Proteste vor der Fußball-WM Mit Pfeil und Bogen für ein anderes Brasilien

Brasiliens Ureinwohner werden von ihrem Land vertrieben, bedroht und schikaniert. Die Regierung, so sehen sie es, vertritt nicht ihre Interessen, sondern die der Agrarlobby. Jetzt nutzen sie die Fußball-WM für ihre Proteste.

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Hamburg/Brasília - Die Geschichte der Guaraní ist eine Geschichte des Leides. Mehrere Zehntausend Menschen gehören dem indigenen Volk in Brasilien an. Viele sind von ihrem Land vertrieben worden, hausen unter Planen an Straßenrändern oder in zu kleinen Reservaten. Besonders Jugendliche verlieren die Hoffnung auf ein besseres Leben: 72 Guaraní brachten sich im vergangenen Jahr um.

Auch Guaraní sind jetzt zu Protesten in die Hauptstadt Brasília geströmt, so wie die Mitglieder von etwa hundert anderen indigenen Gruppen. Sie wollen für ihr Recht auf Land kämpfen. Am Dienstag haben sie vor dem Parlamentsgebäude demonstriert, mit bemalten Gesichtern und traditionellem Kopfschmuck. Dann eskalierte der Protest. Einige Ureinwohner schossen mit Pfeil und Bogen in Richtung der Polizisten, um eine Straßensperre vor dem WM-Stadion Mané Garrincha aufzubrechen. Die Sicherheitskräfte feuerten Tränengasgranaten ab. Das Fernsehen übertrug live. Die Ausstellung des WM-Pokals vor der Arena musste abgebrochen werden.

Plötzlich sind die Indigenen kein Randphänomen mehr, von dem großen Teil der Gesellschaft belächelt, sie machen Schlagzeilen. Die Regierung hatte schon zuvor befürchtet, dass die Ureinwohner die WM für ihre Proteste nutzen wollen. Auch im vergangenen Jahr organisierten indigene Gruppen Aktionen in großen Städten, etwa Rio de Janeiro. Aber die Copa Mundial verspricht viel Aufmerksamkeit, und die Ureinwohner brauchen die internationale Öffentlichkeit. Dabei geht es den indigenen Gruppen - anders als anderen Aktivisten in Brasilien - nicht etwa um die Kosten des Turniers.

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Proteste in Brasília: Pfeile gegen Tränengas
Es geht um das Land ihrer Vorfahren. Sie fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen und rücksichtslos Holzfällern und Ranchern ausgeliefert. Die Landwirte verteidigen ihre Plantagen auch mit Gewalt, lassen bewaffnete Gruppen patrouillieren und die Ureinwohner einschüchtern. Mehr als 500 Indigene wurden in den vergangenen zehn Jahren in Brasilien ermordet. Ein Jugendlicher wurde im vergangenen Jahr von Farmwächtern erschossen, weil er fischen wollte. Nur selten werden die Täter bestraft.

Dabei hat Brasilien eine fortschrittliche Verfassung, die den traditionellen Lebensstil der Ureinwohner schützt. Sie stellen nur noch 0,26 Prozent der Bevölkerung, doch immerhin leben 305 Stämme in Brasilien. Sie haben das Recht auf jene Gebiete, aus denen sie Jahrzehnte zuvor vertrieben wurden. Doch dort erstrecken sich heute die Soja- und Zuckerrohrplantagen, Rinder weiden auf Feldern.

Die mächtige Agrarindustrie weiß ihren Einfluss auf die Regierung zu nutzen. Sie will künftig mitbestimmen, wo die Grenzen für Reservate gezogen werden, der Kongress berät über eine neue Gesetzesvorlage. Dagegen wollten die Ureinwohner in Brasília protestieren.

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Ureinwohner in Brasilien: Vertrieben, schikaniert, bedroht
Brasilien will wirtschaftlich wachsen, und immer stärker bedroht das den Lebensraum von indigenen Gruppen. Bergbaufirmen gieren nach den Rohstoffen in den Reservaten. Um Strom zu gewinnen, sollen an mehreren Stellen Flüsse aufgestaut und Gebiete geflutet werden. Einer der heftigsten Konflikte tobte um den gigantischen Staudamm Belo Monte im Amazonasgebiet. Die Ureinwohner fühlten sich übergangen. Sie werden ihr Land verlassen müssen.

Sie protestieren auch gegen das Vordringen der Holzfäller, die oft illegal Teile des Regenwaldes roden. Jede Minute wird in Brasilien laut der Umweltschutzorganisation WWF Wald in der Größe von eineinhalb Fußballfeldern zerstört. Ein Gesetz der Rousseff-Regierung aber sieht eine rückwirkende Amnestie für illegale Rodungen vor. Vorgeschriebene Schutzwälder rund um Gewässer sind stark verkleinert worden.

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Selbst im Quartier der deutschen Fußballmannschaft in Santo André im Bundesstaat Bahia ist das Problem ganz nah. In den Bergen hinter dem Ort leben Mitglieder des Stammes der Pataxó in großen Reservaten. Sie kämpfen seit Jahren gegen mehrere Zellulosefirmen, die in der Region riesige Eukalyptusplantagen gepflanzt haben. "Wir sind von ihnen umzingelt", sagte Vizehäuptling Moises Kedure im März zum SPIEGEL. "Sie haben mit ihren Chemikalien unsere Flüsse und Seen verseucht."

Die Proteste der indigenen Völker werden zur WM wohl noch zunehmen, schon für diese Woche haben sie in Brasília weitere Aktionen angekündigt. Präsidentin Dilma Rousseff war am Dienstag ebenfalls in der Hauptstadt und versicherte Unternehmern, es werde kein Chaos im Land geben: "Es geht schließlich um das Image Brasiliens." An die Bevölkerung appellierte sie, die WM "nicht mit der Politik zu vermischen". Dafür ist es jedoch längst zu spät.



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insgesamt 17 Beiträge
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treisernr.1 28.05.2014
1. welches Image
hat den Brasilien?
Dr.Q 28.05.2014
2. wenigstens etwas Positives
Gut, dass wenigstens dieser Teil der brasilianischen Bevoelkerung etwas von der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014 (TM) hat.
labman81 28.05.2014
3. optional
Sieht aus wie in Avatar
Heitgitsche 28.05.2014
4. Überall
Vertriebene Indigene gelten im Zeitalter der Globalisierung überall als Unruhestifter, wenn sie auf ihr Recht auf die angestammte Heimat bestehen.
caledonian2010 28.05.2014
5. passendes Weltbild zum Brutalismus
Zitat von sysopREUTERSBrasiliens Ureinwohner werden von ihrem Land vertrieben, bedroht und schikaniert. Die Regierung, so sehen sie es, vertritt nicht ihre Interessen, sondern die der Agrarlobby. Jetzt nutzen sie die Fußball-WM für ihre Proteste. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/fussball-wm-in-brasilien-proteste-der-ureinwohner-a-972190.html
Zu diesem Thema hat ein leitender Verantwortlicher der wirtschaftlichen Naturerschliessung Brasiliens kürzlich vor laufender Kamera seine Zerstörung untermauernde (atemberaubend einfache und rückständige) Weltsicht geäussert: "Wir Menschen stehen als Krone der Schöpfung über der Natur, unsere Mission ist es diese zu erobern, zu verwerten, zu benutzen." D.h. im Klartext, der Amazonas muss der wirtschaftl. Erschliessung, der Zivilisation weichen. Der Mensch steht nach diesem semi-bäuerlichen Verständnis über dem System Natur und muss es sich aneignen und zwecks wirtschaftlicher Unterwerfung zerstören. Das ist mit Progressivität verwechselter gesellschaftlicher Konsenz in diesem Land. Man zimmert sich das passende Weltbild für diesen Brutalismus zusammen.
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