Ex-Hells-Angels-Chef Hanebuth in Hannover Heute ein König

In Spanien droht ihm der Prozess, doch beim Heimaturlaub in Hannover wurde Ex-Hells-Angels-Chef Frank Hanebuth gefeiert wie ein Popstar. Die zerstrittenen Rocker sehnen ein dauerhaftes Comeback herbei.

Von Claas Meyer-Heuer


Der fast zwei Meter große Koloss ist euphorisiert, Alkohol war wohl auch im Spiel: "Wir haben im Flugzeug schon ein paar gezwitschert." Es ist Frank Hanebuth, ehemals mächtigster Rocker Europas. Nach drei Jahren Zwangspause landet er am vergangenen Sonntagabend wieder in Deutschland.

Am Flughafen Hannover begrüßt ihn eine aufgedrehte Gruppe Hells Angels. Sie herzen Hanebuth wie ein verschollenes Familienmitglied, er wird gefeiert wie ein Filmstar. Marc M., Szenename "MC", zieht Hanebuth eine Kutte der Ortsgruppe "Northgate" über. Der König war weg, es lebe der König. War irgendwas?

Rückblick: Im Juli 2013 stürmt die spanische Polizei eine Luxus-Finca auf Mallorca und verhaftet Hanebuth. Kurz zuvor war der Hannoveraner zum Präsidenten der ortsansässigen Hells Angels gekürt worden. Die Ermittler sehen in dem ehemaligen Profiboxer den Chef einer kriminellen Vereinigung.

Wenn die Ermittlungsberichte zutreffen, hatte es Hanebuth in kurzer Zeit zum Inselpaten gebracht: Prostitution, Geldwäsche, Drogenhandel - die großen Kaliber des Strafgesetzbuches. Hanebuth muss für zwei Jahre in Untersuchungshaft. Dort sitzt er zusammen mit Kriegsverbrechern, leitet das Boxtraining und arbeitet im Knastkiosk. Im Sommer 2015 darf er das Hochsicherheitsgefängnis in Cádiz gegen 60.000 Euro Kaution verlassen. Allerdings muss er im Land bleiben.

Nun gewährt ihm die spanische Justiz für eine Woche Heimaturlaub. Eine weiße Stretchlimousine mit Harley-Eskorte bringt Hanebuth vom Flughafen ins Stadtzentrum. Unterstützer der Angels blockieren Seitenstraßen, damit der Tross schneller vorankommt. Die Polizei greift nicht ein. Im Wageninneren trinkt Hanebuth Wodka auf Eis. Die Stimmung steigt weiter. Zum kurzen Interview mit SPIEGEL TV setzt Hanebuth sein breitestes Lächeln auf. "In der Knastzeit, in der Isolation, zehrt man von den ganzen Geschichten, die man in den Jahren erlebt hat. Das füllt die Zeit aus", so Hanebuth.

Im Steintorviertel, Hannovers Rotlicht-Kiez, spielen sich Szenen ab wie bei einer Hollywoodpremiere. Hanebuth entsteigt der Limousine und reckt die Faust in den Nachthimmel. Die Menge jubelt, viele filmen mit ihren Telefonen.

Hier am Steintor begann Hanebuth vor mehr als 30 Jahren seine Milieukarriere als Rausschmeißer. 20 Meter von der Stretchlimousine entfernt stand früher "Trixis Bierbar." Den Laden hat Hanebuth Mitte der Achtzigerjahre mal komplett zerlegt. In der anschließenden U-Haft lernte er einen damals jungen Anwalt kennen. Götz von Fromberg, heutiger Staranwalt, Strippenzieher und Duz-Freund von Altbundeskanzler Gerhard Schröder.

Feiern vor der Kamera - intern wird gestritten

Auch Fromberg ist am Sonntag Gast bei der Welcome-back-Party. Mit seinem rot-weißen Hemd sticht er zwischen den schwarzen Hells-Angels-Kutten hervor. Fromberg berät Hanebuths spanische Anwälte und gibt sich optimistisch: "Jeder Staatsanwalt müsste in der Lage sein, etwas kurzfristiger eine Anklage zu schreiben. Wenn es denn irgendwelche Beweise gibt. Wenn es irgendwelche Grundlagen gibt. Ich sehe nichts."

Die Hells Angels machen am Sonntag in Hannover das, was sie am besten können. Der Öffentlichkeit eine Bruderschaft vorgaukeln, in der jeder für jeden immer und überall einsteht. Doch die Geschlossenheit existiert nur vor laufenden Fernsehkameras. Der Klub ist tief gespalten und zerstritten.

Abseits des Trubels führt Hanebuth am Sonntag ein Vier-Augen-Gespräch mit Horst R. - Szenename "Der Graue". Der Frankfurter Unternehmer gilt als Elder Statesman des Klubs. Besonnen, fair, diplomatisch versiert. Doch ausgerechnet Horst R. wurde bei einer schiefgelaufenen Aussprache mit zwei türkischen Hells Angels in einem Frankfurter Flughafenhotel die Nase gebrochen. Als Reaktion beschossen deutsche Altrocker den Nasenbrecher mitten in der Frankfurter Innenstadt am Himmelfahrtstag. Dabei wurde auch eine unbeteiligte Frau verletzt.

Viele hoffen, dass Hanebuth die Rocker eint

Auch Jürgen F. - Szenename "Fips" - umarmt Hanebuth am Sonntag im Steintorviertel. Der Hells Angel mit dem grauen Mongolenbart sorgte im Juli 2014 für bundesweite Schlagzeilen. In Frankfurt schoss er auf einen Mob aus 40 Männern, der eine Szenebar stürmen will, in der sich Jürgen F. und weitere Frankfurter Hells Angels befinden. Vier Angreifer werden zum Teil schwer verletzt. Ein Gericht entscheidet zu Gunsten von Jürgen F.: Notwehr. Das Unglaubliche: Auch die Angreifer sind Hells Angels. Ein einmaliger Vorgang und Tiefpunkt.

Viele frustrierte Hells Angels hoffen, dass Frank Hanebuth den Klub zu alter Stärke und Geschlossenheit führen wird. Er hat es in der Vergangenheit verstanden, interne Streitigkeiten zu schlichten und zwischen verfeindeten Fraktionen zu vermitteln. Ob sich Hanebuth aber wieder stärker einbringen will, lässt er an diesem Abend offen.

Um Mitternacht singen ihm Rocker, Geschäftspartner und Tänzerinnen mit falschen Brüsten ein Ständchen zum 52. Geburtstag. Ein Feuerwerk erleuchtet das Steintorviertel. Hanebuth verlässt seine Feier um 2 Uhr. Die Polizei Hannover leitet nach der Party Ermittlungen ein. Das Feuerwerk war nicht angemeldet.


Mehr zum Thema sehen Sie im SPIEGEL TV Magazin, Sonntag, 17. September, 22.25 Uhr, RTL



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