Angriffe auf Fleischereien Es geht um die Wurst

Vermummte haben in Frankreich wiederholt Fleischereien angegriffen. Der Metzgerverband hat militante Tierschützer im Verdacht. Tatsächlich steckt dahinter ein größerer Konflikt in der Gesellschaft.

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Von , Paris


Marc Daubie hat Angst. Der 28-Jährige besitzt eine Fleischerei in der nordfranzösischen Metropole Lille. Sein Geschäft war in diesem Mai schon zum zweiten Mal nach 2017 Ziel eines ungewöhnlichen Angriffs: "Alle Fensterscheiben waren zersplittert und die Fassade beschmiert", sagt Daubie im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Die Bilder seiner Videokamera zeigten eine vermummte Gruppe junger Leute in der Nacht, schwarz gekleidet, mit Handschuhen und Kapuzen. "Das sind Jugendliche, radikale Veganer", schimpft Fleischer Daubie, "sie verhalten sich wie Terroristen." Dann korrigiert er sich: "Nein, wie Rassisten. Die einem nicht mehr die Freiheit lassen, das zu essen, was man will."

Daubie fühlt sich von Polizei und Politik im Stich gelassen. Lilles sozialistische Bürgermeisterin Martine Aubry besuchte nach dem Anschlag zwar sein Geschäft und sicherte Unterstützung zu. Die allerdings bleibt aus Daubies Sicht bisher wirkungslos: "Keiner kennt die Täter. Meine Angestellten haben nach wie vor Angst, zur Arbeit zu kommen", sagt der Fleischer.

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Frankreich: Fleischer im Visier

Daubie ist davon überzeugt, nicht das einzige Opfer einer neuen, radikalen Tierschutzbewegung in Frankreich zu sein, die Veganismus propagiert. Der Fleischerei-Verband in Paris hat die Vorgänge in Lille beim Innenminister angezeigt.

Daubies Laden ist ein Geschäft, wie es sie in Frankreich früher in jedem Dorf gab und wie sie heute langsam aussterben. Natürlich liegt das auch an den wachsenden Marktanteilen der großen Supermärkte. Aber auch vegane Ernährung wird in Frankreich immer beliebter. Überall in den französischen Metropolen eröffnen neue vegane Restaurants, erweitern alteingesessene Gaststätten ihre Speisekarte um vegane Gerichte. Auf der Pariser Landwirtschaftsmesse fanden sich zu Jahresbeginn auffällig viele, neue vegane Produkte.

Die Fleischer haben mit diesem Trend zu kämpfen. Und nun müssen sie sich auch noch mit Angriffen auf ihre Läden herumärgern. "Einige Individuen und Organisationen wollen Terror säen", schrieb der Fleischerei-Verband an den Innenminister. In Lille und Umgebung seien in den letzten Monaten sieben Läden angriffen worden.

Fleischermeister Daubie sagt, welche Organisation sein Verband verdächtigt: "Das ist die Gruppe L214. Für diese Leute ist es eine Ehre, einen Fleischer anzugreifen", sagt Daubie. Wenn er über die Tierschützer spricht, schwingt seine Abneigung gegen Veganer mit.

"Die Fleischer tragen zur Agitation bei"

Brigitte Gothière will die Vorwürfe nicht so stehen lassen. Sie ist Sprecherin und Mitbegründerin der Gruppe L214, die nach einem französischen Tierschutz-Paragraphen benannt ist. "Die Fleischer verweisen auf ein mikroskopisches Problem und tragen damit zur Agitation bei", sagte die in Frankreich bekannte Tierschützerin in einem Interview der südfranzösischen Tageszeitung "Midi Libre".

Gothière verwies auf die Tötung von täglich drei Millionen Tieren in dem Land. "Heute gibt es in Frankreich eine immer stärkere Bewegung, die die Interessen der Tiere vertritt, aber sie ist pazifistisch", sagte Gothière. Dass nicht alle französischen Tierschützer Pazifisten sind, räumte allerdings auch die L214-Gründerin ein.

"Stoppt den Speziesismus" hatten die Täter auf die Hauswand unter der von ihnen beschädigten Fensterscheibe von Fleischer Daubie geschrieben. Das war eine klare Ansage. Als Speziesismus bezeichnen seine Kritiker die Diskriminierung von Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit, gemeint ist damit in der Regel der rücksichtlose Umgang der Menschen mit der Tierwelt.

"Stoppt den Speziesismus": Aufschrift an Fleischergeschäft
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"Stoppt den Speziesismus": Aufschrift an Fleischergeschäft

Fleischermeister Daubie in Lille kann das nicht nachvollziehen. Die Freiheit, zu essen, was man will, zählt für ihn zweifellos zu den höchsten Gütern. Essen ist in Frankreich schließlich auch eine Frage des Nationalstolzes.

Jüngst gab es einen Aufschrei, weil der Gesetzgeber zuließ, Camembert auch aus pasteurisierter Milch herzustellen - zuvor war Rohmilch von Kühen aus der Normandie notwendig. Industrielle Massenware werde auf eine Stufe gestellt mit einem handwerklichen Traditionsprodukt, wetterten Kritiker. Spitzenköche warnten vor einer "vulgären Paste", die dem Verbraucher nun unter dem Namen Camembert untergejubelt werde.

Weil in Frankreich solche Vergötterung des Essens Mainstream ist, hatten es die Tierschützer in der Vergangenheit besonders schwer. Und nun? Frankreich könnte ein kulinarischer Kulturkampf bevorstehen.



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dasfred 27.06.2018
1. Aus Überzeugung kein Tier essen ist in Ordnung
Aus Überzeugung die Existenz von Metzgern ruinieren und die Leute in Angst zu versetzen ist weit außerhalb aller Zivilisation. Die eigene Meinung mit Gewalt durchzusetzen kennt man nur aus übelsten totalitären Staaten und die Franzosen sollten dort die Täter entsprechend verfolgen, bevor ein Heldenmythos aufgebaut wird.
mkalus 27.06.2018
2. "der rücksichtlose Umgang der Menschen mit der Tierwelt."
---Zitat--- der rücksichtlose Umgang der Menschen mit der Tierwelt. ---Zitatende--- Was an Veganern immer witzig ist, und hier auf die Spitze getrieben wird, ist das diese sich meist nur um die Flauschigen Tiere kuemmern. Ich habe bisher noch keinen Veganer gesehen der gegen den Einsatz von Pestiziden oder anderen Technologien zur Schaedlingsbekaempfung ist.
schumbitrus 27.06.2018
3. Wir leben im 21. Jahrhundert, und so was ist auch planbar!
> Die Bilder seiner Videokamera zeigten eine vermummte > Gruppe junger Leute in der Nacht, schwarz gekleidet, > mit Handschuhen und Kapuzen. "Das sind Jugendliche, > radikale Veganer", schimpft Fleischer Daubie, "sie ver- > halten sich wie Terroristen." Dann korrigiert er sich: "Nein, > wie Rassisten. Die einem nicht mehr die Freiheit lassen, > das zu essen, was man will." > > Daubie fühlt sich von Polizei und Politik im Stich gelassen. > Lilles sozialistische Bürgermeisterin Martine Aubry besuchte > nach dem Anschlag zwar sein Geschäft und sicherte Unter- > stützung zu. Die allerdings bleibt aus Daubies Sicht bisher > wirkungslos: "Keiner kennt die Täter. Meine Angestellten > haben nach wie vor Angst, zur Arbeit zu kommen", sagt der > Fleischer. Was genau kann man über die Täter sagen?! NICHTS! Genau! Und welches Stereotyp bleibt nach diesen beiden Absätzen beim Leser und den Adressaten dieser Kampagne hängen? Richtig: "Die militante und vermutlich "linke" Gruppierungen sind für Gewalt verantwortlich!" - der Adressat wird angehalten, das "vielleicht" zu überlesen, denn "man weiß ja", wo der Feind steht. Ist das rational nachvollziehbar? Passiert die Stigmatisierung trotzdem? Ja! Können sich die Metzger in der Öffentlichkeit deswegen als Opfer stilisieren? Ja! Bekommen sie deswegen Aufmerksamkeit? Ja, natürlich! Können sie damit politische Forderungen durchsetzen, die ihnen nützen? Sicherlich! Kann es sein, dass sie das selbst inszeniert haben? KANN SEIN - aber mann kann es (noch?) nicht beweisen! Wenn man vom Ende her denkt - vom Nutzen: "Wem nützt es?" - dann liegt der Nutzen genau bei denen, die jetzt laut mit dem Finger auf ihre Lieblings-Gegner zeigen. Und mal ganz rational betrachtet: Ein paar eingeworfene Schaufensterscheiben und ein paar gekaufte Hoolingans aus einem der Visegrád-Staaten, in schwarze Klamotten gesteckt und schnell wieder außer Landes gekarrt, ein paar verwackelte Videoaufnahmen sind eine niedrige Investition, wenn man damit ein landesweites Medienecho generieren kann. Ich sage nicht, dass sie das gemacht haben. Aber wir leben im 21. jahrhundert und in einer Aufmerksamkeits-Ökonomie. Da ist Medienkompetenz gefragt und ein ganz wesentliches Element ist nicht mehr naives Nachplappern von News, die durch den mainstrem verbreitet werden, sondern das stetige hinterfragen: "Ist das plausibel?" und "wem nützt's?!" Und hier wäre ich super-vorsichtig, denn erstens geht es um die Bewahrung eines Status-Quo, der vom Zeitgeist angegriffen wird. Und 2. sind Investitionen in die Bestellung eines solchen Settings lächerlich gering - die Hemmschwelle also sehr niedrig. Und drittens bedient es das Narrativ der gewaltbereiten Tierschützer. Auch wenn es einige geben mag: Das Narrativ ist konstruiert, weil sich Gewaltbereitschaft und nachhaltiges Wirtschaften ausschließt. Und ganz im Gegenteil: Gerade konservative Kreise haben bei drohendem Macht- und Geldverlust die wenigsten Skrupel, JEDE Karte zu spielen ..
krassper 27.06.2018
4. @Weltgedanke #2
Ähm, ich kann ihre Sicht ja verstehen, mein Fleischkonsum ist auch auf einem absoluten Minimum. Viele Aktivisten verstehen leider nicht, dass die Welt einfach noch nicht dafür bereit ist, ja, auch ich würde mir das wünschen, doch so ist es leider nicht. In so vielen Punkten würde ich mir wünschen, dass wir zu Schritten bereit wären, aber offenbar sind "Wir" es nicht.
wrkffm 27.06.2018
5.
- "Und wer sich über feige und hinterlistige Angriffe auf sein Eigentum mokiert, sollte sich nicht an wehrlosen Tieren vergreifen " - Tja was macht man dann mit Jenen, die Mücken totschlagen ? Oder Spinnen tottreten ? Ohne diese essen zu wollen. Müssen jetzt auch Fischereibetriebe mit Anschlägen auf ihre Flotte rechnen ? Bis wohin soll dieser ganze Extremismus gehen ?
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