Freiwillige Rettungssanitäter: Die Seelensammler von Bangkok

Von Kolja Nolte, Bangkok

Freiwillige Sanitäter: Die Seelensammler von Bangkok Fotos
Aaron Yeo

Nacht für Nacht sterben in Bangkok Menschen bei Verkehrsunfällen - doch es gibt zu wenige Rettungswagen. Freiwillige Helfer füllen die Lücke, ohne Bezahlung kümmern sich die "Seelensammler" um die oft übel zugerichteten Opfer. Ihnen reicht die Aussicht auf ein besseres Karma.

Der Rettungswagen kommt abrupt zum Stehen und Thakorn tritt beim Aussteigen in eine Pfütze aus Öl und Benzin. Nachdem er sich den Weg vorbei an den anderen Helfern und Schaulustigen gebahnt hat, wirft er einen Blick in das Autowrack, das völlig demoliert an der On-Nut-Kreuzung auf der Sukhumvit Road in Bangkok steht. "Halb so schlimm", sagt er. "Immerhin ist niemand gestorben."

Eine Nacht wie jede andere für Thakorn und seine Kollegen von der Poh Teck Tung Foundation, eine der beiden wohltätigen Organisationen in Bangkok, die jeden Tag Opfer von Gewaltverbrechen und Verkehrsunfällen erstversorgen und ins Krankenhaus bringen. Opfer gibt es mehr als genug in der Zehn-Millionen-Einwohner-Stadt: Pro Nacht sterben allein in der Hauptstadt durchschnittlich drei Menschen bei Verkehrsunfällen. Viel zu viele für die gerade einmal 150 Rettungswagen der staatlichen Krankenhäuser in Thailands Hauptstadt.

Retten für ein gutes Karma

Tagsüber transportiert Thakorn - klein, kurze Haare, das gütige Gesicht eines Mönchs - als Kurier für verschiedene Firmen Vertragsunterlagen und Anträge, nachts Schwerverletzte. Mit gerade einmal 15 Jahren ist er zu Poh Teck Tung gekommen und hat in der Zeit viel Schreckliches gesehen. Heute ist der 43-Jährige Leiter eines der rund 50 Teams, die Nacht für Nacht an Kreuzungen und Hauptstraßen in ganz Bangkok verstreut stehen, den Polizeifunk abhören und auf ihren nächsten Einsatz warten.

Geld erhält keiner der gut 3000 Freiwilligen, sogar die Rettungswagen sind von den "Seelensammlern" selbst finanziert. Die einzige Bezahlung für die Arbeit zwischen oftmals stundenlangem Warten und 120 Stundenkilometern auf der Hauptstraße ist das Tam bun, die gute Tat, die im buddhistischen Glauben das Karma und somit die Chance auf ein besseres nächstes Leben erhöht.

"Man muss mit allem rechnen"

Thakorns Rettungswagen ist ein umgebauter Toyota HiAce, das Innere ist von deutschen Krankenwagen kaum zu unterscheiden: Infusionsschläuche, Halskrausen, Sauerstoffflaschen, ein umfangreiches Erste-Hilfe-Set und eine Bahre, die sich ausklappen und zum Rollstuhl umfunktionieren lässt. Nach 28 Jahren auf den Straßen Bangkoks weiß er: "Man muss mit allem rechnen."

Wie viel Geld er schon im Laufe der Jahre in dieses Vehikel gesteckt hat, weiß er nicht mehr, "sicher aber mehrere hunderttausend Baht". Viel Geld für jemanden, der monatlich höchstens 20.000 Baht verdient, umgerechnet 500 Euro. Doch nicht alle Rettungswagen sind so gut ausgerüstet wie der von Thakorn: Je nach Einkommen und Engagement des Besitzers muss manchmal auch einfach nur die abwaschbare Ladefläche eines Toyota Pick-ups als Verletztentransport herhalten.

"Am anstrengendsten sind die Wochenenden", erzählt Padumsack, 34, seit sechs Jahren ehrenamtlicher Seelensammler. Wie alle anderen Helfer trägt auch er den schwarzen Overall der Organisation - Funktionskleidung. "Je später es wird, desto ernster werden die Unfälle", sagt er und meint: Mit der Zeit steigt auch der Alkoholpegel. Zwar gibt es in Thailand Alkoholkontrollen. Aber die, sagt Padumsack, ließen sich meist mit einem "Teegeld" von umgerechnet acht bis zehn Euro "umgehen".

Trauriges Ritual

Als um Punkt 2 Uhr ein Funkspruch eintritt, geht alles ganz schnell. Innerhalb von Sekunden sitzen die Freiwilligen in ihren Rettungswagen und zwängen sich mit Blaulicht und schrillen Sirenen durch die chronisch verstopften Straßen Bangkoks. Was sie erwartet, erfahren die Helfer erst, als sie schon fast am Unfallort in der Ratchada Road sind: Ein Motorradfahrer ist seitlich in einen Kleinlaster gefahren - er war auf der Stelle tot.

Um die Leiche hat sich ein dichter Kreis aus Rettern, Polizisten und Schaulustigen gebildet, das kaputte Motorrad liegt knapp 15 Meter weiter weg. Ein weißes Tuch liegt über dem jungen Mann, eine Hand guckt heraus, unterm Kopf hat sich ein großer roter Fleck gebildet. Es ist das traurige Ritual so vieler Nächte, das für Retter wie Thakorn mittlerweile Alltag geworden ist. Gleich wird der Arzt kommen und den Tod feststellen, anschließend bringt ihn ein Leichenwagen der Organisation in das nächstgelegene Krankenhaus.

Noch am Unfallort der nächste Einsatz: Ein Nachbarschaftsstreit zwischen zwei Jugendlichen in der Soi 29 Rama III Road ist eskaliert. Als der Vater einer der beiden zum Schlichten kam, verletzte ihn der andere mit einer Machete an Brust und Arm. Auch hier war ein anderes Team wieder schneller vor Ort. Sie verbinden den stark blutenden Mann und hieven ihn in einen Rettungswagen.

Streit um die Opfer

Nicht immer verlaufen Einsätze wie dieser so gesittet. Als sich Poh Teck Tung bis vor wenigen Jahren die Straßen noch mit der Konkurrenzorganisation Ruam Katanyu teilen musste, gab es immer wieder Streitereien bis hin zu Handgreiflichkeiten darüber, wer das Opfer mitnehmen darf. "Die Zeiten sind vorbei", erzählt Thakorn. "Jetzt wechseln wir uns ab; an ungeraden Tagen wir, an geraden sie."

Dass das Geschäft mit den Unfallopfern auch seine lukrative Seiten hat, haben auch die privaten Krankenhäuser erkannt, von denen es in Bangkok mehr als doppelt soviel gibt wie staatliche. Mit Provisionen von bis zu tausend Baht haben sie in der Vergangenheit immer wieder versucht, Freiwillige dazu zu bringen, die Opfer in ihre Notaufnahmen zu bringen statt in die der staatlichen Hospitäler - eine Praxis, die Poh Teck Tung ausdrücklich verbietet.

12,50 Euro pro Einlieferung

Um das zu verhindern, hatte die Regierung versprochen, für jede Einlieferung in ein staatliches Krankenhaus 500 Baht, umgerechnet 12,50 Euro, an die Organisation zu zahlen. Geld, von dem zumindest Thakorn in seinen 28 Jahren bei Poh Teck Tung noch nie etwas gesehen hat.

Wie viel ein Leben in der Riesenmetropole wert ist, wird spätestens dann deutlich, wenn die Opfer keine Normalverdiener sind, sondern Mittellose. Nicht selten kommt es vor, dass Notaufnahmen selbst Schwerverletzte nicht aufnehmen, wenn sie den Eindruck haben, dass das Opfer nicht für die Behandlung aufkommen kann. Dann muss Thakorn sein Glück im nächsten Krankenhaus versuchen - und hoffen, dass die Verletzten so lange durchhalten.

Zurück am Lumpini Park fallen Thakorn ein paar Jugendliche ins Auge, die jedes Wochenende vor dem Denkmal des ehemaligen Königs Rama VI. auf dem steinernen Platz Fußball spielen. Manchmal, erzählt er, rutsche einer aus und komme dann zu Thakorn und seinen Kollegen gehumpelt, um sich versorgen zu lassen. "Aber es sind nur Kratzer", sagt er. "Eine angenehme Abwechslung."

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insgesamt 24 Beiträge
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1. demnächst ist wieder Großeinsatz
fd53 03.04.2013
In Thailand steht demnächst ja wieder ein sehr beliebtes Fest an - bekannt als Wasserfestspiele. Wodurch dann extrem viele Thais frei oder Urlaub machen und die total Straßen überfüllt sind. Und da fast jeder Thai einem berühmten Prinzen und damaligem Formel 1 Teilnehmer nacheifern möchte, wird extrem schnell gefahren. Und dann gibt es in diesen Tagen wieder tausende Verkehrsunfälle mit hunderten Toten. Nein - in Thailand setze ich mich nicht ans Lenkrad, auch nicht beim Moped. Zumal selbst eine 1000 km Taxifahrt in Thailand problemlos bezahlbar ist.
2. optional
farang84 03.04.2013
Die Helfer sind unbrzahlt doch die Organisationen hunderte von millionen, wenn nicht mehr, THB schwer. Nicht nur die Provisionen der Krankenhaeuser sondern auch taeglich zehn bis hudert tausende THB an Spenden, welche ebenfalls als "tham bun" gute Tat gelten, werden eingesackt. Was mit diesem Held passiert weiss nur der liebe Gott.....
3. Da wird mir übel...
pascal78 03.04.2013
1. In Deutschland gibt es einen Unterscheid zwischen Rettungswagen und Krankenwagen und der ist schon nicht wirklich unerheblich. In dem Beitrag wird alles lustig zusammengwürfelt 2.Nur Tote werden aufgebahrt, in einem Rettungswagen oder Krankenwagen gibt es Fahrtragen. 3. Einen Seelensammler mit dem deutschen Rettungsdienst zu vergleichen ist eine bodenlose Frechheit! Der Autor hat keine Ahnung von was er da schreibt. Ich kann das beurteilen, denn ich arbeite seit 1999 als Rettungsassistent im deutschen Rettungsdienst und ich war schon mehrmals in Bangkok. Glückwunsch lieber Speigel, zu so einem hervorragenden Artikel, damit seit ihr auf Stern Niveau angekommen. Das spart mir eine Menge Geld, denn ich werde mir mit Sicherheit keinen Speigel mehr kaufen!
4. Und ein Martin Winterkorn....
Driver 03.04.2013
...erhält über 10 Millionen Euro Gehalt pro Jahr. Tolle Menschen, die da ehrenamtlich wirklich etwas für die Gesellschaft tun.
5. Der Westen hat noch viel vor sich
donnerfalke 03.04.2013
---Zitat--- Ihnen reicht die Aussicht auf ein besseres Karma. ---Zitatende--- Um zu verstehen was damit gemeint ist und wie sich das auf unser Schicksaal auswirkt.
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Bevölkerung: 68,139 Mio.

Fläche: 513.000 km²

Hauptstadt: Bangkok

Staatsoberhaupt: König Bhumibol Adulyadej

Regierungschef: Armeechef Prayuth Chan-ocha (seit 22. Mai 2014)

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