Baustopp für Flüchtlingsheim Ohne Augenmaß ins Villenviertel

Die Einrichtung eines Flüchtlingsheims in einem wohlhabenden Stadtteil Hamburgs ist vorerst an einem Gerichtsurteil gescheitert. Das kann man beklagen - für die Förderer des Heims sollte es aber auch Anlass zur Selbstkritik sein.

Ein Kommentar von Bruno Schrep

Ehemaliges Kreiswehrersatzamt in Harvestehude: Hier ist das Heim geplant
DPA

Ehemaliges Kreiswehrersatzamt in Harvestehude: Hier ist das Heim geplant


Der Versuch, in Hamburg ein Asylbewerberheim mitten in eine Villengegend zu pflanzen, ist zunächst einmal gescheitert. Das Verwaltungsgericht der Hansestadt hat den Umbau des ehemaligen Kreiswehrersatzamtes im Stadtteil Harvestehude vorläufig gestoppt, einer Klage von drei Anwohnern stattgegeben. Die Flüchtlingsunterkunft in diesem "besonders geschützten Wohngebiet" sei "nicht genehmigungsfähig".

Jetzt sind die Initiatoren des Plans erst einmal fassungslos, damit hatten sie nicht gerechnet. Es ließ sich ja auch so gut an: Da war ein leerstehendes Haus, da war dieses Millionärsviertel, und da waren die vielen Flüchtlinge, die es in Hamburg unterzubringen gilt. Und dann war da diese allgemeine Stimmung in der Stadt, doch auch mal diese feinen Herrschaften an der Alster mit der Wirklichkeit zu konfrontieren, schon aus Gründen der Gerechtigkeit.

Die paar Anlieger, die längst nicht so massiv protestierten wie anderswo, mit denen würde man schon fertig. Dachten jedenfalls die sozialdemokratischen Politiker, die den Plan geschmiedet hatten: Olaf Scholz, der Regierende Hamburger Bürgermeister, Torsten Sevecke, der zuständige Bezirksamtsleiter. Sollten die Leute doch klagen, das würde sowieso abgeschmettert.

Und nun diese Bauchlandung.

Kein Grund zum Frohlocken für die siegreichen Anwohner, das Oberverwaltungsgericht kann im Beschwerdeverfahren genau umgekehrt entscheiden. Kein Grund aber auch zur Richterschelte für die Verlierer. Sondern womöglich Anlass zur Selbstkritik. Denn das ehrgeizige Experiment war in vielerlei Hinsicht ausgesprochen ehrgeizig dimensioniert: sehr groß, sehr schnell, sehr teuer.

Vielleicht hätte man behutsamer vorgehen müssen, insbesondere bei der ursprünglich geplanten Zahl der Flüchtlinge: 220 Asylbewerber in einem Karree, in dem nur 180 Bewohner leben, das ist sehr, sehr viel. Zu viel, wie jetzt das Verwaltungsgericht befand. Denn, begründeten die Richter ihre Entscheidung: "Die Größe einer solchen Einrichtung ist so gering zu bemessen, dass von ihr gebietsuntypische Störungen nicht zu erwarten sind."

Andererseits wirft gerade diese Formulierung kritische Fragen auf, jenseits von Baurecht und Gebietsverordnungen: Was ist eine gebietsuntypische Störung? Der Lärm spielender Kinder? Laute Musik? Fremd klingendes Stimmengewirr?

Die Diskussion darüber, welche "Störungen" welcher Klientel zuzumuten sind, ist noch längst nicht vorbei. Klar ist nur: Der vorläufige Baustopp bedeutet nicht das Ende der Notwendigkeit, Asylbewerber auch in wohlhabenden Stadtteilen unterzubringen. Die Lasten können nicht nur die Bewohner von Randgebieten und sozialen Brennpunkten tragen.

Das gilt nicht nur für Hamburg, sondern für alle Städte, die das Flüchtlingsproblem bislang so weit wie möglich von ihren Zentren fernhielten. Wenn immer mehr Menschen vor den Kriegswirren ihrer Heimatländer nach Deutschland fliehen, ist ein grundsätzliches Umdenken notwendig.

Notwendig ist aber auch Augenmaß. Konzentration auf möglichst kleinere Einheiten, Werben um das Verständnis der Anwohner von Anfang an, Rücksicht auf die Besonderheiten der jeweiligen Hilfesuchenden, keine Zusammenballung von Menschen unterschiedlichster Nationalitäten und Religionen.

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insgesamt 178 Beiträge
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Seite 1
fridagold 23.01.2015
1.
Augenmaß ist ein gutes Stichwort. Ich bin absolut dafür, dass Flüchtlinge integriert werden - aber 200 Leute in ein Viertel mit 180 Einwohner, nee, das muss doch jeder kapieren, dass es nicht hinhaut. Eine Ausländerquote von über 50% verunsichert nun einmal enorm. Sehr wahrscheinlich hätte es bei 10 Flüchtlingen kein Problem gegeben.
baut-as 23.01.2015
2. kann mir mal
bitte einer mal erklaeren, was "besonders geschützten Wohngebiet" -gibt´s so was?- und ein Flüchtlingsheim "nicht genehmigungsfähig" sei? Stall mit Landwirtschaft anscheinend nicht, da Maria und Joseph..., sie wissen schon, aber wieso Villenviertel? Die haben doch mehr Wohnraum zur Verfügung, als dass ein Asylbewerber oder Flüchtling je brauchen könnte; und von den derzeitigen Bewohnern auch nicht genutzt wird (höchstens um Luft zu bunkern).
ludwig49 23.01.2015
3. Die Unterbringung von Flüchtlingen...
...an zentralen Orten mit größerer Personenzahl ist deshalb wenig sinnvoll, wenn die vielzitierte Integration auch eine wesentliche Rolle spielen soll. Und in einem Villenviertel, da sind doch nicht mal Kindergärten erwünscht! Den Planern der SPD mit ihren luxuriösen Anwesen darf man doch mal nahelegen, ihre Einlieger- wohnungen auch mal anderweitig zu nutzen. Bei der christlichen Partei ist das doch bereits eine Selbst- verständlichkeit, oder?
m.eccarius 23.01.2015
4.
Zitat von fridagoldAugenmaß ist ein gutes Stichwort. Ich bin absolut dafür, dass Flüchtlinge integriert werden - aber 200 Leute in ein Viertel mit 180 Einwohner, nee, das muss doch jeder kapieren, dass es nicht hinhaut. Eine Ausländerquote von über 50% verunsichert nun einmal enorm. Sehr wahrscheinlich hätte es bei 10 Flüchtlingen kein Problem gegeben.
Nebenbei lt. Wikipedia hat Hervesthude 16875 Einwohner......
kumi-ori 23.01.2015
5.
Wahrscheinlich möchte niemand gern ein Flüchtlingsheim in seiner unmittelbaren Umgebung haben. Das ist leider nun mal so. Was nun die Richter damit errreicht haben, ist natürlich, dass jetzt jeder Anwohner mit dem selben Recht gegen eine solche (und jede andere Einrichtung) in seiner Nachbarschaft klagen kann. Oder wollen die Richter etwa sagen, dass es nur einer ganz bestimmten Einkommensschicht ansteht, sich gegen ihren Teil an den allgemeinen Verpflichtungen zu verwahren.
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