Freudentaumel in Katar: Araber feiern größte Hallen-WM aller Zeiten

Von Alexander Smoltczyk und Volkhard Windfuhr, Abu Dhabi und Riad

Der Westen lästert, doch Arabien jubelt: Dass die Fußball-WM 2022 im Emirat Katar stattfinden wird, hat die Golfregion in fiebrige Erregung versetzt. Die Presse tost: "Wir haben Geschichte geschrieben."

WM in Katar: Im Wendekreis des Krebses Fotos
REUTERS

Es mag Menschen gegeben haben, die es für einen Witz hielten, bei 50 Grad im Schatten und generellem Bierverbot eine Fußball-WM auszutragen. In Katar selbst hat es diese Zweifel nie gegeben. Vom pakistanischen Taxifahrer bis zum regierenden Scheich war dort ziemlich jeder überzeugt, dass Wille, Geld und Vorstellungskraft ausreichen, um mit Konkurrenten wie den USA oder Südkorea fertigzuwerden. "Fußball-Irrsinn?", fragte die "Bild"-Zeitung. Keineswegs: Wer Marken wie Guggenheim oder Louvre in die klimatisierten Wüsten am Golf bringen kann, dem kann auch die Fifa nicht widerstehen.

"Katar hat Amerika mit 14 zu acht Stimmen besiegt", titelt am Morgen danach die populäre Tageszeitung "Al Schark al-Awsat" in Doha und fährt bescheiden fort: "Das war der Kampf der Kontinente und der Kulturen. Das Ergebnis zeichnet ein Lächeln auf die Lippen aller Araber und Muslime der Welt." "Jetzt ist Katar in die Weltgeschichte eingetreten!", schreibt "al-Ahram" in Kairo. Das Ausrufezeichen in der Schlagzeile darf durchaus als ironisches Lächeln der Ägypter gelesen werden.

Auf der acht Kilometer langen Uferpromenade, der Corniche von Doha, wurde am Donnerstag ab 19 Uhr Ortszeit der übliche Fußballirrsinn praktiziert, Leuten rannen die Tränen über die Schminke, es war ein Getöse von Vuvuzelas und Autohupen. Schals wurden geschwenkt, ortsübliche Fahnen, aber auch die Farben Tunesiens, des Libanon und der Emirate. Nur jeder fünfte Katarer ist auch einer, die Mehrheit der Einwohner kommt aus Südasien oder anderen arabischen Staaten.

Unter dem Wendekreis des Krebses

Ähnlich wie in Dubai zieht sich das Hinterland des Kleinstaats bis nach Manila, Trivandrum und Khartum, die Gebiete um den nördlichen Wendekreis. Es ist nicht übertrieben zu sagen: Die WM 2022 findet nicht in Katar statt, sondern unter dem Wendekreis des Krebses.

Deshalb verkündete auch die lokale Telefongesellschaft Qtel im Taumel des Glücks, für 48 Stunden die Handygebühren nach Nepal, Sudan, Bangladesch, Pakistan zu senken: "Eine Weltmeisterschaft in Katar wird Begeisterung in der ganzen Region und der Welt hervorbringen und uns zusammenbringen", sagte Scheich Abdullah al-Thani, der Qtel-Vorsitzende. "Katar hat heute wirklich Geschichte geschrieben."

In den Emiraten Abu Dhabi, Schardscha und Dubai wurde gerade Gründungstag gefeiert, mit Feuerwerken und Gehupe, und die Nachricht aus Zürich war nur die Kirsche auf dem Kuchen.

In Riad waren am Donnerstagabend ebenfalls einige Autokorsos zu beobachten - die Nationalmannschaft Saudi-Arabiens hatte gerade Kuwait mit 2:1 geschlagen. Wie dem auch sei: "Jeder Araber feiert heute. Es ist ein Sieg für uns alle gewesen", sagt Colonel Faris al-Schalan, Chef eines Außenpostens an der saudisch-irakischen Grenze. "Endlich kann ich auch einmal zu einer WM gehen."

Es wird großartig

In den Zeitungen der Region verdrängte der "Welterfolg" ("al-Hajat") die Hiobsbotschaft des Tages: Obamas Eingeständnis, dass ein weiterer Siedlungsbaustopp in Jerusalem nicht machbar sei. "al-Quds", die arabische Tageszeitung Ostjerusalems, kommentiert insofern mit Bitternis: Es sei ein Ersatzsieg "zur unpassenden Zeit". Und um die Partylaune zu dämpfen, wurde prominent vermeldet, dass gerade drei katarische Vogelfänger im Irak von al-Qaida entführt worden seien. Jeder verstand die Botschaft: Für Katar gibt es nur den Fußball, und uns Palästinenser vergessen sie.

In Katars Hauptstadt wird jetzt an ganz andere Bauprojekte gedacht. "Ich verpflichte mich, die Infrastruktur innerhalb der zwölf Jahre so zu entwickeln, dass keine industrielle Großmacht uns überbieten kann", hat der für Stadtentwicklung zuständige Scheich, Abdulrahman Bin Chalifa al-Thani, versprochen. In sechs Jahren soll es eine U-, und eine S-Bahn geben, eine Eisenbahnbrücke nach Bahrain für einen Hochgeschwindigkeitszug. Der Flughafen werde ausgebaut auf ein Volumen von 50 Millionen Passagieren jährlich. Und heute wurde auch der Bau eines Zubringertunnels bekanntgegeben: zwölf Kilometer lang und voll klimatisiert, damit die WM-Fans direkt vom Terminal auch mit dem Auto in die neuen Luxushotels nördlich des Zentrums fahren können.

Es wird großartig werden. Und gewiss die größte Hallen-WM aller Zeiten.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 65 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Hoffentlich
Burkhardt1949 03.12.2010
Zitat von sysopDer Westen lästert, doch Arabien jubelt: Dass die Fußball-WM 2022 im Emirat Katar stattfinden wird, hat die Golfregion in fiebrige Erregung versetzt. Die Presse tost: "Wir haben Geschichte geschrieben." http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,732668,00.html
macht mindestens die deutsche Wirtschaft in Katar ein paar Geschäfte beim Ausbau. Wie wäre es mit Transrapid? Ich jedenfalls schaue mir das ganze in meiner Gartenlaube mit einem kühlen Bier in der Hand.
2. ß
kay_ro 03.12.2010
Ja, endlich ist auch die Fußballnation Katar berücksichtigt worden. Und das die Menschen dort gleichzeitig die Nichtberücksichtigung der amerikanischen Bewerbung als einen Sieg der Muslime begreifen, zeigt dann wieder mal das völkerverbindende Element solcher Ereignisse.
3. Volle Konzentration auf Fussball, nix mehr mit nackte Mädels
wanderprediger 03.12.2010
Zitat von sysopDer Westen lästert, doch Arabien jubelt: Dass die Fußball-WM 2022 im Emirat Katar stattfinden wird, hat die Golfregion in fiebrige Erregung versetzt. Die Presse tost: "Wir haben Geschichte geschrieben." http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,732668,00.html
Freude auch hier. Die Zeitverschiebung spricht eher für Katar, denn für die USA. Ok, die Mädels als begeisterte Zusschauer in den Stadien werde ich schon vermissen. Das ist aber (leider) die Zukunft.
4. Jubelnde Frauen?
nethopper01 03.12.2010
Da wird ja viel gejubelt in Arabien. Aber wo sind auf dem Foto die jubelnden Frauen? Ich kann keine einzige auf dem Bild finden....
5. ...
tutzt 03.12.2010
Zitat von kay_roJa, endlich ist auch die Fußballnation Katar berücksichtigt worden. Und das die Menschen dort gleichzeitig die Nichtberücksichtigung der amerikanischen Bewerbung als einen Sieg der Muslime begreifen, zeigt dann wieder mal das völkerverbindende Element solcher Ereignisse.
Das war auch mein Gedanke. Ja, in jeder Hinsicht hat die FIFA da die WM an den richtigen Staat vergeben. Ach, das ist soooo schön, ich könnt bis 2022 durchkotzen...äh..durchfeiern...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Fußball-WM 2022
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 65 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
WM in Russland: Moskau lässt die Korken knallen

Fotostrecke
WM-Vergabe: Tag der Entscheidung

Reaktionen zur WM-Vergabe

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

WM-Vergabe: Alle Wahlgänge
WM 2018
1. Wahlgang:

Russland 9 Stimmen
Spanien/Portugal 7
Niederlande/Belgien 4
England 2
Damit England ausgeschieden.

2. Wahlgang:

Russland 13 Stimmen
Spanien/Portugal 7
Niederlande/Belgien 2
Damit Russland gewählt.
WM 2022
1. Wahlgang:

Katar 11 Stimmen
Südkorea 4
USA 3
Japan 3
Australien 1
Damit Australien ausgeschieden.

2. Wahlgang:

Katar 10 Stimmen
USA 5
Südkorea 5
Japan 2
Damit Japan ausgeschieden.

3. Wahlgang:

Katar 11 Stimmen
USA 6
Südkorea 5
Damit Südkorea ausgeschieden.

4. Wahlgang:

Katar 14 Stimmen
USA 8
Damit Katar gewählt.

Quelle: dpa

Fußball-WM: Alle Gastgeber und Gewinner
Jahr Gastgeber Weltmeister
2022 Katar ???
2018 Russland ???
2014 Brasilien ???
2010 Südafrika Spanien
2006 Deutschland Italien
2002 Japan und Südkorea Brasilien
1998 Frankreich Frankreich
1994 USA Brasilien
1990 Italien Deutschland
1986 Mexiko Argentinien
1982 Spanien Italien
1978 Argentinien Argentinien
1974 Deutschland Deutschland
1970 Mexiko Brasilien
1966 England England
1962 Chile Brasilien
1958 Schweden Brasilien
1954 Schweiz Deutschland
1950 Brasilien Uruguay
1938 Frankreich Italien
1934 Italien Italien
1930 Uruguay Uruguay
Das Exekutivkomitee der Fifa
Das Exekutivkomitee des Welt-Fußballverbandes Fifa setzt sich zusammen aus dem Präsidenten Joseph S. Blatter, seinen acht Vizepräsidenten und weiteren 15 einfachen Mitgliedern. Das Komitee tagt zweimal im Jahr. Die Mandatsdauer der Mitglieder beträgt vier Jahre.

Das Exekutivkomitee legt die Termine, Spielorte und Formate der Fifa-Wettbewerbe, darunter die der WM, fest. Es beruft die Fifa-Delegierten für das International Football Association Board (Ifab), das über Regeländerungen bestimmt, und ist für die Ernennung sowie Abberufung des Generalsekretärs (derzeit: Jérôme Valcke) zuständig.

Quelle: sid

Die Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees
Position Name Mitgliedsland
Präsident Joseph S. Blatter Schweiz
Senior-Vizepräsident Julio H. Grondona Argentinien
Vizepräsident Issa Hayatou Kamerun
Vizepräsident Chung Mong-Joon Südkorea
Vizepräsident Jack A. Warner Trinidad und Tobago
Vizepräsident Angel María Villar Llona Spanien
Vizepräsident Michel Platini Frankreich
Vizepräsident Reynald Temarii Tahiti
Vizepräsident Geoff Thompson England
Mitglied Michel D'Hooghe Belgien
Mitglied Ricardo Terra Teixeira Brasilien
Mitglied Mohamed Bin Hammam Katar
Mitglied Senes Erzik Türkei
Mitglied Chuck Blazer USA
Mitglied Worawi Makudi Thailand
Mitglied Nicolás Leoz Paraguay
Mitglied Junji Ogura Japan
Mitglied Amos Adamu Nigeria
Mitglied Marios Lefkaritis Zypern
Mitglied Jacques Anouma Elfenbeinküste
Mitglied Franz Beckenbauer Deutschland
Mitglied Rafael Salguero Guatemala
Mitglied Hany Abo Rida Ägypten
Mitglied Witali Mutko Russland