Fukushima-Katastrophe Warum Japaner anders trauern

Erdbeben, Tsunami, Reaktorunglück: Japan erfährt eine Serie unvorstellbarer Katastrophen. Doch die Menschen klagen nicht, weinen nicht, wirken außergewöhnlich robust. Wie geht das?

Von Gavin Rees, London

DPA

Japaner warten vor der Essensausgabe, verlassen geordnet die Sperrzone, suchen in Listen geduldig nach Vermissten. Trotz der zerstörten Häuser. Trotz der radioaktiven Bedrohung. Trotz der vielen Toten. Bilder anscheinend gelassener Japaner gingen nach der Katastrophe in Fukushima um die Welt. Es entstand der Eindruck, dass sich die Menschen nicht aus der Ruhe bringen lassen, ihre Gefasstheit nahezu unerschütterlich ist.

Dabei ist die Lage dramatisch. Seit dem 11. März gelten fast 28.000 Menschen als tot oder vermisst. Im AKW Fukushima I kam es zum schwersten Atomunfall seit der Explosion von Tschernobyl vor 25 Jahren. Doch in den ausländischen Medien dominiert der Eindruck des geordneten Abarbeitens der Katastrophe. Panik oder offene Verzweiflung sieht man selten - selbst im am schlimmsten betroffenen Nordosten des Landes.

Wie lässt sich erklären, was ein BBC-Reporter das "Klischee vom stoischen Japaner" genannt hat?

Die Ruhe muss nicht zwingend ein Beweis für die Unerschrockenheit der Japaner sein. Wissenschaftliche Untersuchungen anderer großer Katastrophen weltweit belegen, dass Panik als Reaktion auf Unglücke seltener ist, als wir denken. In traumatischen Situationen erfahren Menschen zwar häufig extreme emotionale Zustände - scheinen aber trotzdem oberflächlich betrachtet zurückhaltend und gelassen.

Stimmungsschwankungen, zeitweilige soziale Isolation oder plötzlich wiederkehrende Bilder von verstörenden Ereignissen, sogenannte Flashbacks, sind gängige Reaktionen unmittelbar nach einer Katastrophe - auch bei Menschen, die schwierige Situationen in der Regel gut meistern. Während diese Reaktionen einige Menschen lange Zeit aufwühlen, kommen andere in relativ kurzer Zeit wieder mit sich selbst in Einklang.

Schwerkraft des Gruppendenkens

Aber gibt es wissenschaftliche Daten, die die Meinung stützen, dass Japan eine besonders belastbare Kultur ist, deren Bewohner besser in der Lage sind, diese Krisen zu überstehen?

Untersuchungen haben ergeben, dass sich die vom Erdbeben 1995 in Kobe betroffenen Menschen schneller erholt haben, als die Menschen nach einem vergleichbaren Beben im indischen Gujarat 1991. Die Forscher erklärten, dies könne damit zusammenhängen, dass sich gesellschaftliche Gruppen in Japan schneller organisieren.

Die wissenschaftliche Literatur zu Katastrophen-Reaktionen untermauert die Vorstellung, dass aktive Bewältigungsstrategien - etwa das Helfen bei Aufräumarbeiten oder die Suche nach Freunden und Verwandten - die Psyche unterstützen, mit dem Erlebten umzugehen.

Es hilft, etwas zu tun, egal wie klein der Beitrag auch sein mag, hilft, das schleichende und zerstörerische Gefühl der Ohnmacht zu bekämpfen.

Engagement zum Wohl der Allgemeinheit hat in Japan traditionell Priorität. Es ist wichtiger als das Wohl des Einzelnen. Der Psychologe Hayao Kawai scherzte einst im Gespräch mit dem Schriftsteller Haruki Murakami, dass Lehrer in Japan oft die Aufforderung "Sei ein Individuum" an die Tafeln im Klassenzimmer schreiben. Sie befürchten, dass es Schüler ohne eine solche ausdrückliche Mahnung es unter Umständen nicht schaffen könnten, der kulturellen Schwerkraft des Gruppendenkens zu entfliehen.

Kawai hat auch nahegelegt, dass die japanische Zurückhaltung, sich selbst zu individualisieren, tatsächlich einen Schutz in Katastrophensituationen bieten dürfte. Die Japaner, mit denen er arbeitete, neigten nicht dazu, sich selbst die Schuld für problematische Situationen zu geben, in die sie hineingeraten waren - während Amerikaner dies häufig machten.

Das Motto: "So ist es nun mal"

Die Vorstellungen von Widerstandsfähigkeit, gesellschaftlicher Unterstützung und der Fähigkeit, sich dem Leid zu stellen, haben eine tiefe Verwurzelung in Japan. Sie sind der Inbegriff dessen, wie sich die Japaner selbst sehen.

Dies erklärt einige der Irritationen meiner japanischen Freunde, als sie die europäische TV-Berichterstattung über die Katastrophe in den vergangenen Wochen verfolgten - und dort den Gleichmut nicht abgebildet fanden.

Warum, so fragten sie, telefonieren die Nachrichtenmoderatoren in Europa und den USA mit Menschen aus Gebieten, die nicht von dem Tsunami betroffen sind? Warum insistieren sie, ob es Panik auf den Straßen gegeben habe? Die Japaner fanden dieses Verhalten befremdlich.

Das Land profitiert von den Erfahrungen aus der Vergangenheit: Die gewaltsame Öffnung der Märkte durch westliche Mächte in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts und die militärische Niederlage im Zweiten Weltkrieg 1945 stellten enorme Einschnitte dar.

Auf letztere verwies kürzlich Premierminister Naoto Kan in einer Rede. Er rief jeden einzelnen Bürger auf, gemeinsam an einem neuen Japan zu arbeiten - genau so, wie die 1945er-Generation Japan durch Entbehrungen und Opfer wieder aufgebaut habe.

Der Ausdruck "sou iu mon da yo" ("So ist es nun mal"), mit dem sich die Menschen in Japan in den vergangenen Wochen selbst beruhigt haben, ist typisch für diese Generation. Es war einer der ersten Sätze, die die Großmutter eines Freundes sagte, als sie ihr Heimatdorf in der Provinz Miyagi nach dem Tsunami verlassen musste.

Besonders gefährdet sind diejenigen, die besonders viel verloren haben

Diese Verhaltensweisen haben ihr Fundament in Sprache und Religion. Der Ausdruck "shoganai" ("Man kann es nicht ändern") ist einer der ersten Sätze, den Ausländer auf Japanisch lernen. Sogar die gesamte Grammatik ist in einer unpersönlichen Art gehalten - implizierend, dass die Dinge einfach geschehen.

Aus dem Buddhismus kommt die Lehre, dass Leben leidvoll ist. Noch wichtiger ist möglicherweise die aktive Haltung des Buddhismus' gegenüber dem Tod. Japan ist keine dem Tod abgeneigte Gesellschaft in der Art, wie es viele protestantische europäische Gesellschaften sind. Es gibt lange, aufwendige Trauerrituale. Den Toten wird ein großer Einfluss auf diejenigen zugesprochen, die sie zurückgelassen haben. Wenn in Japan jemand stirbt, ist es Brauch, aus den schönsten Fotos des Verstorbenen einen Schrein zu kreieren.

Die Epidemiologie hat gezeigt, dass einzelne Individuen in den ersten Monaten nach einer solchen Katastrophe besonders leiden - ganz egal, wie gut die Gesellschaft als Einheit mit dem Trauma umgeht. Manchen Menschen wird es schwerfallen, den Schlag des 11. März 2011 zu verkraften. Selbst wenn nur ein geringer Prozentsatz der 127 Millionen Japaner erkrankt, so handelt es sich doch um eine beträchtliche Anzahl von Individuen.

Das höchste Risiko für posttraumatische Erkrankungen trifft erfahrungsgemäß die armen Bevölkerungsschichten und solche, die einen besonders hohen materiellen Verlust erlitten haben. Dies hat Hurrikane Katrina 2005 an der Golfküste der USA bewiesen.

"Heilung für das Herz"

Viele Japaner tun sich schwer mit der westlichen Definition sogenannter posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS). Im Jahr 2004 sprach ich im Auftrag der BBC mit Überlebenden des Atombombenabwurfs auf Hiroshima. Viele von ihnen wehrten sich gegen die Einschätzung, die Zerstörung der Stadt im August 1945 hätte irgendwelche traumatischen Folgen bei ihnen gehabt.

Nur zehn Minuten später berichteten dieselben Menschen, dass sie ihre Alpträume mit Alkohol bekämpfen. Oder dass sie mit ihren Enkeln nicht ins Schwimmbad gehen könnten. Die treibenden Körper im Wasser erinnerten sie zu sehr an die Leichen, die sie 1945 gesehen hatten.

Doch möglicherweise zeichnet sich in der japanischen Gesellschaft ein Sinneswandel ab. Nach dem Erdbeben in Kobe berichteten Helfer, manche Betroffene hätten um "kokoro no kea" ("Heilung für das Herz") gebeten. Dieser Begriff hat einige Parallelen zum westlichen Konzept der Behandlung von Traumata.

Der Wiederaufbau in Japan wird ein gigantisches Projekt, er wird Jahre dauern. Diejenigen, die am Schlimmsten betroffen sind, die ihre Freunde, ihre Häuser und ihre Heimat verloren haben, müssen mit einem unvorstellbaren Verlust umgehen, sie müssen ihre Trauer verarbeiten.

Die Renaissance von Hiroshima, heute eine blühende Metropole mit 1,1 Millionen Einwohnern, zeugt jedoch von der japanischen Fähigkeit zur Erneuerung.

Am 9. August 1945 fuhr in Hiroshima wieder eine Straßenbahn. Eisenbahner, Soldaten und Freiwillige hatten ein Ein-Kilometer-Schienenstück wieder hergestellt. Die Atombombenexplosion lag gerade einmal drei Tage zurück.

Gavin Rees ist Direktor des Dart Center for Journalism and Trauma Europe. Der Journalist und Filmemacher hat lange in Japan gelebt und für verschiedene japanische Medien gearbeitet.

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Seite 1
chico 76 23.04.2011
1. Das mag alles
Zitat von sysopErdbeben, Tsunami, Reaktorunglück: Japan erfährt eine Serie unvorstellbarer Katastrophen. Doch die Menschen*klagen nicht, weinen nicht, wirken außergewöhnlich robust. Wie geht das? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,757813,00.html
richtig sein, was da angeführt wird. Eines wurde m.M.vergessen. Japan wird nicht über so hysterische Medien,Journalisten, Reporter verfügen wie wir, die Sensationsheischerei über Fakten stellen. Sogar unsere Katastrophenhelfer wurden damit infiziert. Unter Anderem wegen "Strahlengefahr" haben Sie frühzeitig Japan verlassen.
Ready, 23.04.2011
2. ...
ich kann meinem vorredner nur zustimmen. mich jedenfalls hat das verhalten der japaner nicht im geringsten überrascht, denn hysterie hätte die situation ja nicht besser gemacht. in D haben die menschen einfach zu viele schlechte filme gesehen und zu viele katastrophengeile medien konsumiert, daher überhaupt erst diese verwunderung. es ging ja zeitweise auf keine kuhhaut, wie man es quasi herbeigeredet hat, dass man in japan bitte endlich in telegene panik ausbrechen möge. widerlich das.
eznuk 23.04.2011
3. japan
es ist schon unglaublich was eine erziehung, bzw. kultur mit menschen veranstaltet. ich weiss nicht ob ich respekt haben soll oder lachen oder weinen soll. wenn ich mir das vorstelle wird mir schwindelig....! für mich als west-europäer ist diese einstellung nicht vorstellbar.
Fuinlhach, 23.04.2011
4. nicht schonwieder die Filme...
Zitat von Readyich kann meinem vorredner nur zustimmen. mich jedenfalls hat das verhalten der japaner nicht im geringsten überrascht, denn hysterie hätte die situation ja nicht besser gemacht. in D haben die menschen einfach zu viele schlechte filme gesehen und zu viele katastrophengeile medien konsumiert, daher überhaupt erst diese verwunderung. es ging ja zeitweise auf keine kuhhaut, wie man es quasi herbeigeredet hat, dass man in japan bitte endlich in telegene panik ausbrechen möge. widerlich das.
Mit Verlaub, aber mit schlechten Filmen hat das nichts zu tun. Sie ahnen wahrscheinlich nichteinmal ansatzweise, was für kranke, wahnsinnige, endzeitherbeisehnende, grausame und brutale Filme die Japaner so drehen (oder zeichnen). Ein großteil davon wird hierzulande nie jemand zu Gesicht bekommen. Nicht, weil es SO schlecht wäre, sondern, weil das Zeug schon auf dem Index gelandet ist, als der erste Take genommen oder der erste Pinselstrich vollführt wurde. Denke der Bericht von SpOn ist ziemlich gut recherchiert und trifft den Kern der Sache. Sollten Sie nochmal lesen. Hat nichts mit schlechten Filmen oder medialer Panikmache zu tun.
eznuk 23.04.2011
5. japan
Zitat von Readyich kann meinem vorredner nur zustimmen. mich jedenfalls hat das verhalten der japaner nicht im geringsten überrascht, denn hysterie hätte die situation ja nicht besser gemacht. in D haben die menschen einfach zu viele schlechte filme gesehen und zu viele katastrophengeile medien konsumiert, daher überhaupt erst diese verwunderung. es ging ja zeitweise auf keine kuhhaut, wie man es quasi herbeigeredet hat, dass man in japan bitte endlich in telegene panik ausbrechen möge. widerlich das.
hm, ich finde ihre einstellung ziemlich unverständlich in anbetracht der naturereignisse die sich zugetragen haben. die zurückhaltung der japaner ist in ihrer kultur, und erziehung begründet. ob das positiv in anbetracht der situation ist, wage ich mal zu bezweifeln. ich hoffe es aber!
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