Fotograf David Tesinsky "Ich wollte unbedingt diese Rebellion zeigen"

Satanisten, Exorzisten, rebellische Iranerinnen: David Tesinsky fotografiert Menschen, die aus dem gesellschaftlichen Mainstream ausscheren. Dafür nimmt er auch mal eine Prügelei in Kauf.

David Tesinsky

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Als David Tesinsky in Äthiopien Exorzisten fotografieren wollte, bekam er erst einmal Haue. Vor seiner Ankunft in Addis Abeba hatte der Fotograf Kontakt zu einem Mann gehabt, der versprochen hatte, bei der Suche nach Exorzisten zu helfen. "Er hat behauptet, eine Unterkunft für mich organisieren zu wollen - stattdessen hat er seinen Freunden von meiner Ankunft erzählt, und die haben dann versucht, mein Gepäck zu stehlen." Es folgte die Schlägerei. Tesinsky konnte seine Sachen behalten.

Derlei Episoden nimmt Tesinsky in Kauf, wenn er dafür fotografisch Menschen nahekommt, die anders sind als er selbst oder nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen.

Sein neuestes Projekt sind ukrainische Soldatinnen, die an der Front kämpfen. Der Fotograf reiste nach Donezk und Lugansk, um die Frauen in ihrem Hauptquartier zu treffen, ihr alltägliches Leben zu porträtieren - und ihre Arbeit.

"Julia ist eigentlich Russin, sie ist 22 Jahre alt", sagt er. "Mit 18 trat sie der ukrainischen Armee bei, weil sie der russischen Propaganda nicht mehr glaubte. Sie wollte die Realität sehen, mit ihren eigenen Augen." Seither schieße sie auf Russen, fast jeden Tag. In einigen Monaten will Tesinsky Julia noch einmal besuchen: Wenn sie wieder zu Hause bei ihrer Familie ist. "Ich will zeigen, wie sich Soldaten im Krieg verändern, was er mit ihnen macht", sagt er. "Auch mit Frauen."

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Fotos von David Tesinsky: Auf der Suche nach dem anderen

Mit seinen Protagonisten kommt Tesinsky meist über Facebook oder Couchsurfing in Kontakt. Das klappt erstaunlich gut. Zum Beispiel in Iran: "Alle Leute, die ich dort getroffen habe, habe ich über das Internet kennengelernt", sagt er. "Und das, obwohl dort soziale Medien stark eingeschränkt sind." Die Leute in Teheran seien sehr offen, dennoch hätten die Menschen Angst vor dem Regime. "Ich musste erst mal ihr Vertrauen gewinnen", sagt Tesinsky.

"Ich musste ihnen versprechen, ihre Gesichter unkenntlich zu machen"

Seine Kontaktleute hätten ihn zu einem Ort in der Stadt gebracht, an dem alle Gesetze außer Kraft zu sein schienen: "Die Menschen trinken dort Alkohol, küssen sich, hören verbotene Musik, tanzen eng umschlungen", sagt Tesinsky. "Es ist illegal und gefährlich." Er habe ein paar Fotos gemacht, doch im Nachhinein hätten die meisten Personen ihn gebeten, die Aufnahmen nicht zu veröffentlichen. "Ich wollte nicht, dass irgendjemand durch meine Arbeit zu Schaden kommt", sagt Tesinsky. "Dennoch wollte ich unbedingt diese Subkultur in Teheran darstellen, diese Rebellion gegen die Regierung zeigen." Also habe er sich überlegt, symbolische Porträts zu machen.

Er fotografierte eine nackte Frau, die Wein trinkt. Ein schwules Paar, das sich küsst. Hip-Hopper, die offen auf der Straße tanzen. Verschleierte Frauen, die ihre Mittelfinger in die Kamera halten. "Sie haben die Pose für maximal zwei Sekunden gehalten", sagt er. "Danach musste ich ihnen versprechen, ihre Gesichter unkenntlich zu machen."

Die Reportage über das Leben in Iran sei eine seiner verrücktesten Erfahrungen gewesen, sagt Tesinsky. Die Kultur sei so anders als seine eigene. Man brauche Zeit, um sie zu verstehen - wenn das überhaupt möglich sei.

Ein Star des Exorzismus

In Äthiopien etwa war es schwierig, Exorzisten zu finden. Das Phänomen sei zwar sehr verbreitet. "Aber die meisten Priester machen das nur noch als Nebenjob, und dann kommen oft Eltern, die behaupten, ihre Kleinkinder seien von Dämonen besessen - die durfte ich dann natürlich nicht fotografieren."

Schließlich machte Tesinsky einen Priester ausfindig, eine Art Star des Exorzismus. "Die Leute stehen Schlange, um sich von Memehir Girma Wendimu behandeln zu lassen." Tesinsky besuchte eine Veranstaltung - die Zeremonie sei riesig gewesen, die angeblich Besessenen seien vor den Augen aller geschlagen worden, um eine Reaktion der angeblichen Dämonen zu provozieren.

"Die Menschen haben geschrien, und ihre Persönlichkeit hat sich tatsächlich irgendwie verändert", sagt Tesinsky. Es sei faszinierend gewesen. "Die Menschen dort glauben wirklich daran."

Eindruck hinterlassen hat jedoch besonders, was nach der Zeremonie geschah: Mit welcher Dreistigkeit Wendimu nach Geld verlangte, schockierte Tesinsky: "Er nahm ein Megafon und forderte die Menschen auf, ihm Geld zu geben", sagt der Fotograf. "Immer wieder, die Menschen gaben ihren letzten Cent. Der Typ ist Geschäftsmann."



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