Freudentaumel in Katar Araber feiern größte Hallen-WM aller Zeiten

Der Westen lästert, doch Arabien jubelt: Dass die Fußball-WM 2022 im Emirat Katar stattfinden wird, hat die Golfregion in fiebrige Erregung versetzt. Die Presse tost: "Wir haben Geschichte geschrieben."

Von und Volkhard Windfuhr, Abu Dhabi und Riad

REUTERS

Es mag Menschen gegeben haben, die es für einen Witz hielten, bei 50 Grad im Schatten und generellem Bierverbot eine Fußball-WM auszutragen. In Katar selbst hat es diese Zweifel nie gegeben. Vom pakistanischen Taxifahrer bis zum regierenden Scheich war dort ziemlich jeder überzeugt, dass Wille, Geld und Vorstellungskraft ausreichen, um mit Konkurrenten wie den USA oder Südkorea fertigzuwerden. "Fußball-Irrsinn?", fragte die "Bild"-Zeitung. Keineswegs: Wer Marken wie Guggenheim oder Louvre in die klimatisierten Wüsten am Golf bringen kann, dem kann auch die Fifa nicht widerstehen.

"Katar hat Amerika mit 14 zu acht Stimmen besiegt", titelt am Morgen danach die populäre Tageszeitung "Al Schark al-Awsat" in Doha und fährt bescheiden fort: "Das war der Kampf der Kontinente und der Kulturen. Das Ergebnis zeichnet ein Lächeln auf die Lippen aller Araber und Muslime der Welt." "Jetzt ist Katar in die Weltgeschichte eingetreten!", schreibt "al-Ahram" in Kairo. Das Ausrufezeichen in der Schlagzeile darf durchaus als ironisches Lächeln der Ägypter gelesen werden.

Auf der acht Kilometer langen Uferpromenade, der Corniche von Doha, wurde am Donnerstag ab 19 Uhr Ortszeit der übliche Fußballirrsinn praktiziert, Leuten rannen die Tränen über die Schminke, es war ein Getöse von Vuvuzelas und Autohupen. Schals wurden geschwenkt, ortsübliche Fahnen, aber auch die Farben Tunesiens, des Libanon und der Emirate. Nur jeder fünfte Katarer ist auch einer, die Mehrheit der Einwohner kommt aus Südasien oder anderen arabischen Staaten.

Unter dem Wendekreis des Krebses

Ähnlich wie in Dubai zieht sich das Hinterland des Kleinstaats bis nach Manila, Trivandrum und Khartum, die Gebiete um den nördlichen Wendekreis. Es ist nicht übertrieben zu sagen: Die WM 2022 findet nicht in Katar statt, sondern unter dem Wendekreis des Krebses.

Deshalb verkündete auch die lokale Telefongesellschaft Qtel im Taumel des Glücks, für 48 Stunden die Handygebühren nach Nepal, Sudan, Bangladesch, Pakistan zu senken: "Eine Weltmeisterschaft in Katar wird Begeisterung in der ganzen Region und der Welt hervorbringen und uns zusammenbringen", sagte Scheich Abdullah al-Thani, der Qtel-Vorsitzende. "Katar hat heute wirklich Geschichte geschrieben."

In den Emiraten Abu Dhabi, Schardscha und Dubai wurde gerade Gründungstag gefeiert, mit Feuerwerken und Gehupe, und die Nachricht aus Zürich war nur die Kirsche auf dem Kuchen.

In Riad waren am Donnerstagabend ebenfalls einige Autokorsos zu beobachten - die Nationalmannschaft Saudi-Arabiens hatte gerade Kuwait mit 2:1 geschlagen. Wie dem auch sei: "Jeder Araber feiert heute. Es ist ein Sieg für uns alle gewesen", sagt Colonel Faris al-Schalan, Chef eines Außenpostens an der saudisch-irakischen Grenze. "Endlich kann ich auch einmal zu einer WM gehen."

Es wird großartig

In den Zeitungen der Region verdrängte der "Welterfolg" ("al-Hajat") die Hiobsbotschaft des Tages: Obamas Eingeständnis, dass ein weiterer Siedlungsbaustopp in Jerusalem nicht machbar sei. "al-Quds", die arabische Tageszeitung Ostjerusalems, kommentiert insofern mit Bitternis: Es sei ein Ersatzsieg "zur unpassenden Zeit". Und um die Partylaune zu dämpfen, wurde prominent vermeldet, dass gerade drei katarische Vogelfänger im Irak von al-Qaida entführt worden seien. Jeder verstand die Botschaft: Für Katar gibt es nur den Fußball, und uns Palästinenser vergessen sie.

In Katars Hauptstadt wird jetzt an ganz andere Bauprojekte gedacht. "Ich verpflichte mich, die Infrastruktur innerhalb der zwölf Jahre so zu entwickeln, dass keine industrielle Großmacht uns überbieten kann", hat der für Stadtentwicklung zuständige Scheich, Abdulrahman Bin Chalifa al-Thani, versprochen. In sechs Jahren soll es eine U-, und eine S-Bahn geben, eine Eisenbahnbrücke nach Bahrain für einen Hochgeschwindigkeitszug. Der Flughafen werde ausgebaut auf ein Volumen von 50 Millionen Passagieren jährlich. Und heute wurde auch der Bau eines Zubringertunnels bekanntgegeben: zwölf Kilometer lang und voll klimatisiert, damit die WM-Fans direkt vom Terminal auch mit dem Auto in die neuen Luxushotels nördlich des Zentrums fahren können.

Es wird großartig werden. Und gewiss die größte Hallen-WM aller Zeiten.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 65 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Burkhardt1949, 03.12.2010
1. Hoffentlich
Zitat von sysopDer Westen lästert, doch Arabien jubelt: Dass die Fußball-WM 2022 im Emirat Katar stattfinden wird, hat die Golfregion in fiebrige Erregung versetzt. Die Presse tost: "Wir haben Geschichte geschrieben." http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,732668,00.html
macht mindestens die deutsche Wirtschaft in Katar ein paar Geschäfte beim Ausbau. Wie wäre es mit Transrapid? Ich jedenfalls schaue mir das ganze in meiner Gartenlaube mit einem kühlen Bier in der Hand.
kay_ro 03.12.2010
2. ß
Ja, endlich ist auch die Fußballnation Katar berücksichtigt worden. Und das die Menschen dort gleichzeitig die Nichtberücksichtigung der amerikanischen Bewerbung als einen Sieg der Muslime begreifen, zeigt dann wieder mal das völkerverbindende Element solcher Ereignisse.
wanderprediger, 03.12.2010
3. Volle Konzentration auf Fussball, nix mehr mit nackte Mädels
Zitat von sysopDer Westen lästert, doch Arabien jubelt: Dass die Fußball-WM 2022 im Emirat Katar stattfinden wird, hat die Golfregion in fiebrige Erregung versetzt. Die Presse tost: "Wir haben Geschichte geschrieben." http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,732668,00.html
Freude auch hier. Die Zeitverschiebung spricht eher für Katar, denn für die USA. Ok, die Mädels als begeisterte Zusschauer in den Stadien werde ich schon vermissen. Das ist aber (leider) die Zukunft.
nethopper01 03.12.2010
4. Jubelnde Frauen?
Da wird ja viel gejubelt in Arabien. Aber wo sind auf dem Foto die jubelnden Frauen? Ich kann keine einzige auf dem Bild finden....
tutzt 03.12.2010
5. ...
Zitat von kay_roJa, endlich ist auch die Fußballnation Katar berücksichtigt worden. Und das die Menschen dort gleichzeitig die Nichtberücksichtigung der amerikanischen Bewerbung als einen Sieg der Muslime begreifen, zeigt dann wieder mal das völkerverbindende Element solcher Ereignisse.
Das war auch mein Gedanke. Ja, in jeder Hinsicht hat die FIFA da die WM an den richtigen Staat vergeben. Ach, das ist soooo schön, ich könnt bis 2022 durchkotzen...äh..durchfeiern...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.