Flüchtlingsheim in Harvestehude Mitten in den Wohlstand

Mitten in einer der teuersten Gegenden Hamburgs werden demnächst Kriegsflüchtlinge einziehen: In Harvestehude ist ein Flüchtlingsheim geplant. Der Bezirksamtschef sieht keinen Grund zur Diskussion, Anwohner schon.

Von Tanja Mokosch

SPIEGEL ONLINE

Hamburg - Es riecht nach altem Teppichboden, das Licht der Energiesparlampen fällt auf eierschalengelbe Wände und hellblaue Türstöcke. Draußen wuchert auf einem kleinen Grünstreifen Löwenzahn und anderes Unkraut. Eine Hecke dient als Abgrenzung zum Nachbargrundstück, dort haben sich auf dem kurzgemähten Rasen vor der Altbauvilla nur ein paar Gänseblümchen verirrt.

Diesen Blick auf den Wohlstand werden ab Ende des Jahres Flüchtlinge haben, wenn sie den Funktionsbau Sophienterrasse 1a im Stadtteil Harvestehude beziehen. Das ehemalige Kreiswehrersatzamt soll zum Flüchtlingsheim umgebaut werden, 23 Wohneinheiten mit zwei bis acht Zimmern, Platz für 220 Menschen. In einer von Hamburgs Topadressen.

Nur wenige Gehminuten von der Außenalster entfernt säumen Villen die Straßen, vor ihnen reihen sich Audis an BMWs und Porsches. Das Durchschnittseinkommen in dem Viertel liegt bei über 70.000 Euro. Mehr als doppelt so hoch wie im Hamburger Durchschnitt.

"Da gibt's doch keine Diskussion drüber"

Die Zahl der Asylanträge steigt, Politiker drängen darauf, vor allem Menschen aus Syrien aufzunehmen. In der bayerischen Provinz, in Berlin, immer wieder kommt es zu Protesten von Bürgern, die sich um ihre Behaglichkeit sorgen, nicht selten angeführt von Rechten, die Ängste schüren und Fremdenhass verbreiten.

Für Bezirksamtsleiter Torsten Sevecke kam es nicht überraschend, dass sich unter den Stuckdecken Widerstand regte. Der Unterschied zwischen den Flüchtlingen und ihren Nachbarn könnte größer kaum sein. Die Frage, warum ausgerechnet hier eine Unterkunft aufgemacht werden sollte, kontert er mit einer Gegenfrage: "Warum nicht?"

Seit dem Jahr 2013 werde man "von Flüchtlingen überrollt", im vergangenen Jahr aber lag der Bezirk Eimsbüttel, zu dem Harvestehude gehört, mit der Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge im städtischen Vergleich auf dem letzten Platz.

Sechs neue Flüchtlingsheime sind seither im Bezirk entstanden. Eines mitten in der Stadt soll jetzt folgen: in Harvestehude. "Weil wir natürlich unseren Beitrag für die Unterbringung von Flüchtlingen leisten müssen", sagt Sevecke. "Da gibt's doch keine Diskussion drüber."

Gibt es doch. Dirk Kessemeier etwa, Anwohner und Investor, findet den Standort unpassend. Er nennt die Investitionen der Stadt in Höhe von rund 20 Millionen Euro geradezu "unsozial".

Das Flüchtlingsheim als Luxusobjekt?

Die Stadt Hamburg hat das Gebäude für rund 15 Millionen Euro dem Bund abgekauft. Für den Umbau der Büros zu Wohnräumen und den weiteren Ausbau werden zusätzlich vier Millionen Euro veranschlagt. Damit ist laut Bezirk ein EU-Schwellenwert überschritten, eine europaweite Bekanntmachung der Ausschreibung der Planungsleistungen wird notwendig. Deshalb sollen die Flüchtlinge frühestens Mitte des kommenden Jahres und nicht, wie zunächst geplant, Ende 2014 einziehen. Die Opposition sieht dagegen einen ganz anderen Grund hinter der Verzögerung: So werde das Heim erst nach den Bürgerschaftswahlen im Frühjahr 2015 fertig, Bürgermeister Scholz müsse nicht fürchten, dass es ihn Wählerstimmen koste.

Das Gebäude wird dann für zehn Jahre an "Fördern + Wohnen" vermietet, eine Anstalt des öffentlichen Rechts, die für die Betreuung der Flüchtlinge und Verwaltung der Unterkunft sorgen soll.

Kessemeier sagt, für den gleichen Betrag könne man andernorts tausend Flüchtlinge unterbringen: "Wenn das Schiff untergeht, fängt man ja auch nicht an und gibt 200 Leuten ein schnittiges Motorboot und die anderen sitzen auf einem Holzring und ertrinken." Sprich: Das Flüchtlingsheim in Toplage sei ein überflüssiges Luxusobjekt.

Die Integration steht im Vordergrund

Für Bezirksamtsleiter Sevecke ist die Unterbringung von mehr Flüchtlingen an einem möglicherweise günstigeren Ort keine Option. An der Sophienterrasse sollen hauptsächlich Familien einziehen, die schon mindestens drei Monate in Deutschland leben und auch Aussicht darauf haben, bleiben zu dürfen. Die Integration der Menschen stehe im Vordergrund: "Wenn sie eine Massenunterkunft mit tausend Leuten haben, in einem Gewerbegebiet, dann ist das zwar für den Rest der 1,8 Millionen nicht sichtbar, aber an der Stelle ballen sich Probleme. Das kann man doch nicht verantworten."

Kessemeier aber will das nicht gelten lassen. Im noblen Harvestehude könne es schließlich für die Flüchtlinge ebenso schwer werden: "Jetzt setzt du die zwischen lauter Porsche und gibst denen 300 oder 400 Euro. Damit können die in dem Umfeld gar nichts kaufen." Supermärkte in unmittelbarer Nähe seien zu teuer, der Weg zu günstigeren Alternativen zu weit.

Doch aus Sicht der Behörden ist der Standort sehr wohl geeignet: Es zählen Faktoren wie die Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel, die Laufentfernung zu Einkaufsmöglichkeiten und der Sozialindex des Umfelds, der unauffällig sein sollte. Zum Beispiel muss der Ausländeranteil durchschnittlich hoch sein. All das ist bei der Sophienterrasse 1a gegeben.

Anwohner gründen Flüchtlingshilfe-Verein

Es gibt auch Bewohner von Harvestehude, die helfen wollen. Als Hendrikje Blandow-Schlegel zum ersten Mal von den Plänen hörte, wurde sie aktiv. Sie gründete den Verein "Flüchtlingshilfe Harvestehude". Inzwischen hat er 52 Mitglieder.

Sie wollen den Flüchtlingen zeigen, wo sie einkaufen können, wollen Fahrräder zur Verfügung stellen, als Übersetzer helfen, Sprachunterricht geben und eine Kinderbetreuung organisieren. Der Bezirk will dafür sorgen, dass Kinder im schulpflichtigen Alter die umliegenden Schulen besuchen können. Dort werden spezielle Klassen eingerichtet, in denen Mädchen und Jungen auf den Besuch in normalen Klassen vorbereitet werden sollen. Kinder ab einem Jahr dürfen für mindestens fünf Stunden täglich eine Kita besuchen.

Susi Burhenne, die nicht weit vom alten Kreiswehrersatzamt entfernt wohnt, sagt, sie sei nicht gegen die Flüchtlinge, aber es werde schwierig für beide Seiten. "Alles, was hier passieren wird, wird diesen Menschen angelastet werden." Man dürfe auch nicht vergessen, dass es sich bei den Anwohnern um eine Generation handele, "die sich das alles schwer erkämpft hat. Die wollen keine, wie sie es nennen, 'Störenfriede'."

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