Flüchtlingshelferin in Freital Frau Brachtel ist motiviert

Steffi Brachtel lebt in Freital - und zog auch nicht fort, als mutmaßlich Rechtsterroristen sie einzuschüchtern versuchten. "Die Angst", sagt sie, "ist nicht groß genug, um mich still zu kriegen."

Steffi Brachtel
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Dieser Text ist Teil der Serie "Im Angstland". Eine Übersicht über alle Artikel finden Sie hier.


Das Gefühl von Geborgenheit in den eigenen vier Wänden flog mit dem Briefkasten in die Luft. Unbekannte hatten einen kleinen Sprengsatz hineingelegt, direkt an der Wohnung von Steffi Brachtel in Freital, damals im Sommer 2015. Die Explosion, so schildert Brachtel es heute, war gewaltig.

Verletzt wurde bei dem Vorfall im Speckgürtel von Dresden niemand, für die Kellnerin blieb trotzdem nichts beim Alten. "Ich habe eine ganze Weile nicht zu Hause geschlafen", sagt die 43-Jährige. Die Angst vor einem weiteren Angriff, womöglich diesmal mit schwererem Geschütz, war zu groß. Und sie war durchaus berechtigt.

Die "Gruppe Freital", auf deren Konto der Briefkasten-Anschlag mutmaßlich geht, terrorisierte ihre politischen Gegner monatelang mit selbstgebauten Sprengsätzen. Mal zerstörten die Rechtsterroristen das Auto eines Linken-Stadtrats, mal die Fenster von Flüchtlingswohnungen. "Damals hatte ich schon den Gedanken, Freital zu verlassen", sagt Steffi Brachtel.

Wer hielt sie davon ab?

Vor allem ihre engsten Freunde, sagt Brachtel. Dabei kennt sie die meisten davon erst seit wenigen Jahren: Die Vorkommnisse in Freital, wo der Zuzug von ein paar Hundert Asylbewerbern 2015 zu Protesten und Übergriffen führte, haben die Stadt in zwei Lager gespalten. Der Riss geht durch Familien, Vereine, Freundeskreise.

Sie erhielt Drohungen - und einen Preis

Sie habe heute komplett andere Freunde als vor vier Jahren, sagt Brachtel. "Mit einigen wollte ich nicht mehr befreundet sein, andere wollten keinen Kontakt mehr mit mir haben." Das klingt traurig, aber die gebürtige Freitalerin sieht viele Vorteile: Sie sei gereift, habe den eigenen Horizont erweitert und tolle Leute kennengelernt.

Andere hielten es irgendwann nicht mehr aus. Michael Richter, Linken-Politiker und langjähriger Stadtrat, zog wegen der Einschüchterungsversuche vor wenigen Monaten nach Bayern. "Wir konnten seine Entscheidung nachvollziehen", sagt Brachtel, "aber es ist natürlich traurig, dass Menschen ihren Wohnort verlassen müssen, weil sie für Grundwerte einstehen."

Aufgeben wolle sie trotzdem nicht - und das, obwohl sie in ständiger Angst um ihren Sohn Nico lebe, der sich ebenfalls für Zuwanderer und Menschenrechte engagiert. Wenn man in Freital vor rechter Gewalt warne, werde man noch immer nicht ernst genommen. Aber sie will sich nicht entmutigen lassen: "Wir müssen geduldig sein", sagt Brachtel: "Wir machen weiter den Mund auf."

Wenn Brachtel von sich erzählt, wirkt sie selbstbewusst und stark - vielleicht auch, weil sie viel Unterstützung erfahren hat: Im November 2016 zeichnete die Bundesregierung sie wegen ihres Engagements in Freital mit dem Zivilcourage-Preis aus. Ein wichtiges Signal, zweifelsohne, aber der Hass ist deshalb nicht verschwunden - nicht aus Freital, und nicht aus Steffi Brachtels Leben.

"Ich bewege mich immer noch nicht nachts alleine in Freital", sagt sie. "Die Angst ist geblieben. Aber sie ist nicht groß genug, um mich stillzukriegen."

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