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Fotoprojekt über häusliche Gewalt: Als Shane Maggie schlug

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Fotoprojekt "Shane and Maggie": Die Geschichte einer Gewalttat Fotos
Sara Lewkowicz

Ein Mann verprügelt seine Freundin, deren zweijährige Tochter schaut zu: Diese Szene hat die Fotografin Sara Lewkowicz dokumentiert. Die Fotos machen das oft übersehene Phänomen häusliche Gewalt sichtbar - und zeigen, dass es nachwirkt, wenn der Schmerz der Schläge längst abgeklungen ist.

Shane ist außer sich. Er steht mit freiem Oberkörper da, die Muskeln angespannt, die Augen verengt. Dann schlägt er zu, trifft seine Freundin Maggie. Er zerrt sie durch den Raum, schubst sie herum, drückt sie gegen die Küchenzeile, schreit sie an.

Maggies Tochter Memphis, zwei Jahre alt, steht daneben und sieht, wie ihre Mutter verprügelt wird. Irgendwann sitzt Maggie weinend auf einem Sofa, Shane dicht über sie gebeugt. Memphis will, dass Shane von seiner Mutter ablässt, das Kind schiebt sich zwischen die Erwachsenen. Das Kind weint nicht mehr. Es versucht, seine wimmernde Mutter zu trösten.

Die Szene ist Teil von "Shane and Maggie", einer preisgekrönten Reportage der amerikanischen Fotografin Sara Naomi Lewkowicz. Das Projekt sollte eine Geschichte über Rückfallquoten von Straftätern sein, "über Leute, die immer und immer wieder im Knast landen" - Shane hatte einen Großteil seines Lebens im Gefängnis verbracht. Es wurde eine Geschichte über häusliche Gewalt.

Besonders gefährdet: weiblich, jung, alleinerziehend, arm

"Die Leute betrachten die Fotos und fühlen sich hilflos, weil sie eine schreckliche Sache sehen", sagt die Fotografin. "Häusliche Gewalt ist kein Problem von Frauen, sondern ein Problem von Menschen - und es ist kein privates Problem, es ist jedermanns Problem." Die Bilder zwängen den Betrachter anzuerkennen, dass die Gewalt nicht auf die Erwachsenen beschränkt sei, sondern auch die Kinder betreffe.

Maggie - weiblich, jung, alleinerziehend, mit Geldsorgen - war statistisch gesehen besonders gefährdet, Opfer von Gewalt ihres Partners zu werden. Laut Zahlen des US-Justizministeriums sind vier von fünf Opfern weiblich, besonders gefährdet sind Frauen unter 34 Jahren. Für alleinerziehende Frauen ist die Gefahr, Opfer einer Gewalttat des Partners zu werden, mehr als zehnmal so groß wie bei verheirateten Frauen und sechsmal so hoch wie bei alleinstehenden Frauen. Je ärmer der Haushalt, desto häufiger kommt es zu häuslicher Gewalt.

Viele Opfer schweigen - aus Scham, falsch verstandener Liebe zum Täter, Angst vor einer Trennung, Sorge um den Verlust finanzieller Sicherheit. Das US-Justizministerium geht davon aus, dass fast die Hälfte der Übergriffe nicht der Polizei gemeldet werden.

Intime Einblicke ins Familienleben

Fotografin Lewkowicz hat nach eigenen Angaben etwa hundert Zuschriften erhalten - von Opfern häuslicher Gewalt oder von Menschen, die als Kinder Zeugen häuslicher Gewalt wurden. "Viele sagen: Indem du Maggies Geschichte erzählt hast, hast du meine Geschichte erzählt", sagt Lewkowicz.

Die Geschichte von Maggie und Shane beginnt im Sommer 2012. Im August fängt sie, damals 19, eine Beziehung mit Shane, 31, an. Die junge Frau hatte sich von ihrem Mann Zane, einem Soldaten, getrennt - er hatte sie betrogen. Mit Zane hat Maggie zwei Kinder, Tochter Memphis, damals zwei Jahre alt, und Sohn Kayden, vier Jahre.

Fotografin Lewkowicz lernt Shane, Maggie und die Kinder auf einem Jahrmarkt in Ohio kennen und fragt, ob sie die Familie fotografieren darf. Am Ende des Abends hat sie die Zusage, das Familienleben begleiten und dokumentieren zu dürfen. In den folgenden Monaten folgen viele Fototermine.

"Die Anwesenheit des Fotografen verändert die Situation. Und man kann sich nicht vorlügen, dass das nicht so ist", sagt Lewkowicz. "Wenn man in einem Haus herumläuft und so tut, als könne einen niemand sehen, wirkt man wie jemand, vor dem man sich fürchten kann. Aber wenn man lange genug mit Menschen spricht, wird man Teil ihres Lebens wie ein Möbelstück."

"Solche Männer hören erst auf, wenn sie Sie umgebracht haben"

In Shane findet Maggie nach der Trennung die Hilfe, nach der sie sich gesehnt hat. Er sagt, er liebe sie. Maggie hofft, in Shane einen zuverlässigen Partner gefunden zu haben: "Ich dachte, er sei ein echter Mann und bereit, für die Familie zu sorgen", sagt sie "Time" später.

Die Voraussetzungen für eine dauerhaft erfolgreiche Liebesgeschichte sind aber denkbar schlecht. Kayden akzeptiert den neuen Partner der Mutter nicht als Vaterfigur, Shane findet wegen seiner Vergangenheit keine dauerhafte Arbeit. Zudem fühlt sich der Mann zurückgesetzt, weil Maggie seiner Ansicht nach den Kindern immer mehr Aufmerksamkeit schenkt.

Die Verliebtheit lässt nach, die Aggressivität nimmt zu. Im November 2012 streiten Maggie und Shane, weil er in einer Karaoke-Bar mit einer anderen Frau geflirtet hat. Nach der Rückkehr aus dem Lokal eskaliert die Situation - und Lewkowicz ist mit ihrer Kamera dabei. "Ich war der Ansicht, dass ich es dokumentieren muss, es war ein Teil der Geschichte - einer, den wir sonst nie sehen", sagt sie. "Ich glaube, Shane dachte, er halte sich zurück. Das ist die einzige Erklärung, die ich dafür habe, dass jemand so etwas vor einer Kamera tut."

Schließlich kommt die Polizei. Shane wird festgenommen. Nach anfänglichen Zweifeln sagt Maggie aus, Shane landet im Gefängnis.

Kritiker werfen Lewkowicz vor, sie hätte eingreifen müssen - Maggie beschützen, die kleine Memphis wegbringen. "Wenn ich körperlich eingegriffen hätte, wäre ich wahrscheinlich übel zugerichtet worden und Maggie noch schlimmer. Es hätte die Situation eskaliert", sagt die Fotografin. Mit ihrem Handy habe eine Nachbarin die Polizei gerufen.

"Wie konnte ich das mit meiner Familie geschehen lassen?"

"Manche Leute machen sich vor, dass sie in dieser Situation Clint Eastwood oder Bruce Willis gewesen wären. Aber das wahre Leben ist nicht so." Die Fotos seien mit dafür verantwortlich, dass Shane ins Gefängnis gegangen sei; zudem habe Maggie gesagt, sie habe alles richtig gemacht. "Wenn Maggie kein Problem mit meinem Verhalten hat - wieso sollte ich mich dann darum scheren, was irgendjemand sonst denkt?" Heute seien Maggie und sie "wie Schwestern".

Wenige Tage nach Shanes Schlägen entschließt sich Maggie, mit ihren Kindern nach Alaska zu ziehen. Dort ist ihr Ehemann Zane bei der Armee stationiert, dort lebt die Familie bis heute. Lewkowicz hat sie besucht, fotografiert das Familienleben weiterhin.

Shane ist inzwischen aus dem Gefängnis entlassen worden. "Maggie hat keine Angst vor ihm, sie will mit ihm nichts zu tun haben. Weil sie weit weg ist, fühlt sie sich ziemlich sicher", sagt die Fotografin. Die junge Frau habe hart gearbeitet, um zu begreifen, dass das Geschehene nicht ihre Schuld sei. "Ich habe sie ermutigt, sich nicht als Opfer zu sehen", sagt Lewkowicz.

Ob das jemals vollständig gelingt, ist fraglich. Es gehe nicht so sehr um den Vorfall, sondern um seine langfristigen Folgen, sagt Maggie: "Wie konnte ich das nicht sehen, wie konnte ich so dumm sein, wie konnte ich das mit meiner Familie geschehen lassen? Das Gefühl verschwindet nie."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 73 Beiträge
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1. Und wieder einmal wird über psychologische Gewalt geschwiegen...
vogtnuernberg 26.09.2013
Und wieder einmal wird über psychologische Gewalt geschwiegen, die sich in Liebensentzug gegenüber den Kindern äußert, gezieltes Mobbing der eigenen Kinder, Herabwürdigung und Gleichgültigkeit. Wann endlich wird diese Form der Gewalt als ebenfalls Enwicklungsschädigend für die Kinder geächtet? Wann wird das thematisiert? Wann endlich hört das Schweigen zu diesem weitin beobachtbaren Verhalten auf? Wie kann man schweigen seiens der Medien, wenn man sieht, dass Kinder psychisch gequält werden?
2. Steter Tropfen
Blue0711. 26.09.2013
Sehr plakative Untermauerung des Klischees. Gewalt = physische Aktion, der Mann = Gewalt, Frau = Opfer Bei Kind = Opfer geh ich ja noch mit, die Kleinen können sich gegen nichts wehren und sind ihren Eltern ausgeliefert, zudem entwickeln sie oft ein falsches Verständnis von eigener Schuld. Aber wir sollten doch endlich mal so weit sein und erkennen, dass Gewalt in Partnerschaften in den meisten Fällen wohl eher psychischer Natur ist. Und diese Form von Gewalt ist nicht Männern vorbehalten (Was auch die physische nicht in der Ausschließlichkeit ist). Alleine, wenn ich mein persönliches Umfeld betrachte, kann ich mich über diese einseitige Ausblendung von Gewalt nur wundern. Von 5 Paaren, die ich sehr nahe kenne, herrscht in zweien psychische Gewalt DURCH die Frau vor, in einem Fall sogar mit Unterstützung ihrer Familie. Und alle werden von außen als gefestigte Partnerschaften angesehen. Aber damit kann man ja keine Fotoserie machen. Es bleibt also dabei: Wird die Frau Opfer, darf sie auf Unterstützung von allen Seiten hoffen, der Mann wird weiterhin zum Nicht-Mann, vor allem, wenn eine Frau der Täter ist. Deshalb wird er alles daran setzen, nicht als Opfer zu erscheinen. Er wird damit gleich zweifach gedemütigt.
3. Frauen schlagen Männer
menschzweiterklasse 26.09.2013
Mal sehen, ob es die Moderatorin durchlässt: http://www.menshealth.de/sex/trennung/-frauen-schlagen-oefter-als-maenner.101852.htm
4. Zerrbild
jgrjgr 26.09.2013
http://www.welt.de/print/die_welt/debatte/article10862713/Frauen-schlagen-haeufiger.html http://www.welt.de/debatte/article10847107/Frauen-schlagen-mindestens-so-haeufig-zu-wie-Maenner.html
5. Bedrückend und schwer zu verstehen
uchawi 26.09.2013
Eine bedrückende Geschichte, und ich verstehe auch, wie wichtig es sein kann, dass jemand so etwas dokumentiert. Trotzdem weiß ich nicht, wie man als Fotograf ticken muss, in einer solchen Situation einfach nur auf den Auslöser zu drücken und nicht einzugreifen. Das Argument, dann wäre die Sitution erst recht eskaliert, halte ich für gewagt. Aber selbst wenn: Sich zumindest das Kind, das eindeutig in Gefahr war, zu greifen und von draußen die Polizei zu verständigen, wäre ungefährlich und hilfreich gewesen. Es mag sein, dass die Fotodokumentation im Nachhinein mehr Hilfe (vor allem für andere Betroffene) darstellt als es die Einmischung der Fotografin in der akuten Situation gewesen wäre. Aber es dennoch bleibt die Frage, wie motivgierig und abgestumpft man im Laufe so eines Fotografenlebens eigentlich wird.
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