Rassismus in Sachsen Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu bereden

Übergriffe, rechte Demos und eine Terrorgruppe machten Freital in Sachsen international bekannt. Vieles hat sich verändert - nur etwas Entscheidendes nicht. Über eine Stadt, die ihre Vergangenheit ausblendet.

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Aus Freital berichtet


Stefan Vogl lässt die Schultern hängen. Er hockt da in seinem grünen Parka im Bierzelt, völlig apathisch, bis er plötzlich mit der flachen Hand auf den Tisch haut. "Ich war schon von Anfang an fehl am Platz hier", ruft er. Es ist einer dieser Sätze, die andere Gäste als Provokation empfinden: Wenig später liegt der 57-Jährige gekrümmt am Boden - verprügelt von einem aufgebrachten Mob.

Zum Glück ist das alles nur gespielt. An diesem Abend im Dresdner Schauspielhaus mimt Vogl einen jungen Mann namens Till aus dem sächsischen Freital. In dem dokumentarischen Stück "Früher war alles" geht es um Mauerfall und Massenarbeitslosigkeit, Abenteurer und Abgehängte treten auf, es fallen Sätze wie "Wir sind das Volk" und "Es war nicht alles so schlecht".

Es ist ein Stück über jene Stadt, in der Vogl seit 31 Jahren als Lehrer arbeitet - und die außerhalb Sachsens vor allem für eines bekannt ist: Rassismus. Im Sommer 2015 gab es massive Proteste gegen ein Flüchtlingsheim, Rechtsterroristen verübten Anschläge gegen Zuwanderer und Andersdenkende. Im März 2018 wurden die Hauptverantwortlichen zu langen Haftstrafen verurteilt.

Das Theaterstück ist ein Versuch, Vergangenheit und Gegenwart zu sortieren, es geht um den offenen Hass von einst und die noch immer gärende Wut. Über allem schwebt eine große Frage, die sich vor den Kommunalwahlen im Mai und der Landtagswahl im Herbst nicht nur in Freital stellt: Wie geht die Gesellschaft mit Rassismus um, mit Rechtsextremismus?

Es ist schwierig, in Freital Antworten zu erhalten. Versuch einer nicht repräsentativen Straßenumfrage: "Nee, keen Bock", sagt eine Frau in weinroter Steppjacke. "Es hat sich beruhigt", sagt ein Gastwirt, mehr nicht. Eine Frau mit Hund will gar nichts sagen, ein grauhaariger Mann schüttelt nur den Kopf. Andere beteuern, keine Meinung zu haben oder gar nicht in Freital zu leben.

Vielleicht lassen sich diese Reaktionen auch damit erklären, dass viele Freitaler noch immer nicht gut auf Journalisten zu sprechen sind. Mit der intensiven Berichterstattung über die "Gruppe Freital" sei es übertrieben worden, hieß es in den vergangenen Jahren oft, von einer "Rassismus-Keule" war die Rede, von völlig überzogen dargestellten Taten einiger "Lausbuben".

So ähnlich sieht es eine Seniorin, die mit ihrem Ehemann und einem Rollator durch die Stadt spaziert. "In der Jugend", sagt sie über die Freitaler Terroristen, "hat so manch einer schon einen Blödsinn gemacht. Danach bereut man's, und gut is." Ihr Mann steht nickend daneben, ihren Namen wollen die Eheleute nicht nennen.

Man würde gerne erfahren, was Oberbürgermeister Rumberg dazu sagt. Eine Bitte um ein Gespräch lehnt jedoch in seinem Namen der städtische Pressesprecher Matthias Weigel ab - "aufgrund der undifferenzierten Berichterstattung in der Vergangenheit". Das Stadtoberhaupt stellt sich nicht zum ersten Mal stumm: Bereits vor drei Jahren lehnte Rumberg Interviews zum Thema Rechtsextremismus ab.

Oberbürgermeister Rumberg (Archivbild)
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Oberbürgermeister Rumberg (Archivbild)

Ein Interview zur Frage, "ob und inwiefern die Berichterstattung über Freital in der Vergangenheit undifferenziert war" möchte Rumberg ebenfalls nicht geben. Auch eine dritte Anfrage zum Schweigen des Oberbürgermeisters und örtlichen CDU-Vorsitzenden bleibt unbeantwortet.

Nichts zu sagen, sendet auch eine Botschaft. In diesem Fall liegt nahe, dass sie lautet: Das Problem sind weniger rechte Umtriebe als die Berichte und Debatten darüber. Das wäre eine bemerkenswerte Botschaft in einer Stadt, in der sich eine rechte Partei beträchtlicher Beliebtheit erfreut: Die AfD erhielt 2017 bei der Bundestagswahl rund 35 Prozent der Stimmen im Ort, deutlich mehr als Rumbergs CDU.

Auch der Versuch, AfD-Ortschef Norbert Mayer zum Gespräch zu bewegen, scheitert. Schriftliche Anfragen bleiben unbeantwortet, telefonisch ist er nicht zu erreichen, beim Besuch des AfD-Bürgerbüros im Stadtteil Deuben ist niemand da.

Wie kann eine Stadt mit ihrer jüngsten Vergangenheit umgehen, wenn kaum jemand darüber sprechen mag?

Zum Gespräch bereit sind Steffi Brachtel und Ines Kummer, sie sitzen in einem Café im Dresdner Hauptbahnhof - und blicken zurück. Vor zwei Jahren begann der Prozess gegen die "Gruppe Freital", vor einem Jahr wurden die Terroristen verurteilt. Und heute?

"Emotional ist das längst nicht abgeschlossen", sagt Grünen-Stadträtin Kummer, "das hat unser Leben wirklich massiv geändert." Brachtel, Flüchtlingshelferin und Zivilcourage-Preisträgerin, nickt - und dann zählen sie auf, was seit Sommer 2015 geschah: die Beleidigungen und Drohungen, der Sprengsatz in Brachtels Briefkasten, die Hitlergrüße aus vorbeifahrenden Autos. Noch heute sei ihr mulmig, sagt Brachtel, wenn sie abends alleine durch die Stadt gehe.

Steffi Brachtel (l.) und Ines Kummer
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Steffi Brachtel (l.) und Ines Kummer

"Hier wird weiter geschwiegen", sagt sie, so steige die Gefahr, dass es wieder zu rassistischer Gewalt komme. Kummer sieht das ähnlich: Die Stadtverwaltung habe die Chance verstreichen lassen, das Geschehene wirklich aufzuarbeiten.

Dabei hat sich die Lage deutlich geändert. Die Angst vor Zuwanderern ist offenbar geblieben, die meisten Zuwanderer hingegen nicht: Das Flüchtlingsheim im ehemaligen "Hotel Leonardo" jedenfalls, vor dem sich 2015 hässliche Szenen abspielten, steht heute leer. An der Eingangstür erinnert nur noch eine Liste mit sämtlichen Hausverboten an die Konflikte - der letzte Eintrag ist auf den 16. Februar 2016 datiert.

In der ganzen Stadt leben nur noch 120 Geflüchtete, dezentral verteilt und gut versorgt - sagt jedenfalls Stefan Vogl, der Till-Darsteller aus dem Theaterstück über Freital. Der Gymnasiallehrer sitzt am Tag nach der ersten Aufführung in einem Backshop am Dresdner Albertplatz und frühstückt ein Stück Schokokuchen. "Im Grunde läuft alles", sagt der 57-Jährige: Die meisten Geflüchteten hätten einen Job, "und inzwischen kann man sich mit allen auf Deutsch unterhalten."

Rechten Gruppen ist das egal. Sie verbreiten weiter ihre Ideen, während viele Freitaler schweigen. Die "Bürgerinitiative Freital" etwa, die in der AfD ihren verlängerten Arm sieht, tönt auf ihrer Facebook-Seite, dass "unsere Stadt fast migrantenfrei ist". Als der Stadtrat Michael Richter, selbst Opfer der "Gruppe Freital", wegen der Anfeindungen nach Bayern zog, hieß es: "Hau ab und tschüß!" Bei den anstehenden Wahlen gehe es darum, heißt es in einem anderen Post, dass "diese Sozis, 'Die Grünen' und 'Die Linke' endgültig unsere Stadt verlassen sollen". Mit solchen Parolen hat es die "Bürgerinitiative" auf rund 7300 Facebook-Abonnenten gebracht.

"Im Grunde läuft alles"

Kummer ärgert das - auch, weil sie gerne mehr über die Fortschritte der vergangenen Jahre sprechen würde: das neu gegründete "Soziokulturelle Zentrum", die Bewerbung der Stadt um den "Tag der Sachsen", das boomende Technologiezentrum, die gute Versorgung mit Kita-Plätzen. Aber Kummer vermisst eine aktive Zivilgesellschaft.

Brachtel will das nicht mehr hinnehmen. Sie ist der Linken beigetreten, kandidiert jetzt für den Stadtrat, will sich unter anderem für mehr Bildungs- und Jugendarbeit einsetzen. "Ich hoffe einfach", sagt sie, "dass es irgendwann ganz normal ist, sich zu Wort zu melden und zu engagieren."

Leute wie Brachtel und Stefan Vogl hoffen, dass sich so das politische Klima in der Stadt ändert. Auf der Bühne in Dresden sagte Vogl am Vorabend einen Satz, den er nun wiederholt: "Ihr könnt doch nicht Feuer mit Feuer bekämpfen." Das sei auch schon 2015 seine Meinung gewesen, als er mit Asylbewerbern Volleyball spielte, statt an der Seite von Antifaschisten auf Rassisten einzubrüllen.

Stefan Vogl
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Stefan Vogl

Damals, sagt Vogl, sei Freital ein Abenteuerspielplatz für Rechtsextreme und deren "rassistische Schweinereien" gewesen. Eines der großen Probleme aber sei, dass seitdem niemand wirklich versucht habe, die Eskalation zu stoppen. "Alle arbeiteten sich aneinander ab, man fand die anderen scheiße, fühlte sich selbst gut dabei - und machte es so nur noch schlimmer", sagt er. "Aber hier leben nun mal nicht nur Nazis und Helden."

Vogl ist davon überzeugt, dass sich wegen der Polarisierung im Sommer 2015 in Freital eine schweigende Mehrheit bildete: Während einige immer nur noch lauter geworden seien, hätten sich viele andere in die innere Emigration zurück gezogen. Er sagt: "Wenn's konkret wird, gucken die Leute lieber 'Wer wird Millionär' statt einen Verein zu gründen."

Vogl hat die Hoffnung trotzdem nicht aufgegeben. Was ihn noch in Freital halte? "Ich mag diese Stadt", sagt er. "Sie lässt einen nicht kalt."

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