Aus Zaramaina berichtet Hasnain Kazim
Die Angst hat sie doch noch gepackt. Vor ein paar Tagen, als plötzlich dicke Tropfen auf das Blechdach prasselten, ewige Minuten lang, und der Staub zu Schlamm wurde, waren die schrecklichen Bilder wieder da. Mehreen Bibi kichert leise in ihre Hand, als wäre es ihr ein bisschen peinlich, dass sie, ihre Geschwister und die Eltern die wenigen Sachen gepackt haben, die sie noch besitzen, und zu Verwandten ein paar Kilometer weiter weg vom Fluss geflohen sind. "Aber dann war's doch nicht so schlimm. Der Regen hörte nach einer Stunde wieder auf."
Mehreen, zwölf Jahre alt, ist wieder zu Hause. Sie lebt in dem Dorf Zaramaina, im Distrikt Nowshera, Nordwestpakistan. Die Flut im vergangenen Sommer hat das Haus der Bibis fortgespült. Das Gebäude aus Ziegelsteinen zerbröselte in den Wassermassen, am Ende blieb nur der Stall stehen. Jetzt schläft die Familie neben Kühen und Ziegen. Manchmal verirrt sich ein Huhn in ihre Betten. Hinter dem Stall rauscht der Kabul-Fluss, braunes Wasser, lebensnotwendig zur Bewässerung der Felder. Seit einem Jahr wissen die Menschen, dass dieser Strom auch lebensbedrohlich sein kann.
Damals, nach wochenlanger Hitze und Trockenheit, hatten die Menschen in Pakistan sehnsüchtig auf den Regen gewartet. Ende Juli 2010 begannen der alljährliche Monsunregen, aber diesmal war er so stark und so andauernd, dass die Flüsse über die Ufer traten, zuerst im Norden, später im Süden. Etwa ein Fünftel des Landes wurde überschwemmt, eine Fläche so groß wie Italien, 20,3 Millionen Menschen verloren ihre Häuser, es war die größte Katastrophe in der Geschichte Pakistans. Nach Angaben der Uno wurden insgesamt 1,6 Millionen Gebäude zerstört, Geschäfte, vor allem aber Wohnhäuser, außerdem Straßen, Brücken, Stromleitungen.
Ansammlung von Ruinen
Die Spenden flossen nur spärlich. Man hatte doch gerade erst für die Erdbebenopfer in Haiti gespendet, und würde die Hilfe in Pakistan nicht sowieso in die Hände einer korrupten Regierung oder gar der Taliban landen? Erst ein dramatischer Hilferuf von Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon führte dazu, dass Pakistan Hilfsmittel erreichten.
Ob es trotzdem zu wenig Geld war, ob das Geld versickert ist in dunkle Kanäle und ob die bisher bereitgestellten Mittel zurückgehalten werden, weil Politiker sich darüber streiten, wie sie am besten zu ihrem eigenen Nutzen ausgegeben werden, lässt sich nicht mit Gewissheit feststellen. Tatsache ist, dass weite Teile der zerstörten Gebiete immer noch zerstört sind. Die pakistanische Regierung sagt, von den für Wiederaufbauarbeiten nötigen 1,9 Milliarden Dollar seien bisher nur 76 Prozent angekommen.
Zaramaina, ein von Zuckerrohr- und Tabakfeldern umgebenes Dorf, das man nur nach beschwerlicher Fahrt über holprige Pisten erreicht, ist eine Ansammlung von Ruinen: kaum ein Haus, das ein Jahr nach der Flut wieder steht.
Haider Ali Shah, zwölf Jahre, lebt in der Nachbarschaft von Mehreens Familie: unter einem Baum. Die Familie hat die Charpois, wie die Betten in Südasien genannt werden, im Freien aufgestellt. "Wenn es regnet, werden wir eben nass", sagt der Junge. Sein Shalwar Kameez, knielanges Hemd, Pluderhose, ist schmutzig, er besitzt lediglich einen weiteren zum Wechseln. Tagsüber brennt die Sonne. Zu dieser Jahreszeit erreichen die Temperaturen tagsüber fast 50 Grad, Mücken machen die Nacht unerträglich. Im Winter hat die Familie gefroren, der Vater, ein pensionierter Soldat, hat immer ein Feuer angezündet. Aus Ziegelsteinen, die der Fluss aus dem Norden, von anderen zerstörten Dörfern, angespült hat, haben sie einen kleinen Raum gebaut, auf einer Seite abgehängt durch ein Laken. Es ist der Lagerraum für das Bettzeug und das Kochgeschirr.
Falsche Prioritäten des Staates
"Niemand hat uns geholfen", sagt ein Nachbar der Familie Shah. "Niemand." Ein Jahr lang hätten sie schon auf Hilfe gewartet, darauf, dass ihnen jemand Geld oder wenigstens Baumaterial gibt, um eine neue Unterkunft zu bauen. Ein bisschen Hoffnung habe er noch, sagt er. "Vielleicht haben wir ja rechtzeitig zu Beginn des diesjährigen Monsunregens ein Dach über dem Kopf."
Die Hoffnung wird wohl kaum erfüllt werden. Seit der Tötung Osama Bin Ladens im nordpakistanischen Abbottabad Anfang Mai, seit der erneuten Zunahme des Terrors im Land ist die Flut in der internationalen Wahrnehmung in den Hintergrund geraten. Dabei erwarten die Meteorologen noch für diesen Monat neue Regenfälle, die ersten Niederschläge hat es schon gegeben. In den Radionachrichten heißt es, der Regen würde in diesem Jahr noch stärker ausfallen als im vergangenen. "Früher haben wir Flutwarnungen immer ignoriert und gedacht: Lass sie reden, wir haben schon so viele schwere Monsunregenfälle überstanden", sagt der Nachbar. "Aber seit letztem Jahr haben wir alle Angst."
Flugzeuge donnern über Zaramaina, drei Militärjets in Formation. "Ein paar Kilometer von hier ist die Luftwaffenakademie, dort bilden sie die Kampfpiloten aus", sagt der Mann. "Ich weiß nicht, wie viel eine Flugstunde kostet, aber ich bin mir sicher, mit dem Geld könnte man sinnvollere Dinge machen." Er sagt es ohne Zorn in der Stimme, es ist eine Feststellung einer traurigen Wahrheit: Der Staat setzt die falschen Prioritäten.
Die pakistanische Regierung hat ihre Bemühungen in den vergangenen zwölf Monaten vor allem auf die Wiederherstellung der Infrastruktur gelegt. Die Armee hat Straßen repariert und dort, wo sie komplett weggespült wurden, neu gebaut. "Wir haben einiges erreicht, aber ich gebe zu, dass viel auf der Strecke geblieben ist", räumt ein Beamter von der Behörde für Katastrophenschutz ein. "Wir nehmen sehr wohl wahr, dass Tausende Familien immer noch in Camps, in Zelten oder in zerstörten Häusern leben." Viele Orte in Pakistan, in allen vier Provinzen, sehen aus wie Zaramaina: zerstört, hilflos, allein gelassen. Schuld daran sei, dass Entscheidungen der Regierung nicht umgesetzt würden. "Oft scheitert es an Streitereien der Politiker vor Ort."
Ablenkung im Kinderzentrum
Dabei wäre es einfach zu helfen. Baumaterial kostet in diesem Teil der Welt vergleichsweise wenig, ein Haus für eine mehrköpfige Familie würde umgerechnet ein paar hundert Euro kosten. Doch die Menschen sind bitterarm. Auch Nazia Khan, zehn Jahre alt, lebt mit ihrer Familie zwischen Trümmern. Ihre Eltern haben wie viele im Dorf Ziegelsteine zusammengesucht. Wenn sie Zeit finden, wollen sie daraus einen Raum bauen, in dem die gesamte Familie Schutz findet. Doch die Zeit ist knapp, meistens arbeiten die Erwachsenen, immer darum bemüht, genug zu verdienen, um Nahrung kaufen zu können.
Wirkungsvolle Hilfe haben internationale und pakistanische Hilfsorganisationen sowie private Initiativen geleistet. Sie haben Schulen und Häuser aufgebaut und sich um die Betreuung der Opfer gekümmert, haben Lebensmittel, Medikamente, Kleidung verteilt, Trinkwasser bereitgestellt und diejenigen versorgt, die nichts mehr besitzen. Ein Jahr später gehen die Mittel aus, aber an der Lebenssituation der Menschen hat sich wenig geändert.
Mehreen, Haider und Nazia besuchen ein Kinderzentrum im Ortskern von Zaramaina. Knapp 400 Kinder aus dem Dorf gehen dort täglich hin, 200 morgens, 200 nachmittags. Sie lernen dort lesen und schreiben, spielen Brettspiele, bekommen Geschichten erzählt oder üben Theaterstücke ein. Es ist ein enger Raum für so viele Kinder. Dichtgedrängt hocken sie auf dem Fußboden, die Mädchen auf der einen, die Jungen auf der anderen Seite. Viele haben Hautausschlag oder entzündete Augen.
"Das größte Problem sind die psychologischen Folgen", sagt Asif Raza, der das von der deutschen Kindernothilfe finanzierte Zentrum leitet. "Hier haben die Kinder die Gelegenheit, sich auszutauschen und auf andere Gedanken zu kommen." Außerdem bekommen sie hier etwas zu essen, harte Energieriegel, nicht gerade schmackhaft, aber zweckmäßig.
Die Regierung in Islamabad hat die Provinzregierungen angewiesen, bis Mitte Juli zumindest die Reparaturarbeiten an Dämmen und Schutzvorrichtungen so weit abzuschließen, dass das Land bei neuen Regengüssen geschützt ist.
In Zaramaina haben sie vorsorglich schon ihre Sachen gepackt. Das Dorf liegt nur ein paar Meter vom Kabul-Fluss entfernt. Einen Schutz gibt es nicht.
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