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Mütter in Frankreich: Stillender Protest

Von Geneviève Hesse, Paris

Mütter in Paris: Die Stillquote stieg von 45 auf 69 Prozent Zur Großansicht
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Mütter in Paris: Die Stillquote stieg von 45 auf 69 Prozent

Eine neue Generation von Müttern verändert Frankreich. Tausende Frauen wollen mehr Zeit für sich und ihre Kinder, beruflich treten sie kürzer. Viele fühlen sich als Feministinnen, doch sie stoßen auf Widerstand.

Im gelb gestrichenen Hinterzimmer des Pariser Petit Café du Monde Entier formiert sich der Widerstand. Neun Frauen sitzen eng an einem Holztisch auf kleinen Hockern, eine trägt Birkenstock-Sandalen, fast alle haben enge Jeans an, dezentes Make-up. Zwei Frauen stillen ihre Kinder. In dieser Runde ist das eine Art politischer Akt.

Es ist ein Samstagvormittag, Redaktionstreffen des Elternmagazins "Grandir Autrement" ("GA"), "Anders aufwachsen". Fast alle arbeiten ehrenamtlich, manch eine ist mehr Aktivistin als Redakteurin.

Nach sieben Jahren, in denen "GA" vor allem im Internet veröffentlichte und gedruckte Exemplare nur an wenige Verkaufsstellen gingen, ist "GA" seit September an 1400 Kiosken Frankreichs erhältlich. Das Magazin befasst sich mit Themen, die in Frankreich noch vergleichsweise jung sind: ausgiebig stillen, Kleinkinder nicht weinen lassen, tragen, ins Ehebett nehmen, Bioessen, Naturmedizin. Westlich des Rheins entdecken Eltern seit ein paar Jahren einen Umgang mit ihren Kindern, den Deutsche längst kennen. Im Petit Café geschieht, wie an vielen weiteren Orten Frankreichs, eine sanfte Revolution.

Die "hyper mères" - so die Elternzeitschrift "Parents" etwas abfällig - halten an den bisherigen Errungenschaften des Feminismus fest, aber sie wollen ihnen etwas hinzufügen: das Recht, die eigene Mütterlichkeit weit und breit auszuleben. Möge ihr Beruf eine Weile Nebensache sein - egal. Sie folgen ihrem "Herzen", ihrem "Instinkt", und dem mütterlichen Oxytocin-Hormon, die ihnen diktieren: Bleib lange in der Nähe deiner Kinder.

"Diese Frauen sind Feministinnen"

Seit Jahrzehnten - von Coco Chanel bis Simone de Beauvoir und Elisabeth Badinter - war es bisher Tradition: Bloß weg mit den mütterlichen Mühen. Chanels Befreiung lief über die Mode, Simone de Beauvoir und ihre Nachfolgerin Elisabeth Badinter werten die Mutterliebe als ein kulturelles, künstliches Konstrukt. Nötig habe sie die emanzipierte Frau nicht - sie sollte lieber nach edleren Aufgaben streben, sprich: beruflicher Anerkennung. Doch das ändert sich, dank Internet fanden die neuen Mütter zueinander.

In Foren und Chats entdeckten die wegen der Doppelbelastung ausgelaugten Frauen: Ich bin nicht die einzige. Seitdem kursiert der neue Begriff "maternage de proximité" - "Bemutterung mit Nähe". Neue Magazine, Fernsehsendungen und zahlreiche Vereine entstanden. Vorträge und Workshops über Babymassage, gewaltlose Erziehung oder Burnout breiteten sich aus.

Der Trend habe "Wind in den Segeln", schätzt Catherine Rouet-Piraud in ihrem Buch "Planète maternage". Rund 15 bis 20 Prozent der Französinnen interessierten sich dafür. Zwischen 1995 und 2012 stieg die Stillquote nach der Geburt von 45 auf 69 Prozent.

An der Säule der Berufstätigkeit rütteln die "GA"-Autorinnen kaum. Sind sie eine Weile bei den Kindern zu Hause, betonen sie, dass sie weiter arbeiten: bei einer Weiterbildung, beim Aufbau eines kleinen Unternehmens, bei einem Ehrenamt - oder bei allem gleichzeitig. Schließlich seien sie keine Reaktionäre, die Frauen an den Herd zurückwünschten.

"Diese Frauen sind Feministinnen", kommentiert die emeritierte Professorin Yvonne Knibiehler aus Aix-en-Provence. "Denn sie legen viel Wert auf ihre Autonomie und auf ihre Rechte." In ihrem Buch "La révolution maternelle" listet Knibiehler drei Generationen auf: die Mütter des Baby-Booms, die Revoltierten der siebziger Jahre und die aktuellen Frauen. Diese seien dabei, "ihre Mutterschaft neu zu erfinden".

"Ich bin nicht die Super-Woman, wie ihr denkt"

Es sei "ein Akt der Emanzipation", sich von einer "stressigen Vollzeit von 8 bis 19 Uhr" zu verabschieden, so die 38-jährige "GA"-Autorin und Ingenieurin Marie-Florence Astoin. In der aktuellen Alumni-Zeitschrift ihrer Hochschule "Agro" beschreibt die Mutter von drei kleinen Töchtern ihren Weg.

Sie wehrte sich gegen ihren Vater, der "eine große Karriere" für sie vorsah, gegen ihren Mann, der eine "unabhängige" Frau wollte. Und vor allem gegen ein "Gesellschaftsmodell, in dem Frauen alles leisten müssen". Die "Geschichte mit der Geschlechtergleichheit" ziehe Frauen über den Tisch. Die Aufgaben seien ungerecht verteilt, vor allem mit einem kleinen Baby.

"Ich bin nicht die Super-Woman, wie ihr denkt", erkannte Astoin, als es ihr körperlich immer schlechter ging. Von "anglophonen Frauen" lernte sie, "sich Freiheiten mit dem System zu nehmen": "You can have it all, but not all at once." Finanzielle Sorgen habe sie nicht - ihr Mann arbeitet in einem Pariser Ministerium. Sie selber berät ab und zu ein holländisches Unternehmen als Freiberuflerin. Dafür musste sie neulich in den Kongo, sie nahm ihre jüngste Tochter mit.

Auch Mütter mit knapperem Geld handeln ähnlich. Die alleinerziehende, 36-jährige "GA"-Autorin Anne-Claire Ricot wollte nach der Geburt ihrer beiden Kinder (acht und zwei Jahre alt) keine feste Stelle mehr als Lehrerin. "Dafür bin ich bereit, materiell mit sehr wenig zu leben", sagt sie. "Lebt man nach seinem Herzen, dann sinkt die Sehnsucht nach Konsum." Zu Hause arbeitet sie als Übersetzerin und Lektorin. Sie unterrichtet ab und zu in Gefängnissen. Mit staatlicher Unterstützung und Kindesunterhalt kommt sie "gerade so" über die Runden.

Claude Didierjean-Jouveau - Buchautorin, "GA"-Chronistin und Großmutter - macht sich Sorgen um die Armut der mit 40 verlassenen Nur-Hausfrauen. Sie wünscht sich familienfreundlichere Arbeitsformen: "Auch Väter könnten im Beruf kürzertreten".

Sex in der Küche

Mit Rückblick auf die letzten Jahre schmunzelt sie: "Vor 20 Jahren wirkten wir wie Außerirdische mit unseren Thesen über das Stillen. Heute stehen sie ganz oben - offiziell zumindest." Seit ein paar Jahren erst empfiehlt das französische Gesundheitsministerium volles Stillen bis zum Alter von sechs Monaten. Auch "bis zwei Jahre und sogar darüber hinaus" sei es möglich, weiter zu stillen - mit ergänzender Nahrung.

Als "aktive Avantgarde einer wachsenden Bewegung" bezeichnet der deutsche, in Lyon arbeitende Kinderarzt Adrian Serban die neuen Mütter. Ende September hielt er einen Vortrag vor Eltern und Gesundheitsexperten in einem repräsentativen Raum im Rathaus des 1. Arrondissement. Eine Woche im Voraus waren alle Plätze ausgebucht. Unter der Marianne-Büste erklärte er, wie die Bindung, die der Säugling in den ersten Monaten mit seinen Eltern aufbaut, sein gesamtes Leben prägt.

Aber gefährdet es nicht das Sexleben der Eltern, wenn Kinder im Ehebett schlafen? Nein, sagen die "GA"-Autorinnen. Es sei denn, man stelle es sich ausschließlich "abends, im Bett und in der Missionarsstellung" vor. Die Küche, das Bad oder ein Zustellbett im Büro seien auch gute Orte.

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1. Es mag ihr gutes Recht sein, jeder hat
leser-fan 26.10.2013
sein Konzept; bis zum 3./4. Lebensjahr bei einer Bezgspwrson ist auf jedenfall für ein Kind besser aks in Massenverwahrung ohne Liebe u. Zuneigung u. ständigem Kranksein. Nur zu sagen, Karriere halbtags, sollen die anderen doch meine Arbeit mitmachen, wenn ich gehe ...das ist egoistisch und rücksichtslos. Es gibt viele gut organisierte Mütter, die Beweis sind, das es geht. Wer lieber bei seinem Kleinkind selbst bleiben möchte, ist staatlich zu unterstützen.
2. Toll!
Europa! 26.10.2013
Zitat von sysopAPEine neue Generation von Müttern verändert Frankreich. Tausende Frauen wollen mehr Zeit für sich und ihre Kinder, beruflich treten sie kürzer. Viele fühlen sich als Feministinnen, doch sie stoßen auf Widerstand. Frankreich: Mütter wollen mehr Zeit mit Kind verbringen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/frankreich-muetter-wollen-mehr-zeit-mit-kind-verbringen-a-927412.html)
Ich finde das großartig! Und man sollte diese Frauen mit einer festen Mütterquote unterstützen, wenn sie in den Beruf zurückkommen und ihre Karriere fortsetzen wollen.
3. Ich finde es immer wieder erstaunlich...
FocusTurnier 26.10.2013
...aber für Europa typisch, daß in einem Bericht über Familie und deren Vereinbarkeit mit dem Beruf, ein ganzer Familienteil vollkommen ausgeblendet wird: Die Männer bzw. Väter. Das sagt viel darüber aus, wessen Interessen beim Thema Gleichberechtigung bzw. -stellung im absoluten Vordergrund stehen.
4. Sandalen?
chb_74 26.10.2013
Zitat: "eine trägt Birkenstock-Sandalen". Aha, und? IN Frankreich trägt im Schnitt vermutlich jede dritte (jüngere) Frau bei passendem Wetter Birkenstock-Sandalen, weil die in Frankreich genauso wie in Italien, Spanien, Niederlanden schon seit Jahren völlig "hip sind - in Deutschland ist das ja letztes und dieses Jahr auch ansatzweise so angekommen. Wenn damit irgendwie symbolisiert werden sollte, dass da Klischee-Feministinnen sitzen, dann ging das eher daneben, denn in den genannten Ländern sind die Schuhe eher Modeaccessoire für besonders "hippe" Leute. Sollte das nicht die Absicht gewesen sein: was ist der Informationsgehalt? Welche Schuhe trugen die anderen Frauen, warum steht das da nicht? Journalisten brauchen manchmal die Klischees zur Pointierung, das ist schon richtig, aber dann bitte im jeweiligen Kontext passende Klischees...
5. Ultraminoritär?
sonja.buck 26.10.2013
Wo haben Sie das bloß her? Ich lebe seit 40 Jahren in Frankreich, habe von dieser Tendenz nie gehört, kein Mensch spricht darüber, weder im Radio noch im Fernsehen noch auf Internet. Bisschen Propaganda, um die deutschen Mütter doch in ihrer Mütterlichkeit zu bestärken und sie als Vorreiterinnen hinzustellen, die sie allerdings nicht sind?
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