Familiensynode im Vatikan Lasst uns über Sex reden

Papst Franziskus wagt den nächsten mutigen Schritt: Er lädt zu einer Synode nach Rom, um mit Bischöfen und Laien über Ehe, Familie und Sexualmoral zu beraten. Schafft die katholische Kirche den überfälligen Sprung in die Moderne?

REUTERS

Von Annette Langer


Rom - Zehntausende waren auf den Petersplatz in Rom gekommen, um zu beten. Für das Gelingen der außerordentlichen Synode, die heute in Rom beginnt. Erzbischöfe, Kardinäle und ausgesuchte Experten aus aller Welt sind aufgefordert, die Lehre der katholischen Kirche mit Blick auf die Realität der modernen Familie zu überprüfen.

Grundlage für die Diskussion sind die Ergebnisse einer Umfrage, die 2013 an alle Bistümer weltweit verschickt worden war. Keine repräsentative Volksbefragung der Gläubigen des Planeten, wie es einige gern gehabt hätten - aber immerhin ein Anfang.

Das Ergebnis war wenig überraschend: Die meisten Gläubigen kennen die Gebote der katholischen Kirche in Sachen Ehe und Familie - im Alltag verdrängen sie die Mahnungen in Sachen Verhütung und Sex vor der Ehe, Fremdgehen oder Wiederheirat allerdings erfolgreich. Die Diskrepanz zwischen geschriebenem Wort und Lebenswirklichkeit in der Familie war nie größer.

Auswege durch die Hintertür

Oft verstünden die Katholiken noch nicht einmal, warum ihr Zusammenleben ohne Trauschein oder ihr Geschiedensein als sündhaft angesehen werde, heißt es in dem Arbeitspapier, das die Ergebnisse der Umfrage für die Synode zusammenfasst. Die Gläubigen fragten sich vielmehr, warum die großen Sünden vergeben, die kleinen aber so heftig sanktioniert würden.

Wo die theologischen Gräben tief sind, versucht Rom derzeit durch die Hintertür Schmerzen zu lindern. So wird darüber nachgedacht, die Annullierung von Ehen zu erleichtern. Diskutiert wird auch eine Variante aus den orthodoxen Kirchen, wo es möglich ist, ein zweites oder drittes Mal zu heiraten, nach einer Zeit der Buße.

In Deutschland gibt es Pläne, das kirchliche Arbeitsrecht dahingehend zu ändern, dass zumindest eine fristlose Kündigung für Wiederverheiratete nicht mehr zwingend erfolgen muss. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn lenkte den Fokus auf einen Teilaspekt der Diskussion: "Als Kind von Geschiedenen bitte ich um Aufmerksamkeit für uns. In der ganzen Debatte spricht keiner von den Kindern, und das ärgert mich."

Wer ist intelligenter?

Auf Basis der Umfrageergebnisse aus den Bistümern ist das Arbeitspapier "Instrumentum Laboris" erstellt worden. Der Austausch darüber könnte sich als schwierig erweisen, denn die Fronten zwischen liberalen und reaktionären Kräften innerhalb der Kirche sind verhärtet. So mancher sprach im Vorfeld der Synode bereits von einem "Krieg der Kardinäle". Dem - und überhaupt jeder Form von intellektueller Eitelkeit - erteilte der Pontifex schon im Vorfeld eine Absage: Er forderte einen "ehrlichen, offenen und brüderlichen" Diskurs - die Synode sei "nicht dazu da, schöne und originelle Ideen zu diskutieren oder zu sehen, wer intelligenter ist", so Franziskus.

191 sogenannte "Synodenväter", zumeist Vorsitzende der Bischofskonferenzen, werden zwei Wochen lang über Themen wie Scheidung, Abtreibung oder gleichgeschlechtliche Ehen diskutieren. An dem Treffen, das am 19. Oktober mit der Seligsprechung von Papst Paul VI. zu Ende geht, nehmen auch Laien teil. Deutsche Teilnehmer sind der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx und die Berliner Familienberaterin Ute Eberl.

Konkrete Beschlüsse sind von dem Treffen nicht zu erwarten. Es dient zur Vorbereitung einer weiteren Synode im kommenden Jahr zum gleichen Thema. Die Ergebnisse der anstehenden Beratungen sollen aber in ein Abschlussdokument einfließen. Das wird von den Synodenvätern verfasst und vom Papst nicht beeinflusst oder verändert werden, wie ein Sprecher betonte.

Für den Papst ist die Familiensynode schon jetzt weit mehr als nur ein Ringen um unzeitgemäße Dogmen: "Unsere Auseinandersetzung mit der Familie wird eine willkommene Gelegenheit sein, die Kirche und die Gesellschaft nach dem Beispiel des heiligen Franziskus zu erneuern", sagte er. Und das kommt einer charmant verpackten Warnung an die Ewiggestrigen in der Kirche gleich.

Mit Material von dpa

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insgesamt 68 Beiträge
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pirx64 05.10.2014
1. Blinde wollen über Farben reden?
Blinde wollen über Farben reden? Halt, so blind sind sie ja denn doch nicht, siehe all die Liebschaften und all die Pädophilie ...
Jasper Fetherstone 05.10.2014
2. Wünschenswert
Ein Video, in dem die Kardinäle zu "Let's talk about sex" tanzen. Naja, gibt's leider nicht - sollte es aber geben :-)
kritischer-spiegelleser 05.10.2014
3.
Das ist eben das Problem der Katholischen Kirche. Die wollen über Sex und Familie bestimmen und haben nun mal keine Erfahrung darin!
demophon 05.10.2014
4.
191 sogenannte "Synodenväter" werden zwei Wochen lang über Themen wie Scheidung, Abtreibung oder gleichgeschlechtliche Ehen diskutieren. Was gibt es da lange zu diskutieren. Es gelten die Gesetze des Landes, daran hat sich auch die Kirche zu halten.
isolde.duschen 05.10.2014
5.
Wenn katholischen Pfaffen über Sex reden wollen, dann sollte besser jeder Staatsanwalt dieser Welt hellhörig werden.
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