Flüchtlingsheim am Grenzweg In ganzen Sätzen zum Schulabschluss

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Hamburg versucht in einem Pilotprojekt, jugendliche Flüchtlinge für eine Ausbildung fit zu machen. Die Schüler arbeiten fleißig für ihre Zukunft, bis auf die Momente, in denen sie die Vergangenheit einholt.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

"Baukasten für Sätze" ist der Titel des kopierten Blatts, das der Lehrer Uwe Migenda an diesem Vormittag in seiner Klasse verteilt. In einer Tabelle sind Wörter in den Kategorien "Sache, Person, Tier", "Verb", "Beruf" aufgelistet, aus denen die neun Schülerinnen und Schüler ganze Sätze bilden sollen. "Die Altenpflegerin kontrolliert ältere Menschen", formuliert ein junger Afghane, und Migenda sagt leise: "Na, hoffentlich nicht."

"Der Erzieher aufpassen die Kinder", schreibt Dekan Rashid auf ihren Zettel. Seit ein paar Monaten geht die 17-jährige irakische Kurdin in die Berufsvorbereitungsklasse der Beruflichen Schule H13 in Hamburg-Eppendorf. In ihrer Heimatstadt Sulaimannyia hatte sie elf Jahre lang die Schule besucht, dann floh sie mit ihrer Familie vor einer Blutfehde nach Deutschland. Alle in Dekans Klasse sind Flüchtlinge, die meisten sind noch unter 18 Jahre alt. Manche sind mit ihren Familien nach Deutschland gekommen, andere haben sich allein auf den Weg gemacht und haben hier nun einen Vormund.

"In der vergangenen Woche haben wir einen Film über Dienstleistungsberufe gesehen", sagt Migenda und bittet die Schüler zu erzählen, um welche Jobs es ging: "Friseur", "Hotel". "Bitte sprecht in ganzen Sätzen", sagt Migenda, und eine Schülerin gibt die nächste Antwort: "vorbereiten Essen".

Die sogenannte Ausbildungsvorbereitung für Migrantinnen und Migranten - Dual ist ein Pilotprojekt, das im Februar vergangenen Jahres nach einem Beschluss der Hamburger Bürgerschaft startete. Das Angebot ist für jugendliche Flüchtlinge ab 16 Jahren konzipiert - egal, ob ihr Asylantrag positiv, negativ oder noch gar nicht entschieden wurde. Sie lernen im "berufsübergreifenden Unterricht" Deutsch, Mathematik, Englisch und deutsche "Werte und Normen".

Menschen vom Grenzweg
Familie Rashid
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Ashna, Awat sowie ihre Kinder Dekan, Mohammed und Divan sind irakische Kurden. Sie flohen 2015 vor Morddrohungen im Zusammenhang mit einer Blutfehde, die schon Dekans Zwillingsschwester das Leben kostete. Im Februar 2017 zog die Familie aus der EA Rahlstedt in eine Hamburger Folgeunterkunft. Dekan besucht einen Berufsvorbereitungskurs, Mohammed geht in die Waldorfschule und Divan in eine Grundschule. Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt, sie haben Widerspruch eingelegt und warten auf ihren Prozess.
Murad
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Vor den mordenden Terrortruppen des IS floh der irakische Jeside im August 2014 mit seiner Familie Hals über Kopf ins Sindschar-Gebirge und später in die Autonome Region Kurdistan. Da er dort keine Perspektive für sich sah, kam er 2015 nach Hamburg. Seit November 2016 ist er als Flüchtling anerkannt und besucht einen Integrationskurs. Außerdem dreht er einen eigenen Film, in dem er seinen Blick auf Flüchtlinge in Deutschland dokumentieren will. Derzeit sucht er zudem einen Halbtagsjob.
Safouh Hussain
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Schon 2012 verließ er mit seiner Familie Damaskus und floh in den Libanon, denn seine Mutter ist Libanesin. Der Syrer machte in Beirut Abitur und entschloss sich danach, eine neue Perspektive in Deutschland zu suchen. Deutsch brachte er sich mit Internet-Kursen selbst bei, seit Dezember 2016 besucht er einen Integrationskurs. Er ist als Flüchtling anerkannt und möchte im Herbst 2017 ein Studium beginnen. Anfang April 2017 hat er die EA Rahlstedt verlassen und ist in eine eigene Wohnung in Hamburg umgezogen.
Olav Stolze
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Für die Malteser leitete Olav Stolze ab Herbst 2015 schon die Flüchtlings-Notunterkunft in der Turnhalle Rugenbarg und zog mit den verbliebenen Bewohnern im Oktober 2016 in die Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt um, die er seitdem leitet. Ihm unterstehen Unterkunftsmanagement, Sozialmanagement und Technischer Dienst in dem Flüchtlingsheim.
Susanne Behem-Loeffler
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Ihr Job als Ehrenamtskoordinatorin ist es, Freiwillige für die Arbeit in der EA Rahlstedt zu gewinnen: Menschen, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen, mit ihnen Sport, Musik oder Theater machen, die mit den Kindern basteln oder mit Frauen nähen. Sie kümmert sich auch um Ehrenamts-Aktivitäten außerhalb der Unterkunft und vermittelte zum Beispiel Murad eine Theaterhospitanz.
Mena Rytlewski
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Sie studierte in Hamburg Sozialökonomie und arbeitete lange mit Behinderten. Dann bewarb sie sich bei den Maltesern, und seit Januar 2017 leitet sie in der EA Rahlstedt das Sozialmanagement. Sie ist Ansprechpartnerin für die Bewohner, vermittelt Traumatisierte an Ärzte oder zuständige Behörden, sorgt für den sozialen Frieden in der Unterkunft.

Im "berufsbezogenen Unterricht" geht es um "Betriebliches Lernen und Handeln" oder auch um "Reflexion betrieblicher Erfahrungen". Denn die Jugendlichen gehen nicht nur zur Schule, sondern sie machen auch drei Praktika in Unternehmen, an zwei Tagen pro Woche. Erstens können sie so verschiedene Berufe kennenlernen und zweitens ihr Deutsch im Alltag anwenden. "Oft denken Jugendliche, sie müssten kein Deutsch mehr lernen, wenn sie sich verständigen können", sagt Birgit Kruse vom Hamburger Institut für berufliche Bildung, die das Pilotprojekt entwickelt hat, "da hilft der Abgleich im Joballtag." Ziel nach den zwei Jahren ist ein Schulabschluss - und danach eine Ausbildung oder das Abitur.

So weit jedenfalls die Theorie. Für Dekan Rashid aber lief es nicht so gut. Sie hatte ein Praktikum als Zahnarzthelferin begonnen, doch plötzlich verlangte der Arzt eine Hepatitis-B-Impfung. 200 Euro hätte die gekostet, und die Krankenkasse fühlte sich nicht zuständig. Dekan Rashid selbst konnte das Geld nicht aufbringen, denn zu dieser Zeit wohnte sie noch in der Erstaufnahme in Rahlstedt (seit einem Monat lebt sie mit ihrer Familie in einer Folgeunterkunft) und bekam nach dem Asylbewerberleistungsgesetz 86 Euro im Monat. Auch die 80 Cent pro Stunde, die ihre Mutter Ashna in der Wäscherei der Flüchtlingsunterkunft dazuverdiente, reichten nicht für die Kosten der Impfung. Also war das Praktikum für Dekan von einem auf den anderen Tag zu Ende. Erst anschließend fand sich ein Sponsor, der die Impfung bezahlte.

Doch nun muss das zweite Praktikum geplant werden, es soll am 27. März beginnen. Migenda breitet ein großes Papier auf dem Tisch aus und zeichnet eine Tabelle. Hier will er eintragen, für welche Sparten die Schülerinnen und Schüler sich interessieren, welche Bewerbungen sie schon losgeschickt haben. Dekan möchte jetzt wirklich ein Praktikum beim Zahnarzt machen. Die Syrerin Nisren Mohammad will im Krankenhaus arbeiten, um noch mal die Chance zu nutzen, etwas Neues kennenzulernen - im August beginnt sie nämlich ihre Ausbildung als Zahnarzthelferin. Danach möchte sie Zahnmedizin studieren.

Als Migenda dann Amer nach seinem Wunsch fragt, antwortet der: "Schiffsmechaniker". Das gehe nicht, antwortet Migenda, denn Schiffe seien wochenlang unterwegs - das Praktikum aber finde an zwei Tagen in der Woche statt, und an den anderen drei Tagen sei Unterricht in der Schule. Vielleicht also Automechaniker? "Schiffsmechaniker", wiederholt Amer. Migenda seufzt und notiert "Mechaniker".

"Ich bin optimistisch, dass mehr als vierzig Prozent der jugendlichen Flüchtlinge den Schulabschluss schaffen", sagt Thomas Schuback, Abteilungsleiter der Ausbildungsvorbereitung an der Beruflichen Schule Eppendorf. Besonders wichtig ist uns, dass alle Schülerinnen und Schüler eine Anschlussperspektive erhalten." "Lernwillig" seien alle jugendlichen Flüchtlinge, so Schuback. Manche aber können nicht mal lesen und schreiben. Für sie gibt es an der H13-Schule eine Alphabetisierungsklasse.

Thomas Schuback
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Thomas Schuback

Und dann gibt es die Phasen, in denen die Schüler nicht lernfähig sind. Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen plagen sie; sie leiden an den Folgen von Krieg, Flucht, Verlust des Zuhauses. Schuback sagt: "Ich habe Geschichten gehört, die mich nicht schlafen ließen." Dann erzählt er, dass die Schüler lange Zeit freundlich lächelten, dass sie auffallend angenehm seien, und erst, wenn sie Vertrauen gefasst hätten, erzählten sie, dass sie ihre Mutter vermissen und Angst haben, sie nie mehr wiederzusehen. Bei vielen jungen Afghanen komme die Angst vor der Abschiebung hinzu: "Für den Schulbetrieb ist das eine Katastrophe."

Auch Dekan Rashid lebt in der Ungewissheit, ob sie mit ihrem Widerspruch gegen die Ablehnung ihres Asylantrags beim Verwaltungsgericht durchkommen wird. Aber es gibt immerhin eine gute Nachricht: Ihr zweites Praktikum wird sie bei einem Zahnarzt in Hamburg-Wandsbek machen.

Und auch für ihre achtjährige Schwester Divan geht es voran. Die Rudolf Steiner Schule, die schon ihr Bruder Mohammed besucht, hat Divan in die zweite Klasse aufgenommen. Nach 16 Monaten in Deutschland besucht sie endlich eine richtige Grundschule.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.



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