Flut in Pakistan: Ein Land geht unter
Die Flut in Pakistan war die größte humanitäre Katastrophe 2010, Millionen Menschen verloren ihr Hab und Gut. Für SPIEGEL ONLINE war Südasien-Korrespondent Hasnain Kazim im Einsatz - und sah Bilder, die er nie mehr vergessen wird.
Ich bin im Swat-Tal, eine Gruppe von Männern sitzt am Ufer des Swat-Flusses, an einer breiten Stelle. Sie hocken da, trinken Tee, blicken aufs Wasser, unterhalten sich, manchmal lachen sie sogar. Gott sei Dank, denke ich, hier hat die Flut keinen Schaden angerichtet.
Ich sage ihnen: "Ihr habt Glück gehabt, ein paar Kilometer weiter südlich sind alle Dörfer verwüstet."
Die Männer betrachten mich mitleidig. Sie geben mir zu verstehen, dass ich nichts verstanden habe.
Einer von ihnen steht auf, geht mit mir ein paar Schritte auf das Steilufer zu und zeigt auf den reißenden Strom.
"Da standen unsere Häuser, insgesamt über hundert Gebäude." Dann dreht er sich um und deutet auf die Männer. "Wir sitzen hier, weil wir alles verloren haben. Hier gibt es keine Trümmer, weil unser Dorf komplett weggerissen wurde."
Die Flutkatastrophe hat verheerenden Schaden angerichtet in einem ohnehin armen, von Islamisten terrorisierten Land. Ein Fünftel des Landes steht unter Wasser, rund 20 Millionen Menschen sind betroffen, viele von ihnen werden obdachlos.
Überall ist Wasser, doch es fehlt an sauberem Trinkwasser. Und überall, wohin man kommt, rennen die Menschen auf einen zu und fragen, ob man Wasserflaschen dabeihabe. Ich gewöhne es mir an, bei Recherchen in den Flutgebieten immer einen Vorrat im Kofferraum mitzunehmen.
Und dann sind da diese Nachrichten aus Deutschland, die Menschen seien spendenunwillig. Man habe Angst, das Geld könne in die falschen Hände geraten, die Regierung sei ohnehin korrupt, und was, wenn man womöglich Islamisten helfe?
Diese Sorgen passen überhaupt nicht zusammen mit dem, was ich vor Ort sehe: Organisationen aus aller Welt, die anpacken, die aber zu wenig Mittel haben, weil zu wenig Spenden ankommen. Und die peinlichst darauf achten, dass das Geld wirklich den Flutopfern zugutekommt.
Der schwere Monsunregen, der die Flüsse über die Ufer treten lässt, hat Ende Juli begonnen. Es dauert Tage, bis sich das Ausmaß der Katastrophe selbst in Pakistan herumspricht. Im Ausland dauert es über eine Woche. Diese Flut sei schlimmer als das Erdbeben in Haiti, alarmiert ein Uno-Vertreter. Erst der Vergleich von Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon, die Flut sei ein "Tsunami in Zeitlupe", rüttelt die Weltöffentlichkeit auf. Plötzlich fließt Geld.
Die Menschen aus dem Dorf, das verschwunden ist, sind bei Verwandten und Freunden und in Flüchtlingslagern untergekommen. Im Frühjahr, wenn es wieder wärmer wird, wollen sie ein neues Dorf bauen. Diesmal ein paar Meter weiter entfernt vom Fluss.
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- Freitag, 24.12.2010 – 11:51 Uhr
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