Flüchtlingsheim am Grenzweg

Flüchtlingsheim am Grenzweg Zwischen Weltpolitik und Spülküche

Lagebesprechung beim ZKF mit Milva Mitzlaff, Thomas Melchert und Svend Sörensen
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Lagebesprechung beim ZKF mit Milva Mitzlaff, Thomas Melchert und Svend Sörensen

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In Hamburg kommen deutlich weniger Flüchtlinge an, was passiert jetzt mit den vielen Erstaufnahmeplätzen? Beim Zentralen Koordinierungsstab Flüchtlinge laufen die Fäden in der Planung zusammen.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Was macht man jetzt mit dieser Rechnung? 2200 Euro hat der Caterer ausgegeben, weil er die Spülküche ausräumen, anheben, wieder zurückstellen und einräumen musste.

In den beiden Cafeterien der Erstaufnahme in Hamburg Rahlstedt war der Fußboden an mehreren Stellen defekt. Den Auftrag für das Umsetzen der Spülküche haben die Malteser vergeben. Sie leiten die Unterkunft und sind für das Catering verantwortlich. Die Reparatur des Fußbodens hat die Sprinkenhof AG übernommen. Und über wen rechnet man nun die 2200 Euro des Caterers ab? Über die Malteser, weil sie den Auftrag vergeben haben? Oder über die Sprinkenhof AG, weil sie die Baumaßnahme leitet?

"Bitte nicht über die Betreiberrechnung", sagt Thomas Melchert, "das wirft nur Fragen auf, weil diese Maßnahme grundsätzlich nichts mit dem Betrieb der Einrichtung zu tun hatte, sondern eine Folge der Baumaßnahmen war." Melchert ist Leiter des Referates 31 "Betrieb, Lagedienst und Notfallbetrieb" des Zentralen Koordinierungsstabs Flüchtlinge (ZKF) in Hamburg. An diesem Morgen ist um 10 Uhr Besprechung zur Abstimmung der Themen zwischen den Referaten Betrieb und Bau, sie findet in jeder Woche ein- bis zweimal statt. Also gut, eine Mitarbeiterin hat sich zwar in dieser Sache schon eine Abfuhr der Sprinkenhof AG geholt, sie versucht es aber noch mal.

Der ZKF wurde im Oktober 2015 als Hybrid-Abteilung von Innenbehörde und Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration gegründet. Er war vor allem dafür da, Ordnung ins Chaos zu bringen, den Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf zu geben, sie mit Essen und Kleidung zu versorgen. Am Anfang war viel Improvisation nötig. "Es gibt nichts, was ich nicht erlebt habe", sagt ZKF-Chef Anselm Sprandel.

Anselm Sprandel
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Anselm Sprandel

Inzwischen werden Erstaufnahmen nicht mehr aufgebaut, sondern rückgebaut, wie der Fachbegriff lautet. 19 gibt es derzeit noch, in denen 5500 Flüchtlinge untergebracht sind. Von diesen sind 3700 überresident, das heißt, sie leben dort länger als sechs Monate. Ende 2017 sollen nur noch 5000 Menschen in Erstaufnahmen leben, so das im Februar vom ZKF verkündete Ziel.

Beim Rückbau tauchen die Spuren des anfänglichen Chaos wieder auf. In einer Einrichtung sind Funkgeräte und Laptops zurückgeblieben, in einer Turnhalle gibt es Telefone und Router. Wem gehören die? Wer holt sie ab? Und wo sollen die Geräte gelagert werden? Solche Fragen sind Thema in der ZKF-Besprechung.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Wenn Erstaufnahmen schließen, "müssen wir ausreichend Ersatz schaffen", sagt Sprandel. Ab Mitte 2018, so der Plan, soll niemand länger als die gesetzlich vorgesehenen sechs Monate in einer Erstaufnahme untergebracht sein - abgesehen von Menschen aus sogenannten sicheren Herkunftsländern, die in der Erstaufnahme bleiben müssen. Langfristig Bestand haben Gebäude mit "Perspektive Wohnen" - Unterkünfte für Flüchtlinge, aus denen später sozialer Wohnungsbau entsteht. "Aber der wird nicht einfach umgewidmet", sagt Sprandel, schließlich müssen Sozialwohnungen allen Hamburgern zur Verfügung stehen, die einen Anspruch darauf haben.

Derzeit kommen durchschnittlich noch 300 Flüchtlinge pro Monat nach Hamburg. Dennoch werden die Kapazitäten der Erstaufnahmen nicht auf ein Minimum zurückgefahren. Es soll noch Reserven an Raum und Personal geben. Denn falls wieder Tausende Menschen in die Stadt kommen, "wollen wir nicht so nackt dastehen wie 2015", sagt Sprandel. Deshalb wird beispielsweise die Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt nicht voll belegt, damit ein Puffer von rund 400 Plätzen bleibt.

Holger Poser
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Holger Poser

Um 10.30 Uhr trifft sich eine Runde aus ZKF-Abteilungsleitern zur Lagebesprechung: Der stellvertretende Pressesprecher berichtet, was die Presse über die Barmbeker Messerattacke schreibt und dass die Grünen-Chefin Katrin Göring-Eckardt kritisiere, Europa sei bei der Verteilung der Flüchtlinge keinen Schritt weiter als 2015. "Da hat sie nicht ganz Unrecht", sagt Holger Poser, der zuständig ist für die Erstaufnahmen und deren Betrieb.

Der Lagedienst berichtet von einem MEK-Einsatz in einer Unterkunft, weil ein Bewohner randaliert und gedroht habe, sich zu verletzen. Und dann gibt es ein Update zu den Flüchtlingsrouten: Immer mehr Menschen wählen den Weg über Spanien, es sind vor allem Afrikaner und Nordafrikaner. Die Zahl der Menschen, die Italien erreichten, sei hingegen um 75 Prozent gesunken, seit die libysche Küstenwache ihre Patrouillen ausgeweitet habe.

Während im Konferenzraum die Weltlage diskutiert wird, sitzt ein paar Zimmer weiter Milva Mitzlaff an ihrem Schreibtisch, sie ist Sachgebietsleiterin "Betrieb und Notfallbetrieb". Sie macht gerade die Schichtplanung bis zum Jahresende, denn rund um die Uhr muss jemand vom ZKF erreichbar sein, "wenn in einer Unterkunft eine Heizung defekt ist oder es einen Stromausfall gibt". Wenn Ratten um Mülltonnen herumlungern, muss sie sich darum kümmern. Gehört die Anlage der Stadt, ruft sie beim Amt für Schädlingsbekämpfung an; ist sie gemietet, beauftragt sie einen privaten Schädlingsbekämpfer.

Milva Mitzlaff
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Milva Mitzlaff

Mitzlaff ist studierte Rettungsingenieurin, seit September 2016 arbeitet sie beim ZKF. Dass sich viel verändert hat, dass es inzwischen so etwas wie Normalität in den Erstaufnahmen gibt, zeigt das Beispiel Catering. Am Anfang habe man praktisch jeden Anbieter akzeptieren müssen, "heute haben wir Zeit, uns mit Bewohnerräten zu besprechen und für besseres Essen zu sorgen".

Bis Ende 2018 soll die Zahl der ZKF-Mitarbeiter von 70 auf 48 sinken. Das Team wird sich dann verstärkt um das Thema Integration kümmern. Sprandel geht in dem Feld einiges zu langsam, zum Beispiel die Vermittlung in Ausbildungs- und Arbeitsplätze.

Abteilungsleiter Poser und einige seiner Mitarbeiter beim ZKF waren vor dem Herbst 2015 für den Katastrophenschutz in Hamburg zuständig. Auch deshalb sagt Sprandel: "Wir haben den Ruf und die Funktion, schnell zu sein." Er weiß, dass dieses Notfallmanagement eines Tages wieder gebraucht werden könnte.


Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Äußerung von Katrin Göring-Eckardt habe sich auf Deutschland bezogen. Dem ZKF-Sprecher zufolge ging es jedoch um Europa. Wir haben die Stelle korrigiert und die Bezeichnungen der Besprechungen und des Pressesprechers präzisiert.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.



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