Katholische Kirche: Die Geißeln des Franziskus

Von

Neuer Papst: Franziskus' erster Tag im Amt Fotos
Getty Images/ Osservatore Romano

Auf den neuen Papst Franziskus wartet eine Kirche, die gespalten ist - und mit massiven Problemen zu kämpfen hat: die ungeklärte Vatileaks-Affäre, die Machenschaften der Vatikanbank, der Missbrauchsskandal. Welche Themen muss das Kirchenoberhaupt zuerst anpacken?

Die Erwartungen an den neuen Papst sind immens - und widersprüchlich. Franziskus wird sie unmöglich alle erfüllen können. Europäische und amerikanische Christen wünschen sich einen Reformer an der Spitze der Kirche, der Missstände beim Namen nennt und rasch behebt. In Deutschland wünschen sich viele Gläubige einen Papst, der sich für die Wiederverheiratung Geschiedener einsetzt und die Frauenordination, kurz: der die Strukturen der Kirche aufbricht. Doch unter Franziskus wird es kaum eine Abschaffung des Zölibats geben. Der Wunschzettel ist lang - die Liste der Aufgaben, um die sich der neue Papst in den kommenden Monaten wird kümmern müssen, ist es auch.

1) Vatileaks - der Geheimnisverrat

Die Affäre ist das vielleicht undankbarste Erbe, das Benedikt XVI. seinem Nachfolger Franziskus hinterlassen hat: Der Kammerdiener Paolo Gabriele soll den Papst über Monate bestohlen haben. Ermittler fanden in seiner Wohnung kistenweise Kopien vertraulicher Dokumente. Benedikts Privatsekretär Georg Gänswein will den Verräter schließlich persönlich überführt haben. Seit Anfang 2012 drangen immer wieder Geheimdokumente aus dem Vatikan an die Öffentlichkeit, der Journalist Gianluigi Nuzzi veröffentlichte sie in einem Buch. Es handelt von Lügen, Intrigen, Fehden innerhalb des Kirchenstaates. Am 17. Dezember überreichten drei Kardinäle Benedikt XVI. einen Geheimreport zur Affäre. Zuvor, so heißt es, habe Benedikt von Zuständen in der Kurie erfahren, die er nicht für möglich gehalten habe.

Dieser Bericht liegt nun dem neuen Papst Franziskus vor. Er muss die Konsequenzen ziehen.

2) Machenschaften der Vatikanbank IOR

Der Vatikan ist dem Himmel nicht näher als der Erde. Vielmehr macht er sehr irdische Geschäfte, offenbar manchmal auch krumme. Er hat eine eigene Bank, das "Istituto per le Opere di Religione" (IOR). Es ist heftig in die Kritik geraten: Das Dickicht aus Korruption und Verstrickungen mit der Mafia ist schwer zu entwirren. Es gibt Hinweise auf Nummernkonten, fragwürdige Transaktionen. Kirchenmanager sollen europäische Regeln zur Geldwäsche-Bekämpfung unterlaufen haben. Auch dieser Baustelle im Zentrum der Macht wird sich der neue Papst widmen müssen.

Durch die Vatileaks-Affäre wurden auch die Hintergründe des Rauswurfs des Vatikanbank-Chefs bekannt: Ettore Gotti Tedeschi musste offenbar gehen, weil er der Bank mehr Transparenz verordnen wollte. An dem kirchlichen Geldinstitut hatten in der Vergangenheit auch Mafia-Paten und Dritte-Welt-Diktatoren ihr Geld geparkt. Offiziell hieß es, Gotti Tedeschi sei exzentrisch gewesen und unzuverlässig. Es waren einflussreiche Kardinäle innerhalb des Vatikan, allen voran Staatssekretär Tarcisio Bertone, die gegen die Kooperation mit den weltlichen Behörden und somit mehr Transparenz kämpften. Kurz vor seinem Rücktritt hatte Benedikt XVI. der Ernennung eines neuen Vatikanbank-Chefs zugestimmt. Den Posten hat der deutsche Unternehmer Ernst von Freyberg übernommen. Das Bekenntnis zur Transparenz aber wird Franziskus fortführen und ausbauen müssen - auch gegen Widerstände aus den eigenen Reihen.

3) Reform der Kurie

Benedikt XVI. wurde nachgesagt, seinen Laden - sprich die Kurie - nicht im Griff zu haben. Vielmehr sei es so, dass der Laden ihn im Griff habe. Ihm wurde vorgeworfen, die Verwaltung des Heiligen Stuhls zu vernachlässigen, wie es auch Johannes Paul II. schon getan hatte. Der eine habe die Zeit am liebsten über den Büchern verbracht, der andere auf seinen Reisen in aller Welt, hieß es in Rom. Als Johannes Paul II. starb, war die Kurie in schlechtem Zustand. Stellen waren nicht besetzt worden, Arbeit hatte sich gehäuft. Der Pontifex war lange durch seine Krankheit ausgefallen. Doch weitreichende Veränderungen gab es auch unter Benedikt nicht. Priester besetzen die wichtigsten Posten, auch die des Laienrates. Die einzige Frau in einer höheren Position wurde vor zwei Jahren aus dem Amt gedrängt - sie hatte zu offen gegen die Seilschaften gekämpft. Benedikt ignorierte die Kurie in weiten Teilen, ließ sie gewähren - samt Intrigen, Seil- und Machenschaften. Durch die Vatileaks-Affäre wurden die Zustände offengelegt. Franziskus muss die Kurie verändern, wenn er nicht selbst Gefahr laufen will, dass sich das Blatt gegen ihn wendet.

4) Missbrauchsskandal

Um die Jahrtausendwende erschüttert der Missbrauchsskandal die Kirche. Erst waren große US-Diözesen betroffen, sie zahlten Millionen, mehrere Bistümer wurden zahlungsunfähig. Zeitverzögert erreichte das Thema Deutschland. 2010 wurden Fälle sexuellen Missbrauchs in verschiedenen kirchlichen Einrichtungen bekannt: Internaten, Heimen, Gemeinden. Die Menschen brachen nach Jahrzehnten ihr Schweigen, die Kirche begann mit der Aufarbeitung, die sie jahrzehntelang - auch gedeckt durch Rom - versäumt hatte. Pädophile Priester waren von einer Gemeinde in die nächste geschickt worden. Taten wurden vertuscht, Täter geschützt, Opfern wurde allzu oft nicht geglaubt. Franziskus muss Stellung beziehen, wenn er der Kirche zurückgeben will, was sie durch den Umgang mit dem Missbrauch verspielt hat: Glaubwürdigkeit - und Tausende Mitglieder, die ihr den Rücken gekehrt haben.

5) Abwanderung der Mitglieder

In Europa und den USA sind der katholischen Kirche nach dem Missbrauchsskandal Tausende Mitglieder abhanden gekommen. Und auch in der Heimat des neuen Papstes sieht es nicht viel besser aus - wenn auch aus anderem Grund: Dort verliert die Kirche Mitglieder an die sogenannten Pfingstkirchen. Deren Prediger bieten oft sehr lebensnahe Antworten auf hochkomplexe Fragen - ohne den Umweg von Buße, Beichte, Einkehr. Die Gottesdienste der Pfingstler sind sehr unterhaltsam, manche werden wie Konzerte in großen Hallen gefeiert. In Lateinamerika fehlen Zehntausende Geistliche, viele Kirchen sind verwaist. Bislang hinkt die Kirche hinterher. Man buhlt um die Pfingstler, indem man die eigenen Gottesdienste anpasst: mehr Pop, mehr Zirkus. Doch geholfen hat das bislang kaum. Franziskus muss gegensteuern, er muss eine Kirche schaffen, die attraktiv ist für die Gläubigen, die auf ihre Bedürfnisse eingeht. So unterschiedlich diese auch weltweit sind.

6) Fragen der Sexualmoral

Bei kaum einem anderen Thema offenbart sich die Entfremdung der Kirche vom Alltag der Menschen so sehr wie in Fragen der Sexualmoral. Selbst in katholischen Ländern wie Irland und Spanien lehnt laut Umfragen die Mehrheit der Katholiken die Sexualmoral der Kirche ab: Geschlechtsverkehr dient vor allem der Fortpflanzung, deshalb ist laut der Enzyklika "Humanae vitae" von 1968 jede Form künstlicher Geburtenregelung verboten: die Pille, Kondome. Und Abtreibungen sowieso. Der einzige legitime Ort für Sex ist nach der Lehre der Kirche die Ehe zwischen Mann und Frau. Zwischen "liebender Vereinigung" und Fortpflanzung bestehe ein "unlösbarer Zusammenhang", ließ die Glaubenskongregation noch 2010 mitteilen.

Die Deutsche Bischofskonferenz erlaubte erst vor wenigen Wochen die Pille danach in Vergewaltigungsfällen; doch dem Schritt war eine wochenlange Diskussion vorausgegangen. Bislang hat Kardinal Bergoglio in Fragen der Sexualmoral die geltende Lehrmeinung der Kirche nicht in Frage gestellt, künftig wird er sich positionieren müssen - auch zu Fragen des unkontrollierten Bevölkerungswachstums in Entwicklungsländern und der Ausbreitung von HIV.

7) Streit mit der Piusbruderschaft

Was aus den Piusbrüdern wird, ist seit Jahren unklar. 2009 hatte ein Interview mit dem Holocaust-Leugner Richard Williamson Benedikt XVI. in die erste schwere Krise seines Pontifikats gestürzt. Denn beinahe zeitgleich hatte der Papst die Exkommunikation des Bischofs aufgehoben, von den umstrittenen Äußerungen Williamsons soll er nichts gewusst haben. Die Piusbrüder lehnen Entwicklungen innerhalb der katholischen Kirche ab, unter anderem die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils und die neue Form katholischer Liturgie. Benedikt XVI. war bemüht, die Piusbrüder wieder an die Kirche heranzuführen. Doch als es konkret werden sollte, trat Benedikt zurück: Am 22. Februar ist eine Frist abgelaufen, die der Vatikan den Piusbrüdern für ein Bekenntnis gesetzt hatte. Durch den Rücktritt des Papstes wurde der Vorgang ausgesetzt - und die Piusbrüder erhielten erneut mehr Zeit zum Nachdenken. Franziskus muss sich nun um das Thema kümmern und entscheiden, wie wichtig ihm die Einheit der Kirche ist - und was er bereit ist, dafür in Kauf zu nehmen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Papst Franziskus - kann er die Erwartungen erfüllen?
insgesamt 1670 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Franziskus
stiip 13.03.2013
Zitat von sysopDas Konklave ist beendet, Erzbischof Jorge Mario Bergoglio aus Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires ist der neue Papst. Der Nachfolger von Benedikt XVI. wird die unterschiedlichsten Erwartungen an ihn und sein Pontifikat aus der ganzen Welt moderieren müssen. Was denken Sie - kann Papst Franziskus diese Erwartungen erfüllen?
Ich weiß nicht viel über den Herrn Bergoglio, aber die Wahl des Papstnamens lässt ja fast so etwas wie Hoffnung aufkeimen.
2. Überraschung
shareman 13.03.2013
Das ist doch mal eine Überraschung - der Name wurde weniger genannt in den letzten Tagen. Jetzt also ein Südamerikaner!
3. Toll
mattin666 13.03.2013
Gott sei mit Dir!!!
4. Papst Franziskus I - kann er die Erwartungen erfüllen?
sysop 13.03.2013
Das Konklave ist beendet, Erzbischof Jorge Mario Bergoglio aus Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires ist der neue Papst. Der Nachfolger von Benedikt XVI. wird die unterschiedlichsten Erwartungen an ihn und sein Pontifikat aus der ganzen Welt moderieren müssen. Was denken Sie - kann Papst Franziskus I diese Erwartungen erfüllen?
5. Gesetz gilt wieder
fritzwert 13.03.2013
"Wer als Favorit ins Konklave reingeht, kommt als Kardinal wieder raus."
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Papst Franziskus
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -10-

Fotostrecke
Franziskus: Die Jugendjahre des Papstes

Ende des Konklaves

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Fotostrecke
Papst Franziskus: Der stille Jesuit aus Buenos Aires

Twitter zum neuen Papst Franziskus