Führerscheinfoto mit Nudelsieb: Im Namen des Spaghetti-Monsters

Von Jochen Brenner

Drei Jahre hat Niko Alm für seinen Führerschein gekämpft. Nun hat er recht bekommen. Das Wiener Verkehrsamt wollte sein Foto zunächst nicht akzeptieren - weil der Mann ein Nudelsieb auf dem Kopf trug.

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Niko Alm

Führerschein von Niko Alm: Ein Nudelsieb aus Religionsfreiheit

Wien - Wenn Niko Alm eine Lücke sieht, quetscht er sich hindurch. "Ich suche nicht danach, aber ich nutze sie gerne", sagt der Wiener. Die Sache mit dem Führerschein etwa - wieder so eine Lücke. Seit Dienstag besitzt der 35-jährige Alm eine Fahrerlaubnis in Kreditkartenformat, ausgestellt vom Wiener Verkehrsamt, gültig überall auf der Welt. "Führerschein Republik Österreich" steht darauf, die goldenen EU-Sterne umringen das blaue A für Austria. Und auf dem Foto darunter trägt Niko Alm ein Nudelsieb aus Metall auf dem Kopf. Er hat für dieses Sieb lange gekämpft.

Als er im Jahr 2008 den neuen Führerschein beantragte, fiel ihm eine Informationsbroschüre des damaligen FPÖ-Verkehrsministers Hubert Gorbach in die Hände. Kopfbedeckungen auf Passfotos für den Führerschein seien nur aus religiösen Gründen erlaubt, schrieb der Minister darin. Das war der Moment, in dem Niko Alm ahnte, dass er auf eine Lücke gestoßen war, wieder einmal. Religiöse Gründe findet Alm persönlich nicht sehr überzeugend. Er ist Atheist, behauptet er jedenfalls. "Ich traue mich zu behaupten, dass ich nie an Gott oder irgendetwas Übernatürliches geglaubt habe", sagt er.

Aber kann einer gleichzeitig Atheist sein und das FSM anbeten? Alm ist bekennender Anhänger des "Fliegenden Spaghetti-Monsters". Der amerikanische Physiker Bobby Henderson schuf diese Gottheit im Jahr 2005 und taufte seine Anhänger Pastafaris. Die Bezeichnung hatte er sich von den Rastafaris abgeguckt, deren Name gefährlich gut mit dem italienischen Wort "Pasta" harmonierte. Es war die Geburtsstunde des Spaghetti-Monsters.

Sie entsprang einer religiösen Stimmung in den USA, die Henderson missbilligte. Es war dem Religionsstifter ein Anliegen, mit dem Quatsch-Glauben die Lehre des Intelligent Designs amerikanischer Kreationisten zu verhohnepipeln. Sie wollten die Evolutionstheorie an amerikanischen Schulen ablösen. Henderson ging es auch um ein wenig Entspanntheit, er war ja gerade 25, als er das Spaghetti-Monster schuf. Während die radikalen Christen auf ein friedliches Leben nach dem Tod nur hoffen können, können die Pastafaris nach dem Tod mit einem Biervulkan und einer Stripperfabrik rechnen.

"Darf ich fragen, warum Sie ein Nudelsieb tragen?"

Vielleicht war es diese Perspektive, die Niko Alm, ein Nudelsieb und das Führerscheinfoto auf schicksalhafte Weise verband. Als Pastafari erachtet es Alm als seine Pflicht, auf offiziellen Fotos den Nudelhut zu tragen. Er trug ihn also auch dann, damals 2008, als er den neuen Führerschein beantragte, sich fotografieren ließ und die Unterlagen aufs Verkehrsamt trug.

"Darf ich fragen, warum Sie ein Nudelsieb tragen?", fragt der Beamte. "Religiöse Gründe", sagte Alm, das Spaghetti-Monster befahl es ihm. Als der hinzugerufene Amtsarzt schließlich bestätigte, dass Alm "psychisch befähigt" ist, ein Auto zu lenken, beginnen dem Amt die Argumente auszugehen. Alm wartet, er hat Geduld, sein alter Führerschein gilt ja noch. Und er ahnt, dass das Amt die Sache nicht aussitzen kann. "Ich wollte die gleichen Rechte wie Nonnen oder muslimische Frauen. Die tragen auf Führerscheinbildern ebenfalls Kopfbedeckungen", sagt Alm.

Ein Sprecher der Wiener Bundespolizeidirektion bestätigte nun, dass "nach jahrelanger Prüfung, aber nicht aus religiösen Gründen" die Genehmigung erteilt worden sei, weil "das Gesicht auf dem Foto frei erkennbar" sei. Alm ist der Grund egal, der Führerschein ist ein wichtiger Sieg nicht nur in eigener Sache. Denn der Unternehmer ist Kopf des "Volksbegehrens gegen Kirchenprivilegien", das für eine klare Trennung von Kirche und Staat in Österreich eintritt und jegliche Subventionen ablehnt.

Seit Mai ist er zudem Vorsitzender des "Zentralrats der Konfessionsfreien", einem Verband säkularer Organisationen in Österreich. In diesem Amt versucht Alm, die Rechte seiner mehr als 950.000 Landsleute ohne Glaubensbekenntnis zu vertreten. Sie stehen fast sechs Millionen Katholiken gegenüber, die in Österreich über eine starke Lobby verfügen.

Die Aufmerksamkeit wegen des Nudel-Führerscheins kommt Alm sehr gelegen, er streitet das gar nicht ab. "Es ist geniale PR für die Laizismus-Debatte", sagt Alm, "das war zwar so nicht geplant, aber ich nehme die Aufmerksamkeit gerne an."

Alm rechnet allerdings auch mit Aufmerksamkeit von einer Seite, die ihm auf die Finger schaut. "Ich bin sicher, dass ich ab jetzt bei jeder Routinekontrolle der Polizei das ganze Programm abbekomme: Warnweste, Pannendreieck, Erste-Hilfe-Flickzeug, Zulassungsschein, Blasen", sagt Alm. Ob Polizei und Pastafaris ein schwieriges Verhältnis droht, kann auch er nicht wissen. Die Grenzen österreichischer Religionsfreiheit werden aber dann erreicht sein, wenn das Spaghetti-Monster den paradiesischen Biervulkan schon zu Lebzeiten ausbrechen lassen sollte.

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