Gute Taten illegaler Einwanderer Frankreichs neue Helden

Mamoudou Gassama kletterte eine Fassade hoch, rettete ein Kind, wurde gefilmt - und soll eingebürgert werden. Aymen Latrous holte ein Baby aus einem brennenden Haus, niemand filmte - und sollte abgeschoben werden. Ist das okay?

Macron und Gassama
AFP

Macron und Gassama

Von , Paris


Die Rechtsanwältin zielt mit ihrer Frage auf das Selbstverständnis einer Nation: "Gibt es in Frankreich eine Justiz mit zweierlei Maß?" fragt Philippine Parastatis aus der 9000-Einwohner-Gemeinde Fosses im Norden von Paris. Die Worte richten sich direkt an den französischen Präsidenten Emmanuel Macron.

Der hatte einem illegal eingewanderten Malier das Aufenthaltsrecht beschafft und die Einbürgerung versprochen, nachdem dieser an der Fassade eines Pariser Hochhauses den vierten Stock erklommen hatte, um ein vier Jahre altes Kind vor dem Sturz vom Balkon zu retten. Passanten filmten die Hilfsaktion. Bald war der Retter Mamoudou Gassama in ganz Frankreich als "Spiderman" bekannt und beliebt. Präsident Macron empfing ihn.

Video: "Spiderman" trifft den französischen Präsidenten

REUTERS

Reicht ein kurzes Video, um der Abschiebung zu entgehen? Anwältin Parastatis vertritt einen Tunesier namens Aymen Latrous. Er sollte abgeschoben werden - obwohl er eine ähnliche Heldentat vollbrachte wie Gassama. Allerdings schon vor zwei Jahren und ohne dass jemand dabei filmte.

Für welche Helden gilt das französische Aufenthaltsrecht? Dürfen sie später alle Franzosen sein? Dafür kämpft Parastatis. "Es darf keine Hierarchie der Helden geben", sagt sie im Gespräch mit dem SPIEGEL.

"Positive und uneigennützige Tat"

Zumindest im Fall Latrous hatte sie nun Erfolg. Am Dienstag teilte die Präfektur von Val-d'Oise mit, der Abschiebebescheid des 25-Jährigen werde aufgehoben. Zur Begründung hieß es, dem Tunesier sei jüngst eine Festanstellung in Frankreich angeboten worden. Überdies werde dessen "positive und uneigennützige Tat" von 2015 bei der Ausstellung eines Aufenthaltstitels berücksichtigt.

Die "positive und uneigennützige Tat" ereignete sich am 10. April 2015. Latrous ging mit zwei Freunden durch eine ruhige Straße voller kleiner Reihenhäuser im Städtchen Fosses. Aus einem Haus drang schwarzer Rauch. Eine Frau schrie, ihre Kinder seien in Gefahr. Latrous betrat das brennende Haus. "Ich bin die Treppe hoch, habe das Baby auf den Arm genommen und dann noch den panischen Bruder entdeckt und mitgeschleift", erzählte er später.

Niemand zweifelt daran, dass sich die Sache so zugetragen hat. Latrous bekam vom Bürgermeister von Fosses eine Auszeichnung. Trotzdem folgte über zwei Jahre später, im Januar 2018, sein Ausreisebescheid, der nun aufgehoben wurde. Latrous dürfte es auch der Hartnäckigkeit seiner Anwältin Parastatis zu verdanken haben, dass er in Frankreich bleiben kann.

Parastatis hatte argumentiert, im Ausreisebescheid sei "an keiner Stelle von Aymens bravourösen Taten die Rede". Zudem verglich sie die Fälle Latrous und Gassama: "Auf zwei offensichtlich vergleichbare Taten gibt es zwei juristisch völlig entgegen gesetzte Antworten."

Ein geschickter Schachzug - die Rechtsanwältin zielte damit auf die Glaubwürdigkeit von Präsident Macron. Wie kann er Gassama in seinen Palast laden und zum Franzosen machen, während Latrous eiskalt abgeschoben wird?

Neues Heldenbild

Mit dieser Frage schaffte es Parastatis in fast alle großen französischen Medien. Schon als die Präfektur verkündete, man überprüfe den Ausreisebefehl für Latrous erneut, klang es fast so, als habe Macron den Präfekten persönlich angerufen und zur Mäßigung verdonnert.

Eines haben die Rechtsanwältin und Macron bereits erreicht: Sie haben ein neues Heldenbild vom Ausländer geschaffen, der sich für die Franzosen opfert. Früher waren das die Einwohner der Kolonien, die für die französische Armee im Ersten und Zweiten Weltkrieg kämpften.

Aber dann kam lange nichts mehr. Der Algerienfranzose Malik Oussekine, am 6. Dezember 1986 bei der Pariser Schüler- und Studentenrevolte von der Polizei tödlich niedergeschlagen, blieb immer nur der Held der damaligen Demonstranten.

Bei den Terroranschlägen in Paris im November 2015 rettete der damals 35-jährige algerische Ordnungsdienstleiter des Konzertsaal Bataclan, genannt Didi, ungezählte Menschenleben. Später erhielt er dafür die Einbürgerung vom französischen Innenminister. 2015 wurden Didis Taten kaum zur Kenntnis genommen, weil die Terroristen algerischer Herkunft waren - ein algerischstämmiger Held wie Didi schien vielen Beobachtern nicht ins Bild zu passen.

"Wir brauchen eine Art politisches Heldentum"

Macron betonte später in Ansprachen, dass gerade die Jugend von heute neue Helden brauche - was manchmal so klang, als meine er sich selbst. Aber es war auch an die Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den französischen Vorstädten gerichtet, die sich mit einem wie Didi hätten identifizieren können.

"Ich glaube fest daran, dass das politische Leben den Sinn für das Symbolische wiederfinden muss. Dafür brauchen wir eine Art politisches Heldentum", sagte Macron, nun schon Präsident, in einem SPIEGEL-Interview im Oktober 2017.

Als im März während einer islamistisch motivierten Geiselnahme in einem Supermarkt ein Polizist starb, nachdem er sich gegen eine Geisel hatte eintauschen lassen, sprach Macron wieder vom Heldentum. Der Name des Polizisten Arnaud Beltrame, so Macron in seiner Gedenkansprache, "ist zum Namen des französischen Heldentums geworden".

Den Malier Gassama pries der Präsident nun vor wenigen Tagen ähnlich: "Solche Taten, die Heldentum beweisen, brauchen wir jeden Tag", sagte Macron in seinem Palastgespräch mit "Spiderman".

Mamoudou Gassama
AFP

Mamoudou Gassama

Ob der Präsident damit recht hat? Rechtsanwältin Parastatis will es gar nicht so genau wissen. "Obwohl ich griechischer Abstammung bin", sagt Parastatis, "kenne ich mich mit Heldensagen nicht aus."

insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
flytouch 07.06.2018
1. Recht bleibt Recht
So rühmlich und wichtig die Taten für die Gesellschaft auch sind, die Rechtsgrundlage darf nicht beeinflusst werden. Das zerstört ansonsten das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit. Ein Autofahrer, der einen tötlichen Unfall verursacht hat, muss sich vor Gericht dafür genau so verantworten, auch wenn er an anderer Stelle Menschenleben gerettet hat.
hansfrans79 07.06.2018
2.
Zitat von flytouchSo rühmlich und wichtig die Taten für die Gesellschaft auch sind, die Rechtsgrundlage darf nicht beeinflusst werden. Das zerstört ansonsten das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit. Ein Autofahrer, der einen tötlichen Unfall verursacht hat, muss sich vor Gericht dafür genau so verantworten, auch wenn er an anderer Stelle Menschenleben gerettet hat.
Sie vergleichen den Kampf um ein Bleiberecht mit Autofahrern, dir Menschen tot fahren? Davon ab: Es ist Frankreichs (Präsidenten) Recht, jemanden einzubürgern. Und das sollte in der Tat möglichst für alle gelten.
tempus fugit 07.06.2018
3. Was für ein...
Zitat von flytouchSo rühmlich und wichtig die Taten für die Gesellschaft auch sind, die Rechtsgrundlage darf nicht beeinflusst werden. Das zerstört ansonsten das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit. Ein Autofahrer, der einen tötlichen Unfall verursacht hat, muss sich vor Gericht dafür genau so verantworten, auch wenn er an anderer Stelle Menschenleben gerettet hat.
...absurder Vergleich - was haben sich die beiden - und wohl viele andere - zu Schulden kommen lassen, dass man diese Ihre absurde Gegenrechnung nachvollziehen könnte? Dass die Amis jungen Männern den US-Pass versprachen, wenn sie mit US-Waffen in US-Uniform in zu 'demokratisierenden' Ländern für US-Interessen kämpften und töteten - und auch getötet wurden - das stimmt.
sven2016 07.06.2018
4. ua@flytouch
Helden zu ehren und zu verehren ist keine Politik. Besonderen Einsatz für die Gesellschaft anzuerkennen ist Politik. Zu @flytouch: Verstoß gegen das Ausländerrecht mit einer Straftat mit Opfern gleichzusetzen ist schon pervers. Und dann noch zu fabulieren, dass das nicht durch positives Handeln "ausgeglichen" werden könne. Leute gibt es, unglaublich asi.
nikaja 07.06.2018
5. Zivilcourage und Einsatz muessen gewuerdigt werden
Die franz. Massnahme, illegalen Einwanderern die franz. Staatsbuergerschaft zu verleihen, als Wuerdigung eines ausserordentlichen Einsatzes finde ich honorig und angemessen. In den dt. Medien wird ausschliesslich negativ ueber Asylbewerber berichtet. Jeder Pups im Zusammenhang mit Migranten ist bedeutsam, um eine negatives Menschenbild zu zementieren und wird von der Presse begierig ausgebreitet. Unsere Provinzprinzen, wie Seehofer, Dobrindt, Maas und Konsorten sind lokale Pflaenzchen, die nie im Ausland gelebt und gearbeitet haben. D.h. Integration in ein fremdes System ist denen ein Fremdwort und in diesem Sinne machen sie Politik.
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