Frauen in Kasachstan Polygamie und Sehnsucht

In Teilen Kasachstans werden Frauen unterdrückt, arrangierte Ehen und Polygamie ruinieren ihr Leben. Doch der harte Alltag bringt auch entschlossene Kämpferinnen hervor: 13 Kurzporträts in Bildern.

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Junge Kasachin Gulenka Musatajewa: Ein Leben unter Wasser
Karl Mancini/ Echo Photojournalism

Junge Kasachin Gulenka Musatajewa: Ein Leben unter Wasser

Ainur Jespenowa hat Psychologie studiert und moderiert beim Sender "Hit TV". Die 30-Jährige ist ehrgeizig und engagiert, eine, die den Mädchen in Kasachstan zeigt, dass eine Frau unabhängig sein kann - und gerade deswegen erfolgreich.

Sie steht in einer Reihe mit der 48-jährigen Milliardärin Karlygasch Malkenowa, die der Tradition trotzte, sich scheiden ließ, erneut heiratete und dann aus eigener Kraft ein ganzes Wirtschaftsimperium aufbaute.

Zwei beeindruckende Frauen, wie die 15-jährige Dschansaja Abdumalik, ein Schachgenie, rational, analytisch, fleißig, dem keine Herausforderung zu groß ist. "Ich liebe es, meinem Gegner in die Augen zu schauen", sagt Abdumalik. "Dadurch verstehe ich ihn besser."

Der Preis, den die drei Kasachinnen für ihren Erfolg zahlen, ist hoch. Die Schach-Großmeisterin wird von ihrem Vater gecoacht, "sie ist eine nationale Ikone, die zum Mythos gemacht wurde und jetzt funktionieren muss", sagt der Fotograf Karl Mancini, der die 15-Jährige porträtiert hat. Die Milliardärin Malkenowa litt in ihrer Kindheit auf dem Dorf Hunger und kämpfte sich gegen schwerste Widerstände nach oben. Erst als sie ihren ersten Mann los war, stellte sich der Erfolg ein. Auch die schöne Ainur musste aus ihrer Ehe ausbrechen, um arbeiten zu können.

Sie sind Ausnahmen in einem überwiegend muslimischen Land, wo es gesellschaftlich akzeptiert ist, dass Frauen in jungen Jahren mit Fremden verheiratet werden, aufhören zu arbeiten, Kinder bekommen und es hinnehmen, wenn eine zweite oder dritte Ehefrau auftaucht. "Terpi!", "Halt durch!", raunen Großmütter seit Generationen all jenen ins Ohr, die keine Lust auf Polygamie haben, von ihren Männern geschlagen oder gedemütigt werden oder ganz einfach gar nicht verheiratet sein wollen.

"Nach der Hochzeit ist die Frau ein anderer Mensch", resümiert Fotograf Mancini. "Ihr Leben ist vorbei, sobald sie Kinder hat."

"Früher haben alle über häusliche Gewalt geschwiegen", erinnert sich Gulnar Bekenowa vom Frauenverband Kasachstan. Frauen- und Menschenrechte seien erst seit der Unabhängigkeit im Jahr 1991 zum Thema geworden. "Heute ist das Problem wenigstens erkannt." Aber nicht gelöst. Auch bei der sexuellen Aufklärung gebe es noch viel zu tun, sagt Bekenowa. "Die Frauen werden schwanger und treiben heimlich ab, das ist weiter ein Tabu."

"Religion und Moral werden von vielen Männern als Vorwand benutzt"

Die Vielehe wurde jahrhundertelang in der kasachischen Nomadenkultur praktiziert. Zwar verboten die Bolschewiken Polygamie im Jahr 1921, und auch heute ist sie gesetzlich nicht erlaubt, aber seit 1988 ist sie auch kein Straftatbestand mehr. Und jeder Imam kann in der Moschee ohne ein standesamtliches Dokument Ehen schließen.

Laut Umfragen sind etwa 40 Prozent der kasachischen Männer dafür, Polygamie zu legalisieren. Fast drei Viertel der Frauen sind dagegen. Im Mai 2008 hatte eine Gruppe mehrheitlich muslimischer Abgeordneter einen entsprechenden Gesetzentwurf im Parlament eingebracht. Die Begründung: Laut islamischem Recht stünden jedem Mann bis zu vier Frauen zu. Zwar wurde der Vorstoß abgeschmettert. Die Polygamie aber ist vor allem in den ländlichen Gebieten im Süden des Landes weiter Realität.

Oft ist die Entscheidung, sich eine Zweit- oder Drittfrau zuzulegen, weniger religiös motiviert, als eine Statusfrage: Wer viel Geld hat, zeigt dies, indem er sich mehrere Frauen "zulegt". Die stammen meist aus ärmlichen Verhältnissen und werden von ihren Eltern aus finanzieller Not gedrängt, zuzustimmen. "Religion und Moral werden von vielen Männern nur als Vorwand benutzt", sagt Gulzi Nabi von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Astana. "Im Prinzip wollen die Männer den Status Quo halten, weil es für sie bequem ist."

Kasachischer Machismo

Aus mancher Verteidigungsrede für die Vielehe spricht der blanke Machismo. Im Februar 2011 beklagte Präsidentschaftskandidat Amantay Asilbek, die steigende Zahl von Single-Frauen in Kasachstan sei "eine nationale Tragödie, weil wir potentielle Mütter verlieren". Die Lösung des Problems? Polygamie, was sonst.

Kasachische Männer blieben ohnehin bis ins hohe Alter viril, das liege an der guten Luft, versicherte der Populist damals. "Oft kommen junge Mädchen zu mir nach Hause und träumen davon, meine Frau zu werden", prahlte der 70-Jährige im Gespräch mit der Zeitung "Adam". Aber keiner sei es bisher gelungen, den "Qualitätsanforderungen" seiner Erstfrau zu genügen.

Asilbek musste also auf eine Nebenfrau verzichten, auf die Präsidentschaft sowieso, denn wenig überraschend gewann Dauer-Regent Nursultan Nasarbajew auch 2011 die Wahl - mit offiziell 95,5 Prozent der Stimmen.

Etwa so lang wie Nasarbajews Regierungszeit ist auch die Debatte um die Gleichbehandlung der Frauen in Kasachstan. Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1991 gab es immer mal wieder Aktionspläne zur Umsetzung einer Geschlechtergleichheit, die Regierung unterzeichnete entsprechende internationale Vereinbarungen. Doch vieles blieb Absichtserklärung. Auf dem Gender Inequality Index liegt Kasachstan auf Rang 56 von 188 - Deutschland schaffte es trotz seiner ungerechten Löhne auf Platz sechs.

"Perverse Vorstellung von Beziehung"

Laut Gesetz ist in Kasachstan jede Diskriminierung von Geschlecht, Alter, sexueller Ausrichtung oder Ethnie unzulässig. In der Praxis sieht vieles anders aus. Die Vielehen nehmen zu, die Fruchtbarkeitsrate stieg in den vergangenen 15 Jahren von 1,8 auf 2,73.

Es gibt tatsächlich Frauen, die mit ihrem Status als "Tokal", als Zweitfrau, durchaus zufrieden sind. Sie erhalten üblicherweise eine eigene Wohnung, ein Auto und monatlichen Unterhalt - auf den ersten Blick ein lukrativer Deal. Geht die Beziehung jedoch in die Brüche oder stirbt der Mann, ist der eigene und der Unterhalt der gemeinsamen Kinder nicht gesichert.

Aber auch den "Baibische", den Erstfrauen, ergeht es oft nicht besser. Nachdem die Regierung 1997 die Hauptstadt von Almaty nach Astana verlegt hatte, folgten viele berufstätige Männer dem Regierungstross und ließen ihre Familien zurück. Viele suchten sich neue Frauen oder Geliebte. Die Erstfrauen mussten zusehen, wie sie klarkamen. Oft ohne Geld und Job, denn viele der Ehefrauen haben keine Ausbildung.

Während unter Männern Polygamie toleriert ist, werden Frauen, die ein zweites Mal heiraten, stigmatisiert. Frauenrechtlerin Gulnar Bekenowa weiß, dass sie noch viel zu tun hat. "Wir haben es mit einer ziemlich perversen Vorstellung von Beziehung zu tun."

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