Nach Gruppenvergewaltigung Freiburg wehrt sich gegen den AfD-Protest

Mehrere Männer sollen in Freiburg eine Frau vergewaltigt haben, die AfD ruft deshalb zu einer Demonstration in der Stadt auf. Die Einwohner wollen sich das nicht gefallen lassen - und formieren sich zu deutlich größeren Gegenprotesten.

Anti-AfD-Demonstration in Freiburg
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Anti-AfD-Demonstration in Freiburg

Aus Freiburg berichten und


Dem Anführer der AfD-Demonstration perlen die Regentropfen vom kahl rasierten Kopf. Rechtsaußen Stefan Räpple steht nahe dem Martinstor, einem Wahrzeichen Freiburgs, und gibt Interviews im Scheinwerferlicht der Kameras. Der baden-württembergische AfD-Landtagsabgeordnete und seine Mitstreiter sind gekommen, "um ein Zeichen zu setzen, dass es so nicht weitergehen kann", sagt er. Dafür wollen sie heute marschieren.

Bei neun Grad und Nieselregen kommen die selbsternannten Patrioten aber nicht weit. Vor ihnen steht eine bunte Wand. Mindestens 1500 Menschen haben sich laut der Polizei in zwei Demonstrationen gegen die AfD organisiert, sie verteilen sich vom Martinstor über den Bertoldsbrunnen bis zum Platz der Alten Synagoge. Studenten schwenken Regenbogenflaggen und halten Schilder in die Luft. Schützend hält ein Mann den Regenschirm über seine Frau, sie vergräbt das Gesicht in ihrem Schal, er bläst in seine Trillerpfeife. Am Rand stehen Eltern mit ihren Kindern. Sie alle sind heute Abend gekommen, um ein Zeichen zu setzen. Weil Freiburg wieder mal von einem schrecklichen Verbrechen erschüttert wird. Und die AfD dies für ihre Zwecke nutzen will.

Gegen Verdächtigen lag bereits ein Haftbefehl vor

Nach einem Diskobesuch soll eine junge Frau von mehreren Männern vergewaltigt worden sein. Die 18-Jährige hatte eigenen Angaben zufolge in der Nacht zum 14. Oktober in einem Klub gefeiert und von einem unbekannten Mann ein Getränk erhalten. Gegen Mitternacht habe sie mit ihm das Lokal verlassen. Kurz darauf kam es nach ihrer Schilderung in einem Gebüsch zu einem sexuellen Übergriff durch den mutmaßlichen Täter. Die Studentin habe sich nicht wehren können, sagt sie. Durch eine unbekannte Substanz in ihrem Getränk sei sie wehrlos gewesen. Anschließend sollen sich weitere Männer an der Frau vergangen haben.

Die Frau erstattete Anzeige. Sechs Tage nach dem Vorfall nahmen Polizisten einen 19-jährigen Syrer in einer Flüchtlingsunterkunft fest. Laut Polizei brachte sie ein DNA-Abgleich auf seine Spur. Gegen ihn lag laut Angaben des Innenministeriums bereits ein Haftbefehl vor. Ermittlungen führten schließlich zu sieben weiteren Tatverdächtigen, sechs Syrern und einem Deutschen. Die meisten von ihnen lebten in Flüchtlingsunterkünften in und um Freiburg, hieß es. Nun sind sie in Untersuchungshaft. Die Polizei schließt nicht aus, dass noch weitere Personen beteiligt waren. Eine 13-köpfige "Ermittlungsgruppe Club" arbeitet mit dem Landeskriminalamt in Stuttgart zusammen an dem Fall.

Es ist nicht das erste Mal, dass Freiburg mit einem Gewaltverbrechen in den Schlagzeilen landet. Vor zwei Jahren wurde die Studentin Maria L. ermordet. Ein junger Afghane hatte die 19-Jährige im Oktober 2016 am Ufer der Dreisam vergewaltigt und die Bewusstlose danach in den Fluss gelegt. Sie ertrank. Im März wurde Hussein K. wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

"Mein Trauma ist nicht eure Propaganda"

Für die Freiburger war die Tat ein Schock. Auch Jana und ihre Freundin Valerie sind nun vorsichtiger, wenn sie nachts allein in der Stadt unterwegs sind. Die Studentinnen rufen ihre Mitbewohner an, sobald sie sich auf den Weg nach Hause machen oder melden sich ab, wenn sie bei Freunden übernachten. Gegen die AfD wollen sie an diesem Abend mit roten Herzluftballons ein Zeichen setzen. "Es sind schreckliche Dinge passiert", sagt Jana. "Trotzdem sollten diese Straftaten nicht auf alle Flüchtlinge übertragen werden."

Viele Demonstranten an diesem Montagabend sagen, dass sie gegen die Instrumentalisierung der Vorfälle auf die Straße gehen. Andere zeigen es mit ihren Plakaten: "Mein Trauma ist nicht eure Propaganda", steht in bunten Farben auf einem Schild.

Demonstranten in Freiburg
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Demonstranten in Freiburg

Auf der anderen Seite der Polizeisperre skandieren die AfD-Demonstranten ihre üblichen Parolen. Manche von ihnen tragen durchnässte Deutschlandfahnen mit sich herum. AfD-Mann Räpple und die Polizei sprechen offiziell von 300 bis 500 Teilnehmern, doch ein Uniformierter in der Menge zählt nicht mehr als 80 bis 100 rechte Sympathisanten. Ganz vorne marschieren die Mitglieder der AfD-Jugendorganisation "Junge Alternative".

Immer wieder müssen sie stehen bleiben oder werden umgeleitet, weil sie in den verwinkelten Gassen der Altstadt von den Gegendemonstranten blockiert werden. Dann räumen berittene Polizisten die Straße. In Freiburg sei die Situation mit den Migranten "besonders schlimm", sagt Reimond Hoffmann, stellvertretender JA-Vorsitzender in Baden-Württemberg und Mitinitiator der Demo. Es müsse endlich massenhafte Abschiebungen geben. Die Bundesregierung in Berlin nennt er "verbrecherisch".

Am Ende des Zickzackkurses erreicht der Tross der AfD-Treuen den Rathausplatz. Die Polizei riegelt ihn ab, dahinter stauen sich die Demonstranten. Als sie die erste Deutschlandfahne auf dem Platz sehen, schreien sie: "Haut ab, haut ab!" Von AfD-Mann Räpple ist nur ein "liebe Patrioten" zu hören, schon buhen sie ihn lautstark aus. Ein Mann bläst laut in seine Vuvuzela, andere klatschen im Takt.

Räpple steht auf einem schwarzen Kastenwagen, in der Hand ein Mikro, neben ihm zwei Boxen, er muss immer lauter brüllen. Denn plötzlich ertönen die Glocken der katholischen St.-Martinskirche, die aus Protest gegen die rechten Demonstranten geläutet werden. Die Kirchen und die Bundesregierung sollten sich schämen, schreit Räpple, in Richtung der Gegendemonstranten ruft er: "Ihr habt Blut an euren Händen, und ihr habt auch dieses Mädchen mitgeschändet".

Stefan Räpple in Freiburg
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Stefan Räpple in Freiburg

Ungefähr zur gleichen Zeit öffnet sich nur wenige Meter entfernt ein Fenster. Ein Mann mit Brille und dunklem Haar winkt aus dem Rathaus heraus, begeistert klatscht er in die Hände. Martin Horn, Freiburgs Oberbürgermeister, der zuvor noch auf der Demonstration am Platz der Alten Synagoge zu einem friedlichen Miteinander aufgerufen hat, feuert die Gegendemonstranten an.

Jetzt werden sie noch lauter. "Ganz Freiburg hasst die AfD!", schreien sie. Räpples Worte sind kaum noch zu hören.

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