Zwei Jahre nach Fukushima Die strahlengespaltene Stadt

Die japanische Stadt Iwaki ist zwei Jahre nach der Katastrophe von Fukushima zerrissen: in Flüchtlinge und Alteingesessene, Ängstliche und Gelassene. Die sozialen Konflikte wiegen schwerer als die radioaktive Belastung.

Von Heike Sonnberger


Auf dem Weg zur Arbeit kommt Noriko Kubota, 55, jeden Tag an den Siedlungen der Strahlenflüchtlinge vorbei. In Holzhütten wohnen sie und in hellgrauen Boxen, eine exakt wie die andere, nur die Namen an den Türen wechseln. Kubota ist Professorin für Psychologie an der Iwaki Meisei University in der Präfektur Fukushima. Und manche Geschichten, die sich hinter den Türen verbergen, kennt sie gut. Eine handelt von der Hoffnung auf ein neues Leben - und von der Angst vor einem solchen - zwei Jahre nach dem tödlichen Erdbeben und Tsunami vom 11. März und der Atomkatastrophe im 60 Kilometer entfernten Kraftwerk Daiichi.

Kubota arbeitet in einem Therapiezentrum und im vergangenen Sommer bekam sie zum ersten Mal Besuch von einem Ehepaar, Mitte 50, depressiv. Ihr Haus an der Küste hatte der Tsunami weggerissen, ihre Fabrik für Kamaboko, eine Art Kuchen aus püriertem Fischfleisch, auch. "Die Frau wollte gern eine neue Fabrik in Iwaki eröffnen, aber ihr Mann hatte keine Kraft mehr für einen Neustart", sagt Kubota. Einen Job fand er nicht und so lebt das Paar seit Monaten in einer der Flüchtlingssiedlungen von seinen Ersparnissen und weiß nicht, wie es weitergehen soll.

Es ist ein Fall von vielen, der zeigt, wie trostlos die Lage für viele Opfer der Atomkatastrophe immer noch ist. Fast 25.000 Menschen sind vor der radioaktiven Strahlung nach Iwaki geflüchtet. Manche kamen in Mietwohnungen unter, andere in den 3500 engen Behelfshütten, aufgestellt von den Behörden.

"Es herrscht ein Gefühl der Ungleichheit"

Das sorgt in der ehemaligen Bergbaustadt Iwaki mit ihren 330.000 Einwohnern für soziale Spannungen. Wohnraum ist - wie in so vielen japanischen Städten - knapp, die Mieten sind seit der Katastrophe in die Höhe geklettert. Das missfällt der alteingesessenen Bevölkerung von Iwaki, die mit den Flüchtlingen auch um Arbeits- und Parkplätze oder Arzttermine konkurriert.

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Fukushima: Alltag in trostlosen Boxen
"Es herrscht ein Gefühl der Ungleichheit", sagt der Experte für Katastrophenpsychiatrie, Jun Shigemura. Die Evakuierten dürften in den provisorischen Unterkünften wohnen, ohne Miete zu zahlen, viele bekämen zudem Geld vom Energiekonzern Tepco oder der Regierung. Die Behörden haben auch versprochen, richtige Wohnungen für die Flüchtlinge zu bauen, die allerdings auf sich warten lassen. "Unter den Einwohnern kursiert der Verdacht, dass sich die Flüchtlinge auf ihrer Entschädigung ausruhen und gar kein Interesse daran haben, schnell einen Job zu finden." Das Mitleid ist mancherorts in Missgunst umgeschlagen.

Den Menschen, deren Heimat jetzt Sperrgebiet ist, setzt die Unsicherheit zu, wann und ob sie jemals zurückkehren können. "Manche schaffen den Neuanfang nicht", sagt Shigemura. Die Kluft zwischen denen, die in der Vergangenheit verharren und denen, die loslassen können, spalte Gemeinden, Familien, Paare.

Manche Menschen leiden unter der Strahlenangst

Es ist nicht so sehr die Radioaktivität an sich, die das Leben in Iwaki schwer macht. Am Mittwoch überschritt die Strahlung an den meisten der 16 städtischen Messstationen nicht die Werte, die das Bundesamt für Strahlenschutz auch in Bayern misst. In Iwaki lag der Spitzenwert bei 0,26 Mikrosievert po Stunde. An einzelnen Orten der Erde, wie im iranischen Badestädtchen Ramsar, beträgt die natürliche radioaktive Belastung ständig bis zu zehn Mikrosievert pro Stunde.

Weil sie solche Zahlen inzwischen besser einschätzen kann, lebt die Psychologin Kubota ohne Angst in Iwaki. "Ich kaufe auch wieder Gemüse aus Fukushima, weil die Stadtverwaltung die Lebensmittel untersucht. Wenn die Strahlenwerte über der Höchstgrenze liegen, werden die Produkte sofort aus dem Verkehr gezogen." Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet nicht mit einem nennenswert erhöhten Krebsrisiko für die Bewohner von Iwaki und anderen gering belasteten Gegenden in Fukushima.

Doch nicht jeder sieht das so entspannt. "Manche Menschen glauben Politikern, Wissenschaftlern und anderen Autoritäten seit der Katastrophe nichts mehr", sagt Shigemura. Deren Angst vor der Radioaktivität sei unverändert groß und sie fühlten sich unverstanden. Der unterschiedliche Umgang mit dem Thema Strahlung strapaziere Ehen und Freundschaften. Eine weitere Kluft, die die Menschen in Fukushima auseinanderbringt.

Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht

Hinzu kommen akute Gesundheitsprobleme: Ehemalige Bauern, die früher jeden Tag im Feld arbeiteten, sitzen nun ihre Zeit in engen Wohnungen ab. "Die Flüchtlinge bewegen sich nicht mehr so viel wie früher und leiden öfter an Diabetes, Bluthochdruck oder Übergewicht", sagt die Krankenschwester Tomoko Matsumoto. Die Kinder in Fukushima seien die dicksten im ganzen Land, vermutlich weil sie nicht mehr so viel draußen spielen dürften, berichtete das Erziehungsministerium im Dezember.

Dass eine knappe Autostunde weiter nördlich ein verkrüppeltes Atomkraftwerk steht, in dem Tausende Brennstäbe nach wie vor auf ihren Abtransport warten, ist nur eines von vielen Problemen - und im Alltag der Menschen in Iwaki nicht das dringendste. "Wir wissen, dass die Erde wieder beben und noch viel mehr Radioaktivität in die Umwelt gelangen könnte", sagt Kubota. "Weiter im Süden wären wir vielleicht sicher. Aber unsere Arbeit, Freunde, Familie, die sind hier."

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insgesamt 84 Beiträge
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Seite 1
Gort 11.03.2013
1. Was denn...?
---Zitat von SPON--- Am Mittwoch überschritt die Strahlung an den meisten der 16 städtischen Messstationen nicht die Werte, die das Bundesamt für Strahlenschutz auch in Bayern misst. In Iwaki lag der Spitzenwert bei 0,26 Mikrosievert. An einzelnen Orten der Erde, wie im iranischen Badestädtchen Ramsar, beträgt die natürliche radioaktive Belastung ständig zehn Mikrosievert pro Stunde. ---Zitatende--- Sollte die vermeintliche Katastrophe aller Katastrophen, die, wenn man den deutschen Medien und auch SPON glauben wollte, halb Japan zur radioaktiv verseuchten Todeszone gemacht hat, am Ende doch nicht so schlimm gewesen sein?
felisconcolor 11.03.2013
2. Schön
---Zitat--- Es ist nicht so sehr die Radioaktivität an sich, die das Leben in Iwaki schwer macht. Am Mittwoch überschritt die Strahlung an den meisten der 16 städtischen Messstationen nicht die Werte, die das Bundesamt für Strahlenschutz auch in Bayern misst. In Iwaki lag der Spitzenwert bei 0,26 Mikrosievert. An einzelnen Orten der Erde, wie im iranischen Badestädtchen Ramsar, beträgt die natürliche radioaktive Belastung ständig zehn Mikrosievert pro Stunde. ---Zitatende--- das hier endlich auch mal vergleichende Werte veröffentlicht werden. Das wird die ewig gestrigen zwar nicht davon abhalten hier wieder in Tränen auszubrechen. Aber vielleicht zeigt es doch dem einen oder anderen, wie dubiose Vereinigungen mit Werten im natürlichen Bereich Schindluder treiben. Nur um ihre eigenem Ziele (Generierung von Spendengeldern) durch zu setzen. Aufklärung ist ja nicht erwünscht das liesse die Pfründe wie Butter in der Sonne schmelzen. Nur ängstliche Menschen zahlen gut.
kumi-ori 11.03.2013
3. optional
Das ist immer so mit Katastrophen-Opfern. Irgendwann werden sie lästig. Aber sie sollen sich nicht so anstellen. Abe baut neue Atomkraftwerke und Tepco geht es prächtig. Da stören die Strahlenopfer das Bild. außerdem belegen sie die Parkplätze.
EchoRomeo 11.03.2013
4. Ist schon traurig
daß die Japaner weniger Angst von Atom haben als die Deutschen. Liegt wohl daran, daß sie in der Vergangenheit kaum Kontakt mit dem Teufelszeug hatten, vor dem jeder Deutsche Öko-Bio-Anti laut Grünen, Umweltschützern und sonstigen populären Politikern panische Aaaaaangst hat.
Hugo55 11.03.2013
5. Bemerkenswert sachlich
Zitat von sysopDPADie japanische Stadt Iwaki ist zwei Jahre nach der Katastrophe von Fukushima zerrissen: in Flüchtlinge und Alteingesessene, Ängstliche und Gelassene. Die sozialen Konflikte wiegen schwerer als die radioaktive Belastung. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/fukushima-katastrophe-zwietracht-in-iwaki-a-887304.html
- und wie passt das zu der Fukushima-Hysterie in Deutschland?
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