Flüchtlingsheim am Grenzweg

Flüchtlingsheim am Grenzweg Die Euphorie ist verflogen

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Seit die ersten Flüchtlinge ins Heim in Hamburg-Rahlstedt zogen, hat sich dort vieles verbessert. Zufriedener sind die Bewohner trotzdem nicht - viel haben Angst. Vor der Abschiebung, vor der Zukunft.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.


Olav Stolze hatte einen ruhigen Morgen, endlich mal. Seine Frau hat an diesem Tag Geburtstag, "das ist ja nur einmal im Jahr", sagt er. Er hat mir ihr gefrühstückt, statt wie immer frühmorgens am Schreibtisch zu sitzen.

Es ist ein bedeckter Herbsttag, kühl, aber ohne den schneidend kalten Ostwind, der vor rund einem Jahr durch die Erstaufnahme in Rahlstedt blies - damals, als die Notunterkunft in einer Turnhalle geschlossen wurde und die übrig gebliebenen 86 Flüchtlinge nach Hamburg-Rahlstedt umzogen, in das neu gebaute Containerdorf. Einrichtungsleiter Stolze saß damals mit im Bus, er hatte für die Malteser schon die Unterkunft im Stadtteil Osdorf geleitet. "Ich hatte die Hoffnung, dass wir in Rahlstedt bessere Möglichkeiten haben, dass es Ärzte, Freizeitangebote und richtige Zimmer gibt."

Diese Hoffnungen Stolzes haben sich erfüllt, auch wenn es anfangs holperte: Monatelang war das Trinkwasser verkeimt, Duschen liefen über und wurden gesperrt, statt 560 Menschen durften deshalb nur 200 einziehen. Es gab keinen Spielplatz.

Inzwischen turnen rund 40 Kinder über die Spielgeräte auf dem zentralen Platz der EA Rahlstedt. Dort stehen Tischtennis-Platten, es gibt eine Grundschule, Sprach- und Musikkurse, einen Friseur, eine Nähstube, einen Jugendklub, eine Fahrradwerkstatt, Ärzte halten Sprechstunden im Medizincontainer ab. Hübscher ist das Gelände auch geworden, weil Bewohner aus gespendetem Holz große Blumenkästen gebaut haben.

"Viele haben Angst vor der Zukunft"

Aber eine Hoffnung hat sich nicht erfüllt: dass die Flüchtlinge zufriedener sind. "Heute machen wir keinen mehr mit einer Decke und einem warmen Essen glücklich", sagt Stolze. Die Euphorie des Jahres 2015 sei vorbei. Denn als die Flüchtlinge in der Notunterkunft lebten, stellten sie ihre Asylanträge und hatten Anhörungen beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Seit sie in Rahlstedt wohnen, kommen die Bescheide. Viele davon sind negativ, gerade bei den Afghanen. "Viele haben Angst vor der Zukunft, sie sind häufig sehr verzweifelt", sagt Stolze.

Für die Mitarbeiter von Sozialmanagement und Infopoint sei die Arbeit viel komplexer geworden. Und belastender. Denn nach der Ablehnung folgt - für Menschen aus sicheren Herkunftsländern wie Mazedonien oder Bosnien - die Abschiebung. "Einige hoffen bis zuletzt, dass es doch noch gut geht", sagt Stolze.

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Flüchtlingsunterkunft in Hamburg: Schwierige Zeiten

Die Stimmung hat sich verändert, auch weil einige Bewohner so lange in der Erstaufnahme sind, 500 Tage und mehr. "Ich hatte die Hoffnung", sagt Stolze, "dass die Bewohner schneller Plätze in Folgeunterkünften finden." Erst vor kurzem ist die gebürtige Libanesin Tamam Al-Gandour ausgezogen. Sie hatte vierzig Jahre in Syrien gelebt, aber nie die syrische Staatsbürgerschaft angenommen. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt, sie konnte nicht das Bundesland wechseln und zu ihrem Sohn nach Dortmund ziehen. Nach 734 Tagen in Osdorf und in Rahlstedt wurde ihr schließlich ein Zimmer in einer Folgeunterkunft zugewiesen.

"Wir haben das Gefühl, wir leben in einem öffentlichen Schwimmbad"

Mehr als 400 Menschen leben heute in der EA Rahlstedt. Wenn es 500 oder sogar 560 werden - so viele kann die Unterkunft maximal aufnehmen - , wird sich noch mehr verändern: Dann schaut der "Bürgernahe Beamte" Michael Goltz nicht nur so vorbei, sondert bietet jede Woche eine Sprechstunde an, das ist Vorschrift.

Jörg Volenec, der direkt neben dem Gelände seine Reinigungsfirma hat und auch mit Frau und Kind dort wohnt, wird auch im nächsten Sommer seine Terrasse nicht nutzen - weil schon jetzt durch die Verdoppelung der Bewohnerzahl "der Geräuschpegel gravierend gestiegen" sei: "Wir haben das Gefühl, wir leben in einem öffentlichen Schwimmbad."

Stolze sagt, "wir nehmen das ernst". Er werde dafür sorgen, dass ab 22 Uhr Nachtruhe herrsche. Außerdem erwägt er, die Sprachkurse in den Containerkomplex zu verlegen, der direkt neben Volenecs Grundstück steht - und Jugendklub sowie andere Sozialräume in den Bildungscontainer umziehen zu lassen.

Für mehr Bewohner stehen immer weniger Malteser-Mitarbeiter zur Verfügung. "Wir lassen Zeitverträge auslaufen", sagt Stolze. Ursprünglich war Personal für zwei Unterkünfte eingestellt worden. Doch weil 2016 viel weniger Flüchtlinge kamen, wurde keine zweite Einrichtung benötigt. Bis auf Stolze haben alle Mitarbeiter Zeitverträge, denn die EA Rahlstedt ist für zwei Jahre geplant. Mit Option auf ein Jahr Verlängerung.

Jeden Monat kommen noch rund 400 bis 500 geflüchtete Menschen nach Hamburg. 5400 leben in Erstaufnahmen, davon sind 1100 "überresident", also seit mehr als sechs Monaten in einer Erstaufnahme. Die Stadt Hamburg und der Koordinierungsstab Flüchtlinge hätten vieles richtig gemacht und wenig falsch, sagt Stolze. "Wir geben den Menschen, die kein Zuhause mehr haben, ein Zuhause auf Zeit. Ich glaube, wir haben unseren Job gut gemacht."


Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, Tamam Al-Gandour habe vierzig Jahre im Libanon gelebt. Tatsächlich lebte sie in Syrien. Wir haben die Stelle im Text korrigiert.



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