Vergewaltigungsfall in Freiburg Eine Stadt kommt an Grenzen

Mindestens acht Männer sollen in Freiburg eine 18-Jährige vergewaltigt haben. Die Stadt habe sich seit 2015 verändert, sagen Alteingesessene. Helfer wirken ratlos, die Behörden überfordert. Eindrücke aus dem Breisgau.

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Von und , Freiburg


Eine Partynacht im Technoschuppen auf dem Hans-Bunte-Areal im Freiburger Industriegebiet Nord. Die Bässe dröhnen, die Tanzfläche ist gehüllt in den Rauch der Nebelmaschine, alle paar Sekunden erstrahlt blitzendes Licht. In einer dunklen Ecke des verwinkelten Klubs ziehen Jungs Speed durch die Nase. Die Leute sind gut drauf, tanzen ekstatisch.

Draußen ist es trist. An der Bushaltestelle gegenüber stehen Jugendliche mit Bierflaschen, vor der Absperrung des Klubs warten zwei Mädchen. Es sind nur drei Grad, trotzdem tragen sie bauchfrei und ihre Daunenjacken offen. Sie feiern hier regelmäßig. Doch heute Abend ist etwas anders. "Meine Mutter hat gesagt, ich soll nicht mehr ins Hans-Bunte gehen", sagt eine der beiden und blickt kurz nach rechts, auf den Grünstreifen an der Bundesstraße. Dort zwischen den Bäumen und Hecken ist es passiert.

Vor drei Wochen wurde nach der Überzeugung von Polizei und Staatsanwaltschaft in diesem Gebüsch eine junge Frau von mehreren Männern vergewaltigt. Auch die 18-Jährige stand vor der Absperrung des Hans-Bunte-Areals, ehe sie drinnen feierte und nach eigenen Angaben einen unbekannten Mann traf. Laut Polizei nahm sie zuvor eine Droge in Tablettenform, mutmaßlich Ecstasy. Die Studentin und der mutmaßliche Haupttäter hätten eine "temporäre Vorbeziehung" gehabt. Sie habe von ihm ein offenes Getränk erhalten, sagte sie. Gegen Mitternacht sollen die beiden den Klub verlassen haben.

Polizei sucht zwei weitere Tatverdächtige

Was danach geschah, schilderte die junge Frau den Ermittlern zufolge so: Durch eine unbekannte Substanz in ihrem Getränk sei sie wehrlos gewesen. Der Mann habe sie vergewaltigt. Nachdem der damals 21-jährige Syrer von ihr abgelassen habe, sollen sich noch weitere Männer an ihr vergangen haben. Acht Tatverdächtige sitzen inzwischen in Untersuchungshaft. Die 13-köpfige "Ermittlungsgruppe Club" schließt nicht aus, dass noch weitere Personen beteiligt waren. Aufgrund von weiteren DNA-Spuren an der Kleidung der 18-Jährigen gehen die Ermittler bislang von mindestens zwei weiteren Tatverdächtigen aus.

Am Tag nach der Tat, dem 14. Oktober, erstattete die Studentin Anzeige. Sechs Tage später nahm die Polizei den mutmaßlichen Hauptverdächtigen fest. Die Ermittler kamen ihm nach einem DNA-Abgleich auf die Spur.

Der 22-Jährige ist für die Freiburger Polizei kein Unbekannter. Er ist wegen Körperverletzung, Eigentums- und Drogendelikten aufgefallen. Auch der Verdacht auf frühere Sexualstraftaten steht im Raum. In seiner Wohnung sollen sich im Jahr 2017 mehrere Männer an einer damals 20-Jährigen vergangenen haben. Schon vor der mutmaßlichen Vergewaltigung vor drei Wochen lag gegen ihn ein Haftbefehl vor. Neben ihm führten die Ermittlungen zu weiteren sieben Tatverdächtigen, sechs Syrern und einem Deutschen. Die meisten von ihnen lebten in Flüchtlingsunterkünften in und um Freiburg, hieß es.

Viele in Freiburg fühlen sich an den Oktober 2016 erinnert. Damals überfiel der Flüchtling Hussein K. die Studentin Maria L. am Ufer der Dreisam, vergewaltigte und tötete sie. Später wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt.

Seit 2016 haben Stadtverwaltung, Polizei und das Land Baden-Württemberg manches unternommen, um den Bürgern wieder ein Gefühl von Sicherheit zu geben. "Sicherer Alltag" hieß das Programm. Das Land schickte Polizisten nach Freiburg, es gab zahlreiche Kontrollen im öffentlichen Raum und sogenannte Angsträume, dunkle Ecken und Gassen, wurden besser beleuchtet.

Und nun das. Die Republik schaut nervös nach Freiburg, wo Ratlosigkeit herrscht. Flüchtlinge sind sowieso bundesweit ein Reizthema, AfD-Anhänger nutzen den Fall für ihre politischen Zwecke und riefen zu einer Kundgebung in der Stadt auf.

Es steht die Frage im Raum, was die Politik noch tun soll, was sie anders machen kann. Das Innenministerium Baden-Württembergs richtete im Januar den Sonderstab "Gefährliche Ausländer" ein. Straffällige Flüchtlinge sollten schneller abgeschoben werden. Aber wie? Allein in Baden-Württemberg scheiterten innerhalb eines Jahres 60 Prozent der Abschiebungen, weil die abgelehnten Asylbewerber nicht auffindbar waren.

Die Stadt stößt an ihre Grenzen

Was auch immer für Maßnahmen greifen könnten, eins steht schon jetzt fest: Die Stadt stößt an ihre Grenzen, so empfindet es selbst Katrin Simon, die auf der Gegendemonstration zur AfD-Kundgebung eine Ansprache hielt. Simon, Islamwissenschaftlerin an der Universität Freiburg und Mitglied der Grünen, erinnert sich, wie 2015 die ersten Flüchtlinge in die Stadt kamen. Die Bürger begrüßten sie freudig, noch immer ist die Hilfsbereitschaft enorm. Mehr als 3000 Geflüchtete leben in der Stadt, rund 2000 Ehrenamtliche engagieren sich.

Auf die Anfangseuphorie folgte Ernüchterung. Nach einiger Zeit hätten die Helfer festgestellt, dass nicht nur Gebildete aus den Kriegsgebieten flohen, sagt Simon. Unter den Flüchtlingen seien auch viele traumatisierte, junge Männer gewesen. "Auf einmal haderten die ersten Menschen damit, weil sie merkten, dass sich etwas veränderte - und sie sich die Frage stellten: Wie viel müssen wir eigentlich im Namen der Toleranz ertragen?"

Das gebildete Bürgertum ist weiterhin bemüht, die Fremden zu integrieren. Wanderungen mit den Flüchtlingen im Schwarzwald, Ausflüge zur städtischen Polizeistation. Elementare Probleme werden damit aber nicht gelöst. Wohnungen für die Geflüchteten fehlen, viele von ihnen leben immer noch in Wohncontainern.

So auch in Littenweiler, einem Stadtteil im Osten Freiburgs. Nur wenige Hundert Meter vor der Auffahrt zur Stadtautobahn steht das Containerdorf "Kappler Knoten". Rund 250 geflüchtete Menschen aus zehn Ländern leben hier. Ehrenamtliche kümmern sich um die Bewohner.

Auch ein Mann, der nach der Tat ebenfalls in U-Haft sitzt, soll hier gewohnt haben. Sein Zimmernachbar erinnert sich gut an den Mittzwanziger, der immer freundlich grüßte und dann plötzlich von der Polizei abgeholt wurde. Er habe Deutschkurse an der Volkshochschule belegt und in einem Restaurant im Stadtzentrum gearbeitet.

Die Männer in U-Haft sind nur wenige von vielen geflüchteten arabischen Männern in Freiburg. Die meisten flohen vor Krieg und Gewalt und kamen in eine ihnen fremde Welt, in der nicht zuletzt das Frauenbild ein anderes, ein emanzipiertes ist. "Es ist entscheidend, mit welchen Geschlechterrollen ein Mensch aufwächst", sagt Islamwissenschaftlerin Simon.

Der neue Fall bringt neue Angst

Bei manchen alteingesessenen Freiburgern bleibt die Angst vor dem Fremden. Die Stadt habe sich seit 2015 verändert, sagen sie. Durch die Gassen würden mehr Betrunkene wanken, viele Frauen joggen nicht mehr allein durch die Parks. Der neue Fall bringt neue Angst.

Ist das bloß ein Gefühl oder mehr? Einer, der die Kriminalstatistik genau kennt, sitzt im dritten Stock des Freiburger Polizeipräsidiums und isst einen Keks. Bernhard Rotzinger hat graues Haar und einen gepflegten Bart. Der 62-Jährige strahlt Ruhe aus. Seit 2014 steht er an der Spitze seiner Behörde. Er hat hier viel erlebt. "Jeder bewertet Sicherheit anders", sagt der Polizeipräsident. "Auf der einen Seite gibt es ein Gefühl - und auf der anderen die Realität."

Die Sicherheitslage in Freiburg sei stabil. Die Straßenkriminalität gehe zurück, sagt er. Und doch bleibt eine Art von Delikt, die ihm und seinen Kollegen zu schaffen macht. Seit 2016 gibt es eine höhere Anzahl angezeigter sexueller Übergriffe. Gründe hierfür sind auch das vor zwei Jahren verschärfte Sexualstrafrecht und ein größeres Bewusstsein: Mehr Taten fallen unter das Gesetz, mehr Menschen erstatten Anzeige.(Das ganze Interview mit dem Freiburger Polizeipräsidenten lesen Sie im SPIEGEL.)

Der Polizeipräsident hat turbulente Tage hinter sich. Die Kritik ist groß. Der Hauptverdächtige war dem Sonderstab des Innenministeriums als gefährlich bekannt. Zudem wurde der am 10. Oktober gegen ihn ergangene Haftbefehl erst Tage später vollstreckt, obwohl vor der erhöhten Gefahr durch den Verdächtigen gewarnt worden war. Das Innenministerium in Stuttgart hatte die Verzögerung zunächst mit "ermittlungstaktischen Gründen" erklärt. Kurz darauf teilte die Polizei mit, dass die Ermittler nicht wussten, wo sich der Mann aufhielt.

Massive Kritik an Innenminister Strobl

Die Opposition kritisiert Innenminister Thomas Strobl (CDU) massiv und fordert eine Erklärung. Strobl sei "nicht im Bilde gewesen", sagt Ulrich Goll, Sicherheitsexperte der FDP-Landtagsfraktion. In diesem Fall liege das Problem bei der Verwaltung. Es gebe ein "Vollzugproblem" im Land.

Strobl hingegen sagt, die Nationalität des Mannes könnte der Grund dafür gewesen sein, dass sein Sonderstab den Fall nicht mit Priorität behandelt habe. "Wir können derzeit syrische Straftäter nicht nach Syrien abschieben." Er forderte den Bund auf, die Lageeinschätzung aus dem Jahr 2012 zu ändern - und zu überprüfen, ob zumindest Straftäter an einen sicheren Ort in Syrien zurückgebracht werden könnten.

Der Druck ist groß, auch auf den parteilosen Freiburger Oberbürgermeister Martin Horn. Der mahnte erneut vor Vorverurteilungen und forderte zugleich eine konsequente Strafverfolgung und dauerhaft mehr Polizei.

"Macht euch nicht wehrlos"

Ein Gespräch mit dem SPIEGEL sagte er kurzfristig ab. Seine Sprecherin teilte mit, er habe "alles gesagt". Hinter den Kulissen hieß es, es seien zu viele Termine, Horn sei überlastet. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Oberbürgermeister bereits seinen Twitter-Account deaktiviert - wegen Beleidigungen und Morddrohungen.

In seinem Büro im Polizeipräsidium lehnt sich Bernhard Rotzinger zurück und isst einen zweiten Keks. "In einer offenen Gesellschaft ist nicht jedes Delikt zu verhindern. Wir können den Bürgern keine Vollkaskoversicherung bieten", sagt er. Kriminalität entstehe im Beziehungsdreieck Täter, Opfer, Tatgelegenheit, die Entwicklung sei dynamisch. Rotzinger hat einen Ratschlag: "Macht euch nicht wehrlos, ob durch Alkohol oder Drogen."

Stunden später geht auf dem Hans-Bunte-Areal die Party weiter. Die Jungs, die in der dunklen Ecke eine Line gezogen haben, springen durch die Gänge. Am Rand der Tanzfläche stehen zwei Studentinnen. "Pass auf dein Getränk auf", sagt die eine zur anderen. An das dunkle Gebüsch draußen vor der Klubtür denkt hier kaum noch einer.

Das Motto der Party lautet: Etwas hat überlebt.

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