Laizismus-Debatte in Frankreich Krieg der Krippen

Dürfen Weihnachtskrippen im Rathaus aufgestellt werden? Darüber streitet Südfrankreich. Nein, sagen Verfechter des Laizismus. Ja, sagen Bürgermeister des Front National - sie wollen sich als Verteidiger traditioneller Werte positionieren.

Von , Paris

Robert Ménard, Bürgermeister Béziers: Streit über die Krippe im Rathaus
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Robert Ménard, Bürgermeister Béziers: Streit über die Krippe im Rathaus


Maria, Josef und das Kind, Ochsen, Esel, Schafe: Die Miniatur-Darstellung der Weihnachtsnacht mit liebevoll gefertigten Figuren zählt zu den tief verwurzelten Traditionen Frankreichs. Im Süden, wo die Herstellung der "Santons" ("kleine Heilige") vor mehr als 200 Jahren begann, schmücken die Krippen nicht nur Kirchen, sondern auch Geschäftsauslagen, Marktplätze und Rathäuser.

Doch nun drohen die Herbergen ihren Platz zu verlieren: Ein Verwaltungsgericht in Nantes untersagte dem Département Vendée, die Eingangshalle seiner Behörde mit der biblischen Szene zu schmücken. Denn das widerspreche dem Gebot zur religiösen Neutralität. Bürger, die dem Brauchtum verbunden sind, hadern mit der Entscheidung, die Kontroverse schwelt landesweit. Die Tageszeitung "Le Parisien" warnte schon vor einem "Krieg der Krippen".

Losgetreten wurde der Streit durch eine Klage der "Nationalen Vereinigung der Freidenker", eingereicht vor bereits zwei Jahren. Die Krippen seien eindeutige Symbole des Katholizismus; sie hätten daher in den öffentlichen Gebäuden Frankreichs nichts verloren, argumentiert die Organisation, die sich als Speerspitze im Kampf gegen religiösen Dogmatismus versteht.

Die Wächter republikanischer Prinzipien berufen sich dabei auf den Laizismus - die 1905 beschlossene Trennung von Staat und Kirche. Danach sind "die Errichtung oder Anbringung religiöser Embleme auf öffentlichen Monumenten oder irgendwelchen öffentlichen Plätzen" verboten. Ausgenommen sind allein Prozessionen oder die Darstellung der Krippe mit lebenden Akteuren.

Trotz dieser unmissverständlichen Vorschrift hielten Krippen mancherorts Einzug in Rathäuser oder Gemeindestuben - meist ohne größeres Aufsehen. Allerdings hatte schon 2010 das Verwaltungsgericht von Amiens einen Bürgermeister wegen Verletzung laizistischer Prinzipien gemaßregelt; drei Jahre später wurde ein Ratsherr im Département Aveyron wegen desselben Verstoßes gerügt. In Avignon, wo das biblische Szenario mit 600 kleinen Figuren seit 1999 die Säulenhalle des historischen "Hotel de Ville" geziert hatte, entschloss man sich Anfang des Jahres der Konfrontation aus dem Weg zu gehen: Die touristische Attraktion wurde in eine Kirche verlegt.

Front National sucht Konfrontation

Lokalpolitiker des rechtsextremen "Front National" (FN) gehen einen anderen Weg: Kaum hatte das Urteil der Verwaltungsrichter aus Nantes Schlagzeilen gemacht, tauchten Krippen in einigen FN-geführten Gebietskörperschaften auf: Manche der Bürgermeister witterten die Gelegenheit, als Verfechter abendländisch verankerter Traditionen auftreten zu können.

Im südfranzösischen Béziers etwa ließ der FN-nahe Robert Ménard im Alleingang eine Krippe im Rathaus aufstellen - und handelte sich prompt eine Abmahnung des zuständigen Präfekten ein. "Das entspricht nicht dem Prinzip des Laizismus und ist auch keine lokale Tradition, in Wahrheit handelt es sich um eine Erfindung der neuen Stadtverwaltung." Ménard verteidigt sich indes als Beschützer nationaler Tugenden: "Wir leben in einem Land jüdisch-christlicher Kultur, ob das einer Handvoll von Fundamentalisten gefällt oder nicht."

Die Besinnung auf die heimische Religion als gewollte Provokation und Abgrenzung gegen die vermeintliche Unterwanderung durch den Islamismus? "Die Diskussion über muslimische Symbole hat die Debatte zugespitzt", sagt Valentine Zuber, Expertin für die Geschichte des Laizismus in Frankreich. Bei Islam und Katholizismus werde mit "zweierlei Maß" gemessen. "Die Werte der Republik erfahren eine Verkehrung", so der Autor François Meyronnis im Magazin "Le Point": "Parteien wie der FN verwenden den Begriff des Laizismus, um ihn gegen den Islam zu wenden."

Während Politiker von Regierung wie Opposition beide Lager zu Toleranz und Augenmaß aufrufen, droht sich der Zwist weiter zuzuspitzen. Melun, eine Kommune im Großraum Paris, hat trotz drohender juristischer Folgen seine Krippe im Rathausgarten aufgebaut, weil es sich dabei "um eine kulturelle Veranstaltung" handele.

Und der Bürgermeister von Béziers verspricht noch aufzutrumpfen: "Dieses Jahr werden die Heilige Jungfrau und Jesus nicht vor die Tür gesetzt wie vor 2000 Jahren, sie bleiben bei uns im warmen Rathaus", sagt Ménard.

Eine Beruhigung des Grundsatzstreits ist höchstens ab dem 6. Januar absehbar. Meist werden die Krippen dann wieder abgebaut. Bis zum nächsten Weihnachten.



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