Von Benjamin Schulz
Auf einmal ist er dort, wo niemals zuvor ein Mann aus Lateinamerika war: an der Spitze der katholischen Kirche. Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio ist Papst Franziskus. Er personifiziert die gewachsene Bedeutung Lateinamerikas für die katholische Kirche: Er hat die Vormacht der Europäer gebrochen. Sie hatten sich über Jahrhunderte bei der Besetzung des Papstamtes abgewechselt.
Die Papstwahl zeige, dass die Kirche nun nach Lateinamerika schaue, sagte Orani Tempesta, Erzbischof von Rio de Janeiro. "Das Schlaglicht liegt jetzt auf lateinamerikanischem Katholizismus", sagt der Religionssoziologe José Casanova vom Berkley-Zentrum, eine Forschungsstelle zu Glaube, Ethik und Gesellschaft an der renommierten Georgetown University in den USA. "Hier liegt die Zukunft der katholischen Kirche."
Lateinamerika hat sich zum Zentrum des Katholizismus entwickelt, es gibt dort etwa 483 Millionen Katholiken, rund 200 Millionen mehr als in Europa. "Hier ist die katholische Kirche im Vergleich sehr lebendig und dynamisch", sagt Casanova. Die Wahl Bergoglios sei "eine symbolisch wichtige Anerkennung Lateinamerikas".
In Lateinamerika leben etwa 42 Prozent der 1,2 Milliarden Katholiken weltweit. Aus Brasilien (150 Millionen Katholiken), Mexiko (100 Millionen) und Kolumbien (42 Millionen) stammen zwar mehr Gläubige als aus seiner Heimat Argentinien. Doch in keinem dieser Länder ist der Anteil von Katholiken an der Gesamtbevölkerung höher: Rund 92 Prozent der etwa 42 Millionen Argentinier sind katholisch - allerdings geht nur jeder fünfte regelmäßig zur Messe.
Argentinien ist mit der katholischen Kirche untrennbar verbunden. Die Gesellschaft, Kultur und Politik des Landes seien "durchtränkt von Katholizismus", konstatiert das Berkley-Zentrum. Die Kirche habe es verstanden, eine Basis für das gesamte ideologische Spektrum zu sein.
In dieser Umgebung wuchs Bergoglio auf, ging 1957 ins Priesterseminar. Es folgte eine steile Karriere in der Kirche, 2001 wurde er zum Kardinal ernannt. In den vergangenen Jahren entschied er sich öfters, aus seiner Sicht falsche Entwicklungen im Land - etwa Korruption - offensiv anzuprangern.
Doch auch Bergoglio musste erfahren, dass der Einfluss der katholischen Kirche nicht mehr so weit reicht wie einst. "In Lateinamerika gibt es eine Explosion des religiösen Pluralismus", sagt Casanova. "Für die katholische Kirche bedeutet dies Wettbewerb. Sie ist nicht mehr automatisch die Stimme der Gesellschaft, sondern eine von vielen."
"Fast explosionsartige Ausbreitung evangelikaler Sekten"
Verhütung und Homo-Ehe werden in der argentinischen Gesellschaft beispielsweise zunehmend akzeptiert - Bergoglio hatte sich 2010 erfolglos gegen die Legalisierung der Homo-Ehe ausgesprochen. Ein "Teufelsmanöver" nannte er die Gesetzesvorlage. Staatschefin Cristina Fernández de Kirchner konterte, diese Kritik erinnere an die Zeiten der Inquisition. Das spielt auch auf die Abgehobenheit einer Kirche an, die sich aus Sicht ihrer Kritiker anmaßt, Lebensentwürfe zu bewerten.
"In eine traditionelle Gemeinde zu gehen, ist für viele Katholiken nicht mehr erfüllend, weil sie unpersönlich ist. Die katholische Kirche ist nicht mehr ihr Zuhause", zitiert die "New York Times" Luis Calero, einen Jesuiten und Anthropologieprofessor, der sich mit der Kirche in Mittel- und Südamerika beschäftigt.
Immer mehr Südamerikaner wenden sich vom Katholizismus ab, allerdings führt dies nicht zwangsläufig zu einer Verweltlichung. Die Katholische Nachrichtenagentur diagnostiziert in Lateinamerika vielmehr "die fast explosionsartige Ausbreitung evangelikaler Sekten".
Eine Erwartung der Kirche an den neuen Papst dürfte sein, diesen Trend in seiner Heimatregion zu stoppen. Wie der erste lateinamerikanische Papst den Katholiken in Erinnerung bleibt, wird auch davon abhängen, ob ihm dies gelingt.
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