Flüchtlingsheim am Grenzweg Freiheit auf zwei Rädern

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Flüchtlinge müssen eine Menge Neues lernen, Beispiel: die Verkehrsregeln. In der Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt zeigen Polizisten, wie sicheres Fahrradfahren geht. Und dass man keine Angst vor ihnen haben muss.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

"Die Polizei kommt!" Elmedin springt auf sein Kinderfahrrad und rast zum stählernen Eingangstor der Flüchtlingsunterkunft. Die anderen Kinder hinterher, bloß schnell sein, denn dort stehen tatsächlich eine Polizistin und ein Polizist. Nein, es hat keinen Ärger gegeben, keine Prügelei, die beiden sind von der Verkehrspolizei. Ihr Auftrag an diesem Nachmittag: Den Kindern in der Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt zu zeigen, wie man richtig Rad fährt.

Die Malteser, die die Unterkunft betreiben, haben das Verkehrstraining zum Teil des Schulferien-Angebots gemacht - auch Stockbrot-Grillen am Lagerfeuer und der Besuch eines Indoor-Spielplatzes standen auf dem Programm. Die Fahrräder wurden gespendet, vom kleinen rosa Spielfahrrad bis zum viel zu großen Herrenrad, auf dem der Ägypter Yahya, 12, schwankend über den Rasen fährt. "Ali, das Rad ist zu groß!", ruft Jacques Zeljko Blagojevic vom Sozialmanagement, und sein Kollege läuft los, um ein anderes Rad aus dem Raum zu holen, in dem mal die Kleiderkammer untergebracht war. Es ist leider genauso riesig, aber egal, Yahya findet, dass es super passt - Dabeisein ist alles.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Diana und Asal sind schon in ihrer iranischen Heimat Rad gefahren, aber da gab es keine deutschen Straßenverkehrsregeln und keinen Verkehrsunterricht in der Schule. Alle neun Kinder, die mit ihren Rädern auf dem großen Grasplatz in der Mitte des Geländes stehen, können an diesem Tag also einiges Neues lernen.

Zum Beispiel, wie ein Fahrradhelm zu sitzen hat. "Immer zwei Finger Platz zwischen Gurt und Kinn", sagt der Verkehrspolizist Marcus Grimme zu Yahya. "Die Fußspitzen müssen auf dem Boden stehen", erklärt die Verkehrspolizistin Cornelia Kayser, "und die Schuhbänder bitte zuschnüren." Und Ali geht wieder los, holt den Werkzeugkasten, schraubt Sättel hoch und runter.

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Flüchtlingsheim am Grenzweg: Freiheit auf zwei Rädern

Danach wird die Grundfertigkeit Nummer eins geübt: bremsen. Die Kinder radeln auf die Polizistin Kayser zu, bremsen oder auch nicht, ein Mädchen fällt um, alles eben Übungssache. Anschließend wird in Schlangenlinien um Klötzchen geradelt, das klappt deutlich besser.

Es ist einer der ersten Frühlingstage, und deshalb sind die Kinder nicht die einzigen, die draußen sind auf der Wiese zwischen Verwaltungstrakt, Cafeteria und Wohnblöcken. Ein junger Bosnier im Trainingsanzug hat sich auf eine Bank gesetzt und schaut den fröhlich radelnden Kindern zu. Er war gerade bei der Ausländerbehörde, sie wird ihm und seiner Familie helfen, in seine Heimat zurückzukehren. Eigentlich wollte er in Deutschland eine Arbeit finden, für sich, seine Frau und die beiden Kinder eine bessere Zukunft schaffen. Aber er glaubt nicht mehr an seinen Traum. Sein Baby wird in Bosnien aufwachsen, mit Geburtsort Hamburg in den Papieren.

Menschen vom Grenzweg
Olav Stolze
Arnold Morascher
Für die Malteser leitete Olav Stolze ab Herbst 2015 schon die Flüchtlings-Notunterkunft in der Turnhalle Rugenbarg und zog mit den verbliebenen Bewohnern im Oktober 2016 in die Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt um, die er seitdem leitet. Ihm unterstehen Unterkunftsmanagement, Sozialmanagement und Technischer Dienst in dem Flüchtlingsheim.
Susanne Behem-Loeffler
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Ihr Job als Ehrenamtskoordinatorin ist es, Freiwillige für die Arbeit in der EA Rahlstedt zu gewinnen: Menschen, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen, mit ihnen Sport, Musik oder Theater machen, die mit den Kindern basteln oder mit Frauen nähen. Sie kümmert sich auch um Ehrenamts-Aktivitäten außerhalb der Unterkunft und vermittelte zum Beispiel Murad eine Theaterhospitanz.
Mena Rytlewski
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Sie studierte in Hamburg Sozialökonomie und arbeitete lange mit Behinderten. Dann bewarb sie sich bei den Maltesern, und seit Januar 2017 leitet sie in der EA Rahlstedt das Sozialmanagement. Sie ist Ansprechpartnerin für die Bewohner, vermittelt Traumatisierte an Ärzte oder zuständige Behörden, sorgt für den sozialen Frieden in der Unterkunft.
Familie Rashid
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Ashna, Awat sowie ihre Kinder Dekan, Mohammed und Divan sind irakische Kurden. Sie flohen 2015 vor Morddrohungen im Zusammenhang mit einer Blutfehde, die schon Dekans Zwillingsschwester das Leben kostete. Im Februar 2017 zog die Familie aus der EA Rahlstedt in eine Hamburger Folgeunterkunft. Dekan besucht einen Berufsvorbereitungskurs, Mohammed geht in die Waldorfschule und Divan in eine Grundschule. Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt, sie haben Widerspruch eingelegt und warten auf ihren Prozess.
Murad
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Vor den mordenden Terrortruppen des IS floh der irakische Jeside im August 2014 mit seiner Familie Hals über Kopf ins Sindschar-Gebirge und später in die Autonome Region Kurdistan. Da er dort keine Perspektive für sich sah, kam er 2015 nach Hamburg. Seit November 2016 ist er als Flüchtling anerkannt und besucht einen Integrationskurs. Außerdem dreht er einen eigenen Film, in dem er seinen Blick auf Flüchtlinge in Deutschland dokumentieren will. Derzeit sucht er zudem einen Halbtagsjob.
Safouh Hussain
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Schon 2012 verließ er mit seiner Familie Damaskus und floh in den Libanon, denn seine Mutter ist Libanesin. Der Syrer machte in Beirut Abitur und entschloss sich danach, eine neue Perspektive in Deutschland zu suchen. Deutsch brachte er sich mit Internet-Kursen selbst bei, seit Dezember 2016 besucht er einen Integrationskurs. Er ist als Flüchtling anerkannt und möchte im Herbst 2017 ein Studium beginnen. Anfang April 2017 hat er die EA Rahlstedt verlassen und ist in eine eigene Wohnung in Hamburg umgezogen.

Vor der Cafeteria stehen ein paar junge Männer, einer zieht seinen Pullover hoch und zeigt einem Malteser seinen Bauch. Ein anderer Bewohner schaut sich die Stelle ebenfalls an und nickt, ja, das kennt er, so sah es bei ihm auch aus: Krätze, Skabies. Mit einem Papier in der Hand geht der Bewohner kurz danach zum Arzt, später stellt sich heraus, dass es nur ein Ekzem ist. "Er hat von uns deshalb eine ph-neutrale Seife bekommen", sagt Tanja Bee-Weinelt, die stellvertretende Leiterin der EA Rahlstedt.

Krätze gibt es aber trotzdem in der Unterkunft: Eine Familie mit Kind hat sich mit den Milben angesteckt, wo und wie, weiß keiner. Sie sind nun im Quarantäne-Zimmer untergebracht, haben ihr eigenes Bad. Jeden Tag müssen sie die Bettwäsche wechseln und mit Spezialwaschmittel heiß waschen, ihr vorheriges Zimmer wurde desinfiziert. Und die Unterkunftsleitung hat pflichtgemäß das Gesundheitsamt informiert.

Auf der Wiese gibt es einen Crash, Mahmoud ist zu nah an Asal herangefahren, sie weint. "Komm zu Mama", sagt der Malteser Blagojevic und nimmt das Mädchen in den Arm. "Immer zwei Fahrradlängen Abstand halten", ruft der Verkehrspolizist Grimme. Kurz danach radelt der kleine Faris zu ihm und blickt misstrauisch auf den mit Ledertaschen behängten Gürtel des Polizisten. "In Deutschland hilft die Polizei viel", sagt Grimme beruhigend, "du brauchst keine Angst zu haben."

Das ermutigt Faris, nach dem Pfefferspray zu greifen. "Nein, das nicht", sagt Grimme schnell. Und dann ist auch schon die nächste Aufgabe dran, nämlich einhändig zu fahren, als Vorbereitung fürs Handzeichen beim Abbiegen.

Fahrradtraining mit Cornelia Kayser
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Fahrradtraining mit Cornelia Kayser

Ein Stück vor der Cafeteria üben die Kinder, eine Straße zu überqueren, auch wenn es keine öffentliche Straße ist, sondern ein autofreier Weg in der EA Rahlstedt. Rechts schauen, losfahren, links den Arm ausstrecken, abbiegen. "Fahren wir auch raus?", fragt Elmedin. "Nein, ihr kennt ja die Verkehrsregeln noch nicht", antwortet die Polizistin Kayser.

Die Polizistin erzählt dann, die Flüchtlingskinder führen auch nicht weniger sicher Fahrrad als Kinder aus manchen Hamburger Stadtteilen. Aus jenen Stadtteilen nämlich, in denen die Eltern selbst nie ein Fahrrad benutzten.

Noch ein Rennen im Langsamfahren, das Diana gewinnt, dann ist der Verkehrsunterricht vorbei. Eigentlich wollten die Malteser mit den Kindern anschließend noch eine Tour durch das Naturschutzgebiet Höltigbaum machen, aber nun sieht es nach Regen aus. Also werden die Räder zurück in den Abstellraum geschoben, und dann laufen die Kinder auf den Spielplatz neben der Rasenfläche. Seit einer Woche stehen hier Kletterturm, Rutsche, Schaukelpferd, Vogelnest-Schaukel. 25.000 Euro hat der Zentrale Koordinierungsstab Flüchtlinge (ZKF) dafür ausgegeben, wegen des Wetters wurde er erst jetzt fertig.

Geplant hat die Anlage Tanja Bee-Weinelt, mit knallbunten Spielgeräten, weil "leuchtende Farben gerade kleinen Kindern helfen, Höhen und Entfernungen besser einzuschätzen". In Fußnähe gibt es keinen öffentlichen Spielplatz, kein Wunder, die Unterkunft liegt am Rande eines Gewerbegebiets.

Rund vierzig Kinder leben derzeit in der EA Rahlstedt. Bis Ende März werden noch neun Trinkwasserproben untersucht, und wenn die endlich keimfrei sind, dann wird der Belegungsstopp für die EA Rahlstedt aufgehoben. Und dann werden nicht mehr 200 Menschen in der Unterkunft wohnen, sondern 450. Angekommen ist schon jetzt der 13-jährige vermisste Bruder von Parnian Rashidy. Seine Familie hatte ihn mit Hilfe des Roten Kreuzes gesucht, jetzt ist er nach fünf Monaten tatsächlich in Griechenland gefunden worden.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

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