Freiluft-Sex in England: Gassigehen mit Glücksgefühl

Aus Puttenham berichtet

Die Briten lieben ihre Parks - nicht nur zum Spazierengehen. "Dogger" treffen sich hier zum Sex im Freien, das Internet fungiert als Kontaktbörse. Die Bürger der englischen Gemeinde Puttenham haben nun genug von dem Treiben und proben den Aufstand.

Das Puttenham-Problem: "Aktivitäten inakzeptabler Natur" Fotos
SPIEGEL ONLINE

Puttenham ist eine Perle in der begüterten englischen Grafschaft Surrey. Blumenumrankte Landhäuser säumen die gewundene Dorfstraße, die so eng ist, dass Lastwagen sie nicht befahren können. Die Kirche stammt aus dem 12. Jahrhundert, der Golfplatz ist der älteste von Surrey, und die begehrte Grundschule hat eine ellenlange Warteliste.

Es könnte also alles in bester Ordnung sein, in dieser Oase der Millionäre, eine Autostunde vor London. Doch gibt es neuerdings Ärger im Paradies - und der beginnt gleich in den hügeligen Wiesen hinter der Schule. Zwischen den dichten Hecken tummeln sich nicht nur Rotkehlchen und Kaninchen, sondern ab dem späten Nachmittag auch viele Männer und Frauen, die dem sogenannten "Dogging" frönen.

Mit Gassigehen hat das nichts zu tun, wobei der Name wohl ursprünglich davon abgeleitet wurde, weil Papa "mal schnell mit dem Hund ging". Als "Dogging" bezeichnen Briten Sex an der frischen Luft - häufig in der Gruppe, homo- wie heterosexuell. Zuschauer sind ausdrücklich erwünscht. Laut einschlägigen Web-Seiten ist es eine speziell britische Freizeitbeschäftigung, die im ganzen Land verbreitet ist. Beliebte Orte sind Parkplätze und die Natur, man verabredet sich per Chat oder Handy.

"Dogging ist so britisch wie warmes Bier", sagt einer der Schauspieler in der schrägen Liebeskomödie "Dogging - A Love Story", die Anfang des Jahres in den Kinos lief. Im Internet kursieren Listen mit Tausenden von Treffpunkten, auch der Schlosspark von Windsor findet sich unter den Hot Spots. Eine Studie des Professors Richard Byrne von der Harper Adams University kam 2004 zu dem Schluss, dass 60 Prozent aller Parks im Königreich regelmäßig für öffentlichen Sex benutzt werden. Er habe gar nicht speziell danach gefragt, aber Park Ranger hätten Dogging als eins ihrer größten Probleme angegeben, sagt Byrne.

"Wir finden, dass Sex im Freien hier nicht erlaubt sein sollte"

Auch der Ortsrand von Puttenham ist von der Polizei als "Public Sex Environment" ausgewiesen. Das ist kein besonderer rechtlicher Status, sondern lediglich eine Beschreibung dessen, was jeder Dorfbewohner weiß. "Es war immer schon so, dass die Leute es da oben im Wald getrieben haben", sagt Sandra Coveney, die seit über 30 Jahren in der Gegend wohnt.

Jahrelang hat sich niemand darum gekümmert, man übte sich in britischer Toleranz. Auch die Polizei schaute weg. In den Einsatzrichtlinien zu "Public Sex Environments" wird den Beamten besonderes Fingerspitzengefühl empfohlen. Die Behörden wollen nicht zurück in die Zeit, als Schwule, die sich im Freien heimlich zum Sex trafen, an den Pranger gestellt und verfolgt wurden. Und solange sich niemand belästigt fühlt, ist öffentlicher Sex in Großbritannien erlaubt.

Doch seit einigen Monaten regt sich lautstarker Protest in Puttenham. Zwei Mütter von Schulkindern haben die "Hog's Back Campaign" gestartet und mehrere hundert Unterschriften in dem 2500-Einwohner-Dorf gesammelt. "Wir finden, dass Sex im Freien hier nicht erlaubt sein sollte", sagt die Initiatorin Julia Perkins. Es sei schließlich eine Familienumgebung, die Schule nur einen Steinwurf entfernt.

"Sie werden immer schamloser"

Die zweifache Mutter geht regelmäßig mit ihrem Hund durchs Feld und findet benutzte Kondome, Liegematten, einmal auch einen Vibrator. Am Sonntagnachmittag sei sie wieder "auf Patrouille" gewesen und habe vier Männer in voller Aktion gesehen, sagt die 39-Jährige. "Ich bin einfach weitergegangen."

Nicht alle in Puttenham sind alarmiert. Eine ältere Dorfbewohnerin, die täglich mit ihrem Pferd durch die Wiesen reitet, sagt: "Mich stört es nicht." Auch im Pub auf der Dorfstraße winken sie ab. Perkins sehe so viel, weil sie danach suche, sagt Kneipenbesitzerin Kate.

Doch viele haben die Geduld verloren. Die Anwohnerin Camilla Palmer schrieb im "Observer", dass sie aus dem Kinderzimmer ihres zweijährigen Sohns Leute beim Sex beobachten könne. Für die Dorfkinder sei das Areal hinter der Schule eine "No-go-Area".

"Sie werden immer schamloser", sagt Perkins. Es könne nicht so weitergehen, auch weil es im Dorf mehr Familien mit Kindern als früher gebe. "Es ist ja nicht so, dass diese Leute nicht auf andere Orte ausweichen könnten", sagt sie. Tatsächlich gibt es allein in Surrey über hundert weitere "Public Sex Environments".

"Bob der Baumeister" trägt nur einen Helm

Insbesondere der Rastplatz an der nahe gelegenen A31 ist den Dorfbewohnern ein Dorn im Auge, weil die Sextouristen dort neben dem "Hog's Back Café" ihr Auto abstellen und sich dann ins Unterholz schlagen.

Viele Lastwagenfahrer suchten homosexuelle Erlebnisse, sagt eine Anwohnerin. Das habe sie von einem schwulen Freund gehört. Legendär ist bereits ein Mann, den sie "Bob der Baumeister" nennen, weil er nur mit einem Bauhelm bekleidet ist.

Der Bürgeraufstand gegen den Freiluft-Sex hat einiges Aufsehen erregt, vom lokalen "Surrey Advertiser" bis hin zur "New York Times". Die Kreisverwaltung lehnte jedoch die Forderung der Kampagne ab, den Rastplatz an der Schnellstraße zu schließen. Sie wollte dem Cafébetreiber nicht die Existenz ruinieren. Stattdessen wurde erwogen, zur Abschreckung einige Stiere auf der Wiese zwischen den Büschen weiden zu lassen - bis jemandem noch rechtzeitig auffiel, dass die sich untereinander nicht vertragen.

Nun soll "aktives Management" von Polizei und Bewohnern das Nachbarschaftsproblem lösen. Neue Warnschilder fordern die Rastplatzbesucher auf, "Aktivitäten inakzeptabler Natur" zu unterlassen. Einmal täglich läuft eine Polizeistreife über die Trampelpfade. Und die Dorfbewohner organisieren regelmäßige "Walking Parties", um Präsenz zu zeigen. Perkins: "Wir wollen unser Land zurückerobern."

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