Flüchtlingsheim am Grenzweg

Flüchtlingsheim am Grenzweg Wie Dekan sich für eine Ausbildung fit macht

Dekan Rashid bei der Berufsberatung in ihrem Klassenraum, Integrationsbegleiter Jochen Stiefvater
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Dekan Rashid bei der Berufsberatung in ihrem Klassenraum, Integrationsbegleiter Jochen Stiefvater

Von Marianne Wellershoff


Mit ihrer Familie floh Dekan Rashid wegen einer Blutfehde aus dem Irak. In Hamburg besucht sie nun eine Ausbildungsvorbereitung für Flüchtlinge. Die 17-Jährige träumt von einem Job als Zahnarzthelferin.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Dekan ist nervös, sie streicht sich die schwarzen Haare aus dem Gesicht, sie weiß nicht so richtig, wohin mit ihren Händen. Sie wartet auf einer Bank vor ihrem Klassenraum, im weitläufigen Flur der Berufsbildenden Schule H13 in Hamburg-Eppendorf. "Hast du Angst?", fragt Thomas Schuback. Dekan nickt. "Das brauchst du nicht", sagt Schuback, "es ist ja keine Prüfung."

Schuback ist an der Schule Abteilungsleiter der Ausbildungsvorbereitung für Flüchtlinge. Heute ist ein wichtiger Tag für seine Schülerinnen und Schüler, denn die Beraterin der Jugendberufsagentur für Flüchtlinge ist da. Sie besucht die beiden Klassen, die ab Herbst ihren Ersten Schulabschluss (ESA) machen, der früher mal Hauptschulabschluss hieß. Die Beraterin will herausfinden, welche Ausbildung die Jugendlichen machen möchten und ob sie noch weitere Unterstützung benötigen.

Seit rund anderthalb Jahren geht die Irakerin Dekan Rashid in die Berufsvorbereitungsklasse. Sie hat schon drei Praktika gemacht, Deutsch und Mathe gelernt und viel über Deutschland. Im September werden ihre Lehrer entscheiden, ob sie den Ersten Schulabschluss machen darf oder ob sie besser noch ein halbes Jahr Schule dranhängen sollte, um ihre Noten zu verbessern. Für Dekan ist klar: Sie möchte möglichst schnell mit einer Ausbildung beginnen.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Dann kommt die Berufsberaterin von ihrer kleinen Pause zwischen den vielen Gesprächen zurück und bittet Dekan in den Klassenraum. Jochen Stiefvater setzt sich neben die Schülerin. Er hat die Jugendliche in den vergangenen Monaten zu Vorstellungsterminen für Praktika begleitet, hat mit ihnen gesprochen, wenn sie Lernblockaden hatten, weil plötzlich wieder die Erinnerungen an Krieg und Flucht die Gedanken dominierten. Er entwickelt Projekte, wie zum Beispiel eine Tanzgruppe oder eine Zeitung, in der jeder seine Geschichte aufschreiben soll.

Als erstes möchte die Beraterin den Ausweis von Dekan Rashid sehen. Sie hat nur eine Aufenthaltsgestattung, der Asylantrag der Eltern wurde abgelehnt, die Familie wartet auf den Prozess vor dem Verwaltungsgericht.

"Ich möchte Zahnarzthelferin werden", sagt Dekan . Ihr zwei Praktika bei Zahnärzten hätten ihr gefallen. Wie es mit den Patienten gewesen sei, manche hätten ja auch Angst beim Zahnarzt, erkundigt sich die Beraterin. Dekan findet das offenbar eine eher skurrile Vorstellung, sie lächelt und schüttelt den Kopf. "Zahnmedizinische Fachangestellte" sagt die Berufsberaterin dann, "mit ESA hast du Chancen."

Für die Ausbildung benötige Dekan Sprachniveau B2, mit ihrem ESA erreiche sie aber nur B1. Deshalb schlägt die Berufsberaterin vor, dass Dekan in das "EQM"-Programm einsteigt, ein sechs bis zwölf Monate langes, bezahltes Praktikum, an dessen Ende im Idealfall die Übernahme in die Ausbildung steht. EQ steht für "Einstiegsqualifizierung", "M" für Migranten. Das Programm sieht vor, dass die Jugendlichen zwei Tage pro Woche zur Schule gehen, ihr Deutsch verbessern und die Fachbegriffe im gewünschten Beruf lernen. An den übrigen drei Tagen arbeiten sie in einem Betrieb.

Für 600 Flüchtlinge, die seit zwei Jahren in Hamburg an der dualen Ausbildungsvorbereitung für Migrantinnen und Migranten teilnehmen, stehen im Herbst die Prüfungen zum Ersten oder zum Mittleren Schulabschluss an. Zugelassen wird nur, wer auch große Chancen hat, die Prüfungen zu bestehen. "450 von ihnen werden einen Abschluss erwerben", schätzt Birgit Kruse vom Hamburger Institut für berufliche Bildung, die das Projekt entwickelt und schon Erfahrungen mit einer Pilotklasse gesammelt hat. "Das ist ziemlich viel." Wer seine Noten verbessern wolle, könne noch ein halbes oder notfalls sogar ein Jahr länger zur Schule gehen - was aber, wie Kruse sagt, nur die wenigsten Jugendlichen machen.

Jochen Stiefvater (l.) und Thomas Schuback
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Jochen Stiefvater (l.) und Thomas Schuback

Später erklärt Schuback, dass nach dieser intensiven Lernzeit so einige seiner Schützlinge "schulmüde" seien. Er berichtet auch, dass einige Schüler viele Fehlzeiten hätten. Manche deshalb, weil sie als Dolmetscher ihre Eltern zu den Behörden oder zum Arzt begleiten müssten. Und er erzählt, dass manche schlechte Leistungen zeigen würden, weil ihnen zuhause der Platz zum Lernen fehle.

Auch Dekans Familie hat erst monatelang in einer Turnhalle und dann in der Erstaufnahme in Rahlstedt gelebt. Nun wohnt die Familie in einer Folgeunterkunft mit zwei Zimmern. Für die Eltern und die drei Schulkinder gibt es dort nur einen Tisch, an dem alles stattfindet: Essen, Hausaufgaben, Lernen, Reden, Spielen. Nicht unbedingt beste Voraussetzungen für konzentriertes Lernen.

Aber für Leistungsschwächere gibt es ein Angebot: "ASA", "assistierte Ausbildung". Das könne, sagt Kruse, parallel zur Ausbildung Nachhilfeunterricht oder auch eine sozialpädagogische Begleitung sein. Finanziert wird diese Unterstützung von der Agentur für Arbeit, aber wer nicht als Flüchtling anerkannt ist oder subsidiären Schutz genießt, sondern nur eine Duldung hat, bekommt die Förderung erst nach 12 bis 15 Monaten Aufenthalt in Deutschland. Und das, obwohl alle abgelehnten Asylbewerber während der dreijährigen Ausbildung und der ersten zwei Berufsjahre laut Integrationsgesetz nicht abgeschoben werden dürfen. Die Hamburger Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration plädiert dafür, im Bundesrecht die Wartezeiten für Fördermaßnahmen zu verkürzen.

Ob sie schon eine Email-Adresse habe, will die Berufsberaterin von Dekan wissen. Viele Bewerbungen würden mittlerweile auch per Mail verschickt. "Vorname.Nachname", das sei am einfachsten. Nein, wie fast alle Flüchtlinge kommuniziert sie nur über WhatsApp. "Das mache ich morgen", verspricht Dekan aber.

"Hast du einen Praktikumsplatz im Herbst?", fragt die Beraterin. Dekan schüttelt den Kopf. Sie wird der Berufsberaterin ihre Bewerbung und ihren Lebenslauf mailen, sie wird sich in den Ferien bei Hamburger Zahnarztpraxen bewerben und sie wird nachdenken, ob sie vielleicht doch noch ein halbes Jahr länger zur Schule geht.

Denn dann sind die Bedingungen für konzentriertes Lernen günstiger. Dekan zieht im September mit ihrer Familie aus der Folgeunterkunft in die HafenCity und wird sich nicht mehr mit Mutter, Vater, Bruder und Schwester ein Zimmer teilen, sondern nur noch mit ihrer achtjährigen Schwester.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
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