vielleicht erwächst aus der kleinen Begegnung eines Tages etwas Großes?

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Es ist 16.30 Uhr, und die vielen Zuschauer sitzen und knien schon auf den Parkbänken, die Kinder in der Sonne, die Eltern ein wenig seitwärts im Schatten unter den Bäumen. Manche im Publikum tragen Bänder um den Hals, an denen Ausweise baumeln - sie sind Besucher der Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt. An diesem Nachmittag gibt es hier ein Abschlusskonzert: Ein halbes Jahr lang haben Flüchtlingskinder aus der Unterkunft mit Schülerinnen aus der Rudolf-Steiner-Schule Singen, Tanzen und Trommeln geübt.

Während das Publikum wartet, wird im Sozialraum noch geprobt. Die Kursleiterinnen und Musikpädagogik-Studentinnen Mascha Bahner und Eliya Partush üben mit den Kindern die Tanzschritte, vor und vorbeugen, zurück und aufrichten, dabei singen sie ein afrikanisches Lied. An der Stirnwand des Raums steht ein kleines Büfett mit Getränken, Nüssen, Keksen. Ein paar Kinder greifen noch schnell zu, bevor sie zu ihrer Bühne gehen - der Sandfläche zwischen zwei Baumgruppen vor der Caféteria.

Trommelkonzert in der EA Rahlstedt
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Trommelkonzert in der EA Rahlstedt

Applaus, die Tanzgruppe ist da! Alle singen, Eliyah Partush begleitet auf der Gitarre, die acht Mädchen und Jungen tanzen nacheinander in die Mitte und begrüßen sich, haken sich unter, drehen sich. Dann ein Lied mit rhythmischem Sprechen, danach rhythmisches Klatschen und Trampeln, schließlich gemeinsames Trommeln auf den Djembés. Das Konzert dauert 20 Minuten. Applaus, das Publikum ist begeistert. Angele Sernaite vom Sozialmanagement der Malteser, die die Unterkunft leiten, verteilt Rosen, alle umarmen sich, und dann rennen die jungen Musikerinnen und Musiker zurück zum Sozialraum, dort gibt es zur Belohnung: Eis!

"Es war fast noch nie so gut wie heute", sagt Mascha Bahner. Und das, obwohl mit der kleinen Shahed eine Tänzerin und Trommlerin auf der Bühne stand, die erst kurz zuvor eingesprungen war - weil zwei Kinder der Waldorfschule ausgestiegen waren.

Ziel des Projekts ist: Integration. "Die Kinder in der Erstaufnahme (EA) leben relativ abgeschottet", sagt Mascha Bahner. Weil sie in der Unterkunft zur Schule gehen, lernen sie keine deutschen Kinder kennen, zudem liegt die EA Rahlstedt in einem Gewerbegebiet. Hier gibt es nicht mal einen Spielplatz, auf dem Flüchtlingskinder deutsche Kinder miteinander toben könnten. "Gerade Kinder sollten sich aber begegnen", sagt Mascha Bahner, "denn sie sind offen und treffen nicht wie viele Erwachsene die Unterscheidung in ,wir' und ,die'".

Erst schüchtern, dann selbstbewusst

"Mit Musik kann man non-verbal kommunizieren", sagt Ulrich Rademacher, Vorsitzender des Verbands deutscher Musikschulen, über Musik lerne man "Verstehen, Akzeptanz und Einhaltung von Regeln". Musik vermittele die Erfahrung, "gemeinsam etwas zu tun, was koordiniert werden muss". Was das konkret bewirkt, beschreibt Susanne Behem-Loeffler, die in der Rahlstedter Unterkunft als Referentin Integrationsdienste und Ehrenamtsmanagerin arbeitet: "Ein Junge aus dem Irak, der bei uns lebt und sehr schüchtern ist, konnte plötzlich vor Publikum singen und trommeln. Das wirkt nachhaltig auf sein Selbstbewusstsein in der Gruppe."

Musikpädagoginnen Mascha Bahner und Eliya Partush
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Musikpädagoginnen Mascha Bahner und Eliya Partush

Bahner und Partush hatten mehrere Schulen in der Nähe der Erstaufnahme gefragt, ob sie Interesse an einem gemeinsamen Trommelkurs hätten. Sonja Zimowski, Musiklehrerin der Rudolf Steiner Schule in Farmsen, meldete sich als erste und schaffte die Djembés für den Kurs an. "Wir hatten große Lust, das Projekt mit der Waldorfschule zu machen", erzählt Mascha Bahner, "dort gehen vor allem Kinder aus gebildeten Familien zur Schule, das fanden wir spannend." Außerdem machen Bahner und Partush ihre Musikpädagogik-Ausbildung auch in einer anthroposophischen Einrichtung.

"Tandemprojekt" lautet der Fachbegriff für den Kurs. Mascha Bahner und Eliyah Partush haben das Konzept gemeinsam mit Veronika Trautmann entwickelt, sie ist Ehrenamtskoordinatorin des Integrationsdienstes der Malteser und hat für das Projekt Fördergelder des Bundeskanzleramts beschafft. Die beiden Studentinnen hatten schon 2015 und 2016 in einer Sammelunterkunft des Deutschen Roten Kreuzes in Hamburg-Osdorf mit den Bewohnern Musik gemacht, quasi aus dem Nichts heraus, unter chaotischen Bedingungen, dauernd habe es neue Räume gegeben, jedes Mal hätten sie sich neu vorstellen müssen. Sie lernten dort auch einen iranischen Flüchtling kennen, der sich inzwischen an der gleichen Schule wie sie zum Musikpädagogen ausbilden lässt.

"Dürft ihr auch in den Ferien verreisen?"

Nach dem Konzert fragen die deutschen Kinder die Flüchtlinge: "Dürft ihr auch in den Ferien verreisen? Habt ihr einen deutschen Pass?" Nein, haben sie nicht, und für Reisen fehlt das Geld. Und dann: "Warum wurden eigentlich so viele Kinder abgeschoben?" Tatsächlich sei die Fluktuation der Kinder aus der Erstaufnahme ein Problem gewesen, sagt Mascha Bahner: Zwei Kinder verschwanden, weil ihre Familie untertauchte, um der Abschiebung nach Bosnien zu entgehen. Zwei Kinder wurden mit ihren Eltern abgeschoben, zwei Mädchen wurden verlegt, Shahed und Divan. Auch Asal ist aus der Unterkunft ausgezogen, aber ihre neue Wohnung liegt in der Nähe. "Asal hat uns durch den Kurs getragen", sagt Mascha Bahner, sie habe praktisch nie gefehlt.

Die Mutter eines Mädchens aus der Rudolf Steiner Schule berichtet, ihre Tochter habe sehr bewundert, wie viele Sprachen die Kinder aus der EA Rahlstedt sprächen. Aber es habe auch belastende Momente gegeben: "Unsere Tochter wächst sehr behütet auf, und da war es für sie neu, dass ein Kind nicht zum Kurs kommen kann, weil die Mutter durchgedreht ist." Lange hätten die Kinder auch getrennt gesessen, was den Kindern aber gar nicht bewusst gewesen sei. Und sie habe sich gefragt, ob der Aufwand sich wirklich lohne, ob das Projekt effizient sei. "Aber das denke ich heute nicht mehr", sagt die Mutter dann, "es sind die kleinen Begegnungen, die Momente der Nähe, für die es sich lohnt."

Das Eis ist aufgegessen, das Büfett ist geplündert, da sitzen Asal und zwei Mädchen aus der Rudolf Steiner Schule auf dem Fußboden und tauschen Adressen aus. Vielleicht wird aus der kleinen Begegnung noch eine große Freundschaft.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
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