Fotoprojekt: "Der Fußball war zuerst da"

Wie spielen Frauen in Berlin, Ägypten, Palästina und der Türkei Fußball? Die Fotografin Claudia Wiens hat Teams an diesen Orten begleitet. Im Interview spricht sie über schwangere Fans, Emanzipation am Ball und die wahren Probleme bei ihrer Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Frau Wiens, in Ihrem Buch "Schuhgröße 37" geht es um Frauenfußball, pünktlich zur WM - ist das Thema nicht langsam ausgelutscht?

Wiens: Ich habe mit dem Thema schon 2006 angefangen. Damals hatte ich nicht im Kopf, dass es eine WM gibt - und dass es ein Buch werden soll.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Wiens: Ich lebe seit 1999 in Ägypten. Da stellt man sich die Frage: Wie spielen Frauen hier Fußball?

SPIEGEL ONLINE: Hier - also in einem islamisch geprägten Land?

Wiens: Nein! Wenn man deutsche Punker fotografieren will, fragt man ja auch nicht, wie Punker in einem christlich geprägten Land aussehen. Ich wollte einfach wissen: Wer spielt hier eigentlich Frauenfußball? Wie wird trainiert? Womit haben die Spielerinnen zu kämpfen? Manchmal spielt da die Religion mit rein, aber sie ist nicht das Zentrale.

SPIEGEL ONLINE: War es schwierig, Zugang zu den Teams zu bekommen?

Wiens: In Ägypten habe ich zu Beginn eine Woche recherchiert, habe rumgefragt und bin durch die Stadt gelaufen, dann hatte ich meinen ersten Club gefunden. Dadurch haben sich viele weitere Kontakte ergeben. Die Mädels waren total offen. Die haben mich aufgenommen, als würde ich dazugehören. Ich habe weitergemacht, weil es so viel Spaß gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Gab es Restriktionen?

Wiens: Nein, man hat mir keinerlei Auflagen gemacht. Man hat mich immer nah rangelassen. Bei einem WM-Qualifikationsspiel in der Türkei war ich sogar in der Kabine. Ich habe allerdings auch darauf geachtet, dass ich die Mädels nicht in Unterwäsche zeige und ihre Privatsphäre wahre.

SPIEGEL ONLINE: Hat es geholfen, dass Sie eine Frau sind?

Wiens: Zumindest in Ägypten hätte ein Mann die Fotos genauso gut machen können, die Ägypter sind unglaublich offen. Was mir geholfen hat war, dass ich Arabisch spreche.

SPIEGEL ONLINE: Was war fotografisch die größte Herausforderung?

Wiens: Die Aufnahmen in Berlin. Das war ein typischer Novembertag. Es war schweinekalt, die Kamera beschlug. Da war ich ein bisschen naiv. Ich lebe seit zwölf Jahren in der Wärme. Ich kann mit Staub, 40 Grad Hitze und Wüstenstürmen umgehen, aber nicht mehr mit Kälte.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie das Berliner Schmuddelwetter beiseite lassen - woran denken Sie gern zurück?

Wiens: Mir fallen mehrere Sachen ein. Ein Mädchen hat sich mal vor einem Spiel gestylt, hatte aber keinen Spiegel dabei - da hat sie gesagt, ich soll ein Foto von ihr machen, damit sie im Display gucken kann, ob sie auch schick genug zum Fußballspielen ist. Und in Kairo war eine hochschwangere Frau bei jedem Training und jedem Spiel ihres Teams. Ich habe sie gefragt, was ihr Mann dazu sage. Sie hat geantwortet: 'Der Fußball war zuerst da, der Fußball wird auch bleiben - trotz Kind und Heirat. Das muss mein Mann einfach hinnehmen.'

SPIEGEL ONLINE: Und was hat Sie bei Ihren Recherchen bedrückt?

Wiens: Palästina hat mich sehr verärgert und aufgewühlt - die ganzen logistischen Schwierigkeiten, mit denen die Mädels zu kämpfen haben. Spielerinnen der Nationalmannschaft aus dem Westjordanland und dem Gaza-Streifen können nur im Ausland gemeinsam trainieren, das führt dann zu absurden Szenen. 'Hi, du bist also unsere Mittelfeldspielerin.' Wie soll man zusammenspielen, wenn man nicht zusammen trainieren kann? Es hat mich sehr beeindruckt, dass sie nicht aufgeben und trotzdem spielen. Da wird einem der Luxus in Deutschland bewusst, wo es an jeder Ecke einen Verein gibt.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland werden im Zusammenhang mit Frauenfußball immer wieder Integration und Gleichberechtigung diskutiert. Spielen diese Themen bei den Teams, die Sie fotografiert haben, eine Rolle?

Wiens: Bei manchen Mädchen hat der Fußball definitiv etwas Emanzipatorisches. In Ägypten oder Palästina beispielsweise kann es schon ein Problem sein, dreimal pro Woche das Busticket zum Training bezahlen zu können. Da muss man die Eltern erst mal überzeugen. Und weil die Mädchen so viel investieren, um Fußball spielen zu können, entwickeln sie dann großen Ehrgeiz. Viele von ihnen sind enorm stark und selbstbewusst.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Hürde, Fußball zu spielen, für muslimische Mädchen höher?

Wiens: Ob die Eltern Probleme damit haben, dass ihre Tochter Fußball spielt, hängt nicht von der Religion ab, sondern davon, ob die Eltern konservativ sind. Allerdings ist es in Deutschland manchmal so, dass muslimische Familien ihre alte Welt aus der früheren Heimat im Kopf haben und nicht wissen, dass sich dort viel getan hat. In Berlin habe ich Mädchen getroffen, die zu Hause Sticheleien ertragen müssen und manchmal nicht sagen, dass sie zum Training gehen. Wenn dagegen ein Mädchen in Ägypten, Palästina oder der Türkei seine Eltern erst mal vom Fußball überzeugt hat, dann sind die seine größten Fans.

SPIEGEL ONLINE: Fünf Jahre lang haben Sie Frauenfußballerinnen fotografiert. Reicht's Ihnen?

Wiens: Ich könnte jetzt echt ein neues Projekt in Angriff nehmen. Irgendwann ist ein Thema fotografisch und visuell einfach ausgereizt.

SPIEGEL ONLINE: Kein Land, das Sie noch reizen könnte?

Wiens: Nordkorea. Das ist fotografisch ein weißer Fleck. Die Spielerinnen sind so hermetisch abgeriegelt, da wäre ich einfach neugierig, wie die dort leben.

Das Interview führte Benjamin Schulz

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Zur Person
Claudia Wiens
Claudia Wiens, Jahrgang 1972, ist Fotojournalistin und lebt seit 1999 in Ägypten. Seit einigen Jahren pendelt sie zwischen Istanbul und Kairo. Zu ihren Auftraggebern gehören unter anderem "Geo", "The National", Reiseführerverlage und Unicef. Wiens hat mehrere Bildbände veröffentlicht. Ihre Fotos werden international in Ausstellungen gezeigt.

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Die Fotojournalistin Claudia Wiens hat an vier verschiedenen Orten Frauen und Mädchen beim Fußballspielen fotografiert. Das Ergebnis ihrer Beobachtungen ist das Buch "Schuhgröße 37. Frauenfußball in Ägypten, der Türkei, Palästina und Berlin".

Mit kurzen Texten auf Deutsch, Englisch, Türkisch und Arabisch werden die unterschiedlichen Teams vorgestellt. Die Fotos zeigen die Fußballerinnen beim Spiel, in der Kabine, beim Training und in ihren Wohnungen - ein Blick auf einen Teil des Fußballs, von dem die Öffentlichkeit sonst kaum Notiz nimmt.

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