Überbelegtes Camp Hunderte protestieren gegen Flüchtlingslager von Calais

Hunderte Demonstranten haben im nordfranzösischen Calais die Schließung eines Flüchtlingslagers gefordert. Die Situation in dem als "Dschungel" berüchtigten Camp ist seit langem angespannt.

Demonstration gegen Flüchtlingscamp "Dschungel" in Calais
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Demonstration gegen Flüchtlingscamp "Dschungel" in Calais


Es waren Fernfahrer, Einzelhändler und Hafenarbeiter, die am Montag im nordfranzösischen Calais auf die Straße gingen, um ihrem Unmut Luft zu machen: Das als "Dschungel" bekannte Flüchtlingslager solle endlich geschlossen werden, so ihre Forderung.

Dutzende Lastwagen waren unterwegs und verursachten kilometerlange Staus. Hunderte Protestierende versammelten sich und bildeten eine Menschenkette. Angeführt wurden sie von der konservativen Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchard. "Wir wollen, dass die öffentliche Ordnung hier wiederhergestellt wird, indem der nördliche Teil des Lagers geräumt wird", sagte sie.

In dem umstrittenen Camp leben den Behörden zufolge 6900 Flüchtlinge und damit so viele wie nie zuvor seit seiner Entstehung im Frühjahr 2015. Hilfsorganisationen sprechen sogar von mehr als 9000 Bewohnern. Für bis zu 1900 Menschen gibt es vom Staat finanzierte Container, der Rest lebt in Behelfsunterkünften. Die meisten der Flüchtlinge hoffen, über den Ärmelkanal nach Großbritannien zu kommen.

Immer wieder stoppen Migranten vor dem Eingang des Hafens Lastwagen, um an Bord der Fahrzeuge versteckt auf Fähren zu gelangen. So wurden etwa Baumstämme quer auf die Fahrbahn gelegt, um den Verkehr zum Erliegen zu bringen. Erst im Juli war eine 18-jährige Eritreerin an einer aus Bauschutt aufgerichteten Barrikade von einem Lkw erfasst und getötet worden.

Transportunternehmen kritisieren die Zustände schon seit langem als unhaltbar. Einzelhändler in Calais fürchten negative Auswirkungen auf ihr Geschäft.

Protest gegen Flüchtlingscamp in Calais
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Protest gegen Flüchtlingscamp in Calais

Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve hatte Ende vergangener Woche eine Schließung des Lagers angekündigt, aber keinen präzisen Zeitplan genannt.

"Wir wollen ein Datum", sagte ein verärgerter Demonstrant dem Sender BFMTV. Die Zahl der Menschen in der Zelt- und Hüttensiedlung auf einem Brachland in der Nähe des Hafens war zuletzt deutlich gestiegen, obwohl die Behörden im Frühjahr den südlichen Teil geräumt hatten.

"Die Situation hier ist ein echtes Pulverfass", sagte der Landwirt Xavier Foissey dem Sender franceinfo. "Wenn die Behörden nichts tun, droht ein Drama." Ein Taxifahrer erzählte, die Migranten nähmen enorme Risiken auf sich, "und bringen uns damit auch in Gefahr".

Das Thema hat Relevanz auch im anstehenden Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich. Der konservativer Ex-Staatschef Nicolas Sarkozy forderte ebenfalls am Montag ein "geschlossenes Zentrum" auf britischem Boden, um Asylanträge dort zu bearbeiten. Zwischenstaatliche Verträge sehen vor, dass die britische Grenze bereits in Calais kontrolliert wird - dies sorgt immer wieder für Kritik, vor allem von französischen Oppositionspolitikern. Sarkozy will im kommenden Jahr erneut für den Élysée-Palast kandidieren.

ala/dpa/AFP

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