Freilassung aus dem Gefängnis Afghanin soll ihren Vergewaltiger heiraten 

Eine junge Frau wird in Afghanistan von einem Verwandten vergewaltigt, geschwängert - und wegen "Ehebruchs" ins Gefängnis gesperrt. Nach zwei Jahren in Haft hat Präsident Karzai nun ihre Freilassung angeordnet. Die Frau soll allerdings ihren Peiniger heiraten.


Kabul - Es scheint, als wolle das Leiden der jungen Frau kein Ende nehmen: Vor zwei Jahren wurde die heute 21-Jährige von dem Ehemann ihrer Cousine vergewaltigt. Nach afghanischem Recht hatte sie damit Ehebruch begangen - und wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis kam eine Tochter zur Welt, gezeugt wurde sie während des gewalttätigen Übergriffs. Seit der Geburt leben Mutter und Kind gemeinsam im Badambagh-Gefängnis außerhalb von Kabul.

Ende November dieses Jahres wurde bekannt, dass die Gefängnisstrafe der Mutter auf drei Jahre reduziert werden sollte. Der offizielle Grund für ihre Haft war nun nicht mehr der Ehebruch, sondern die Tatsache, dass sie die Vergewaltigung zu spät - vier Monate nach der Tat - gemeldet hatte. "Ich habe nichts getan", sagte sie damals. "Warum sollte ich für so lange Zeit verurteilt werden?"

Doch ihr wurde eine Alternative geboten: Freilassung - wenn sie ihren Vergewaltiger heiratet. Somit wäre auch die uneheliche Tochter kein "Schandfleck" mehr in der afghanischen Gesellschaft. Der Fall der jungen Frau sorgte international für Aufsehen, mehr als 5000 Menschen hatten eine Petition für ihre Freilassung unterschrieben.

Ihr Schicksal sollte auch Teil einer von der EU geförderten Dokumentation über inhaftierte afghanische Frauen werden, die wegen "moralischer Vergehen" im Gefängnis sitzen. Wie BBC und CNN berichten, wurde der Film allerdings zurückgezogen. Die EU habe ernsthafte Bedenken, was die Sicherheit der porträtierten Frauen betreffe. Menschenrechtler kritisierten diese Entscheidung heftig.

Hochzeit mit Bedingungen

Angesichts der internationalen Reaktionen hat sich Präsident Karzai in den Fall eingemischt. Er berief eine Sitzung von Justizvertretern ein - auf der nun die Begnadigung der jungen Frau beschlossen wurde.

Wie Karzais Sprecher Aimal Faisi am Donnerstag mitteilte, solle die Frau nun aber den Vergewaltiger heiraten. "Sie hat der Hochzeit zugestimmt", sagte Faisi. Er betonte allerdings, dass die Hochzeit nicht die Bedingung für ihre Freilassung sei.

Ganz anders klingt dies bei der US-Anwältin Kimberly Motley. Ihren Angaben zufolge würde die junge Frau ihren Peiniger nicht heiraten, wenn sie die freie Wahl hätte, meldet CNN. Motley wolle sie nach ihrer Freilassung an einen "sicheren, unbekannten Ort" bringen.

Die BBC zitiert aus einer Mitteilung des Präsidentenpalastes, in der es heißt: "Beide Seiten haben sich unter gewissen Bedingungen darauf geeinigt, zu heiraten." Welche das sind, wurde nicht erwähnt.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP will die 21-Jährige der Hochzeit nur dann zustimmen, wenn ihr Bruder von der Schwester des Vergewaltigers geheiratet wird. Demnach soll diese Hochzeit sicherstellen, dass die 21-Jährige in der konservativen afghanischen Gesellschaft keinen weiteren Angriffen ausgesetzt ist.

"Wir freuen uns über die angekündigte Freilassung", sagte der EU-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Vygaudas Usackas, laut BBC. Die Europäische Union hoffe jedoch, dass nun auch andere Frauen mit einem ähnlichen Schicksal dieselbe Gnade erfahren dürfen. Das Schicksal der 21-Jährigen "hat die Notlage der afghanischen Frauen deutlich gemacht, die - zehn Jahre nach dem Sturz der Taliban - noch immer unvorstellbare Qualen erleiden und ihrer einfachsten Menschenrechte beraubt sind".

aar/AFP

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