Neuer Pontifex: Südamerika hofft auf Franziskus

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Katholische Gläubige in Buenos Aires: Ein Landsmann als Papst

Nirgendwo gibt es mehr Katholiken als in Lateinamerika. Dennoch bröckelt auch dort die Position der katholischen Kirche, evangelikale Sekten sind eine aggressive Konkurrenz. Vom neuen Papst aus Argentinien wird nun erwartet, diesen Trend zu stoppen.

Auf einmal ist er dort, wo niemals zuvor ein Mann aus Lateinamerika war: an der Spitze der katholischen Kirche. Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio ist Papst Franziskus. Er personifiziert die gewachsene Bedeutung Lateinamerikas für die katholische Kirche: Er hat die Vormacht der Europäer gebrochen. Sie hatten sich über Jahrhunderte bei der Besetzung des Papstamtes abgewechselt.

Die Papstwahl zeige, dass die Kirche nun nach Lateinamerika schaue, sagte Orani Tempesta, Erzbischof von Rio de Janeiro. "Das Schlaglicht liegt jetzt auf lateinamerikanischem Katholizismus", sagt der Religionssoziologe José Casanova vom Berkley-Zentrum, eine Forschungsstelle zu Glaube, Ethik und Gesellschaft an der renommierten Georgetown University in den USA. "Hier liegt die Zukunft der katholischen Kirche."

Lateinamerika hat sich zum Zentrum des Katholizismus entwickelt, es gibt dort etwa 483 Millionen Katholiken, rund 200 Millionen mehr als in Europa. "Hier ist die katholische Kirche im Vergleich sehr lebendig und dynamisch", sagt Casanova. Die Wahl Bergoglios sei "eine symbolisch wichtige Anerkennung Lateinamerikas".

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Dennoch ist fraglich, ob die Wahl des Papstes zu einem Aufschwung des Katholizismus in der Region führen wird. Casanova glaubt, Bergoglio bekomme nun einfach mehr Gehör für seine Botschaften - Armutsbekämpfung, soziale Gerechtigkeit und eine faire Verteilung der Ressourcen. "Es ist eine südliche Stimme für globale Probleme."

In Lateinamerika leben etwa 42 Prozent der 1,2 Milliarden Katholiken weltweit. Aus Brasilien (150 Millionen Katholiken), Mexiko (100 Millionen) und Kolumbien (42 Millionen) stammen zwar mehr Gläubige als aus seiner Heimat Argentinien. Doch in keinem dieser Länder ist der Anteil von Katholiken an der Gesamtbevölkerung höher: Rund 92 Prozent der etwa 42 Millionen Argentinier sind katholisch - allerdings geht nur jeder fünfte regelmäßig zur Messe.

Argentinien ist mit der katholischen Kirche untrennbar verbunden. Die Gesellschaft, Kultur und Politik des Landes seien "durchtränkt von Katholizismus", konstatiert das Berkley-Zentrum. Die Kirche habe es verstanden, eine Basis für das gesamte ideologische Spektrum zu sein.

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Deshalb musste der Staatspräsident bis 1994 Katholik sein. Deshalb nehmen katholische Würdenträger viele öffentliche Aufgaben wahr. Und deshalb heißt es in der argentinischen Verfassung: "Die Regierung unterstützt die römisch-katholische apostolische Religion."

In dieser Umgebung wuchs Bergoglio auf, ging 1957 ins Priesterseminar. Es folgte eine steile Karriere in der Kirche, 2001 wurde er zum Kardinal ernannt. In den vergangenen Jahren entschied er sich öfters, aus seiner Sicht falsche Entwicklungen im Land - etwa Korruption - offensiv anzuprangern.

Doch auch Bergoglio musste erfahren, dass der Einfluss der katholischen Kirche nicht mehr so weit reicht wie einst. "In Lateinamerika gibt es eine Explosion des religiösen Pluralismus", sagt Casanova. "Für die katholische Kirche bedeutet dies Wettbewerb. Sie ist nicht mehr automatisch die Stimme der Gesellschaft, sondern eine von vielen."

"Fast explosionsartige Ausbreitung evangelikaler Sekten"

Verhütung und Homo-Ehe werden in der argentinischen Gesellschaft beispielsweise zunehmend akzeptiert - Bergoglio hatte sich 2010 erfolglos gegen die Legalisierung der Homo-Ehe ausgesprochen. Ein "Teufelsmanöver" nannte er die Gesetzesvorlage. Staatschefin Cristina Fernández de Kirchner konterte, diese Kritik erinnere an die Zeiten der Inquisition. Das spielt auch auf die Abgehobenheit einer Kirche an, die sich aus Sicht ihrer Kritiker anmaßt, Lebensentwürfe zu bewerten.

"In eine traditionelle Gemeinde zu gehen, ist für viele Katholiken nicht mehr erfüllend, weil sie unpersönlich ist. Die katholische Kirche ist nicht mehr ihr Zuhause", zitiert die "New York Times" Luis Calero, einen Jesuiten und Anthropologieprofessor, der sich mit der Kirche in Mittel- und Südamerika beschäftigt.

Immer mehr Südamerikaner wenden sich vom Katholizismus ab, allerdings führt dies nicht zwangsläufig zu einer Verweltlichung. Die Katholische Nachrichtenagentur diagnostiziert in Lateinamerika vielmehr "die fast explosionsartige Ausbreitung evangelikaler Sekten".

Eine Erwartung der Kirche an den neuen Papst dürfte sein, diesen Trend in seiner Heimatregion zu stoppen. Wie der erste lateinamerikanische Papst den Katholiken in Erinnerung bleibt, wird auch davon abhängen, ob ihm dies gelingt.

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Forum - Papst Franziskus - kann er die Erwartungen erfüllen?
insgesamt 1675 Beiträge
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    Seite 1    
1. Franziskus
stiip 13.03.2013
Zitat von sysop"Habemus Papam"! Jorge Mario Bergoglio aus Argentinen ist der neue Mann an der Spitze der katholischen Kirche. Er hat sich den Namen Francisco I. gegeben. Der neue Papst ist Jorge Mario Bergoglio aus Argentinien - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/der-neue-papst-ist-jorge-mario-bergoglio-aus-argentinien-a-888088.html)
Ich weiß nicht viel über den Herrn Bergoglio, aber die Wahl des Papstnamens lässt ja fast so etwas wie Hoffnung aufkeimen.
2. Überraschung
shareman 13.03.2013
Das ist doch mal eine Überraschung - der Name wurde weniger genannt in den letzten Tagen. Jetzt also ein Südamerikaner!
3. Toll
mattin666 13.03.2013
Gott sei mit Dir!!!
4. Papst Franziskus I - kann er die Erwartungen erfüllen?
sysop 13.03.2013
Das Konklave ist beendet, Erzbischof Jorge Mario Bergoglio aus Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires ist der neue Papst. Der Nachfolger von Benedikt XVI. wird die unterschiedlichsten Erwartungen an ihn und sein Pontifikat aus der ganzen Welt moderieren müssen. Was denken Sie - kann Papst Franziskus I diese Erwartungen erfüllen?
5. Gesetz gilt wieder
fritzwert 13.03.2013
"Wer als Favorit ins Konklave reingeht, kommt als Kardinal wieder raus."
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