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03. März 2012, 10:19 Uhr

Fukushima-Flüchtlinge

Einsamer Missionar in der Strahlenzone

Aus Tamura berichtet Heike Sonnberger

Das Dorf Katsurao liegt an der 20-Kilometer-Sperrzone um das havarierte AKW in Fukushima. Die Bewohner sind geflohen, sie leben in Notunterkünften. Viele sind verzweifelt. Ein selbsternannter Strahlenexperte will ihnen die Angst vor der Strahlung nehmen, damit sie in ihr altes Leben zurückfinden.

"Die Gräten des Makrelenhechts, die sind gefährlich", sagt Terumi Hangai, 50, und kramt eine Buntstiftzeichnung hervor. Der blauweiße Fisch darauf lächelt niedlich. "In seinen Gräten lagert sich radioaktives Strontium ab." Und seine Landsleute verspeisen das Tier leider gern am Stück. Spinat hingegen - kein Problem mehr. Auch Milch aus der Präfektur Fukushima lasse sich derzeit bedenkenlos trinken, sagt Hangai. Die Daten der Regierung und unabhängiger Experten geben ihm recht.

Terumi Hangai ist Lehrer und studierter Chemiker. Vor dem Beben drillte er japanische Schüler in seiner privaten Nachhilfeschule auf Bestnoten. Doch seit der Katastrophe vom 11. März hat die Jugend der Stadt Tamura offenbar keine Lust mehr zu pauken. Ob auch das etwas mit dem Nuklearunfall zu tun hat? "Ich weiß es nicht", sagt Hangai und seufzt.

Tamura liegt rund 50 Kilometer westlich des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi. Die radioaktive Belastung ist dort etwa so hoch wie mancherorts in Bayern. Seit ihm die Schüler wegbleiben, hat Hangai viel Zeit. Doch langweilig wird ihm nicht. Der Mann hat eine Mission.

Kiloweise Pfirsiche aus Fukushima

Hangai hat sich vorgenommen, die Menschen in seiner Heimat von der Strahlenangst zu befreien. Mit Messdaten, autodidaktischer Expertise und einem glucksenden Lachen.

Sein Ziel heute: Die Menschen von Katsurao. Das Dorf liegt direkt an der 20-Kilometer-Sperrzone um das havarierte Kernkraftwerk, ein paar Häuser stehen auch jenseits der Straßensperren. Fast alle Bewohner sind geflüchtet. Die Regierung sagt, das sei sicherer wegen der erhöhten Radioaktivität. Hangai sagt, die Strahlenwerte seien zwar höher als früher - aber trotzdem nicht gefährlich.

"Kein Politiker und kein Wissenschaftler will die Verantwortung dafür übernehmen. Also tue ich es!" Warum? Hangai brummt nachdenklich vor sich hin. "Weil ich Katsurao liebe und weil ich will, dass die Menschen dort ihr normales Leben zurückbekommen und glücklich werden."

Hangai saust in seinem hochgeheizten Wagen die verschneite Straße nach Katsurao entlang. "Ich glaube den Daten der Regierung", sagt er. Sie seien von Wissenschaftlern gemessen - mit sehr guten Geräten. "Eines kostet 15 Millionen Yen!" Hangai dreht begeistert den Kopf zum Beifahrersitz, das Auto driftet kurz von der Fahrbahn. Seine Frau habe im Sommer kiloweise Pfirsiche aus der Gegend gekauft. Unglaublich billig, weil niemand sie wollte, und kein bisschen kontaminiert.

Vorsicht vor den Wildschweinen

Im Dorf Katsurao krächzen Krähen, sonst ist es still. Armlange Eiszapfen hängen vom Dach einer Scheune, in der früher einige hundert Kühe standen. Aus dem Fenster eines Pick-up flattern Spatzen. Hangai stakst in seinen teuren Lederschuhen durch den Schnee. Eigentlich verbringt er seine Freizeit lieber in Edelrestaurants, aber er jammert nicht. Das hier ist wichtig. Der deutsche Gast soll verstehen, was die Strahlenangst mit diesem Dorf gemacht hat.

In einem Baucontainer in der Dorfmitte sitzen drei Frauen. "Die Strahlung ist unsere größte Sorge", sagt Yukimi Yoshida. Früher hat die 57-Jährige in einem Laden in der Nähe Reiskuchen verkauft. Jetzt trägt sie eine blaue Weste und eine Schirmmütze, auf der steht: "Wir geben nie auf." Sie gehört zu der Bürgerpatrouille, die Katsurao vor Plünderern schützen will.

Im Baucontainer ist es warm, die Stoffeulen auf dem Regal hat Yoshida selbst genäht, auf der Heizung steht eine Teekanne. Draußen fährt ein Auto vorbei und die Köpfe der Frauen rucken herum: Farbe, Modell, Nummernschild, Personen? Die Daten notieren sie in einem Buch, was eine nicht gesehen hat, haben sich die anderen beiden gemerkt. Wenn aus einem der Höfe ein Fernseher oder Arbeitsmaschinen gestohlen werden, können sie vielleicht helfen, den Fall aufzuklären.

Bis zehn Mikrosievert kein Problem, sagt Hangai

Sie sind froh, dass sie diesen Job haben. Man verstehe sich gut, besser als vor dem Beben. Und auch mit den Polizisten aus Tokio, die hier ihre Runden drehen und andere Autofahrer vor den riesigen Wildschweinen warnen, sei es nett. Der einzige Lichtblick in dieser schweren Zeit.

Hangai erzählt ihnen, dass an einzelnen Orten der Erde, zum Beispiel in Iran, die natürliche Strahlenbelastung dauerhaft zehn Mikrosievert pro Stunde beträgt. An einem Bächlein in der Nähe hatte sein Geigerzähler vorhin einen Spitzenwert von fünf Mikrosievert gemessen. Er persönlich halte Werte unter zehn Mikrosievert pro Stunde für unbedenklich, sagt er. Die Augen der Frauen beginnen zu leuchten.

Hangai erzählt auch von seiner Mutter, die aus der Sperrzone fliehen musste. "Sie hat am Ende nur noch gegessen und geschlafen", sagt er, "und ist im November gestorben." Yoshida nickt betroffen. Auch ihre Mutter habe mit 84 Jahren der Stress umgebracht, aus der Heimat zu flüchten. Der seelische und der wirtschaftliche Schaden des Atomunfalls seien das größte Problem, sagt Hangai, als er später wieder über die glatten Straßen braust.

Eine Siedlung aus grauen Boxen

Im Moment leben etwa tausend Dörfler aus Katsurao verstreut auf zehn Siedlungen, alle eine Autostunde von der Heimat entfernt. Hisayoshi Matsumoto, 61, ist in einer davon untergekommen. Er hat inmitten der grauen Behelfsunterkünfte einen Laden eröffnet, für die vielen alten Leute, die nicht weit laufen können. Dort verkauft er Tabak, Alkohol, Reiskekse, Propangasflaschen.

"Mein Geschäft in Katsurao war zehnmal so groß und die Unterkünfte sind schrecklich eng", klagt er. Doch er will nicht zurück, wegen der Strahlung. Sie sei vielleicht nicht hoch, aber trotzdem mindestens 20-mal höher als vorher. "Das kann nicht gut sein!"

In der Siedlung denken viele so - und Hangai wirkt zwischen ihnen wie ein fremder Vogel, der hoffnungsvolle Botschaften bringt. An seinen Lippen hängt zum Beispiel die Krankenschwester Tomoko Matsumoto, 36. Ihr Unbehagen in Sachen Radioaktivität konnte sie bisher nicht abschütteln. Sie kauft kein Gemüse mehr aus Fukushima, wegen ihrer vier Kinder, das jüngste ist ein Jahr alt. Und sie lauscht aufmerksam Hangais praktischer Lebenshilfe: keine Makrelenhechte, keine Forellen, keine Pilze und kein Wildschweinfleisch.

Strahlenschutzraum im Keller

Viele Menschen hier fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen. Die Politiker in Tokio hätten am liebsten nur Lebensmittel mit null Becquerel und erließen immer strengere Verordnungen, schimpft Hangai. Dabei seien null Becquerel Unsinn. Der menschliche Körper sei ohnehin mit strahlenden Substanzen belastet, Atomunfall hin oder her. Man nimmt über die Nahrung stets natürliche Radionuklide wie Kalium 40 auf, bestätigen Wissenschaftler. Im Schnitt liegt die natürliche Grundbelastung im Körper eines Erwachsenen bei etwa 8000 Becquerel.

"Sie haben Katsurao verlassen, weil sie kein Wissen über Radioaktivität haben", sagt Hangai. An einem runden Tisch will er Regierungsmitglieder, Wissenschaftler und Vertreter der Präfekturverwaltung zusammenbringen, um die Probleme Fukushimas zu lösen. Der Lehrer gefällt sich in der Rolle des Gemeinderetters. "Ich bin berühmt hier", brummt er zufrieden.

Hangais eigene Strahlenangst muss früher einmal beträchtlich gewesen sein. Im Keller seines Hauses baute er vor zwölf Jahren einen - mehr oder weniger - strahlensicheren Schutzraum ein. "Ich hatte Angst vor einem Raketenangriff aus Nordkorea auf Daiichi", sagt er. "An einen Tsunami habe ich damals nicht gedacht." Zum Glück sei Fukushima diesmal mit einem blauen Auge davongekommen. Das müsse nun nur noch der Rest der Welt verstehen und nicht mehr alles, was aus dieser Präfektur komme, verteufeln.

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