Acht Hamburger erzählen Genervt vom Gipfel

Hubschrauberlärm und Kehrmaschinen mitten in der Nacht: Für Anwohner ist der G20-Gipfel vor allem lästig. Hier erzählen acht Hamburger, wie sie die Zeit erleben.

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Autos stecken vor gesperrten Straßen oder gleich in der Garage fest, das Knattern der Hubschrauber reißt Menschen aus dem Schlaf: Hamburg ist im Gipfelfieber. Und das stößt vielen Stadtbewohnern bitter auf.

Dass Trump, Putin, Merkel und 16 weitere Staatschefs sich gelegentlich treffen müssen, dafür haben viele Verständnis. Doch fragen sich die Hamburger: Warum hier? Hier erklären acht Menschen, was sie vom Gipfel halten.

Jörg-Martin Adler, 68 Jahre, Leiter eines Heims für Demenzkranke

Jörg-Martin Adler
Chris Grodotzki / jib collective

Jörg-Martin Adler

Ich wohne seit 25 Jahren in Sankt Georg, und so etwas habe ich noch nie erlebt. Am Donnerstagmorgen bin ich um halb vier aufgewacht, weil eine Kehrmaschine in meiner Straße immer hin- und hergefahren ist, eine halbe Stunde lang. Sie hat sehr laut gebrummt. Jetzt ist alles schön sauber. Und sonst? Sonst wird die Straße einmal im Monat gekehrt, das reicht doch.

Im Hotel um die Ecke wohnt Merkel, und die Straße zur Alster ist dicht, wo ich immer mit meinem Hund Charlie spazieren gehe. Die Nachbarn kriegen ihre Autos nicht mehr aus der Tiefgarage. Erst vor zwei Tagen haben wir ein Schreiben von der Polizei bekommen. Darin stand, dass die Straße zugemacht wird, aber wo hätten die Nachbarn ihre Autos denn hinstellen sollen?

Den Austausch auf dem Gipfel halte ich für sehr wichtig, gerade was den paranoiden Trump und Erdogan betrifft. Aber der Ort, der stört mich. Hätte man das nicht auf einem Flugzeugträger im Meer ausrichten können? 20.000 Polizisten sind zu viel, selbst für Hamburg. Ich weiß nicht, was das uns Bürger hier kostet.

Juliane Weiß, 31 Jahre, Bankkauffrau

Juliane Weiß
Chris Grodotzki / jib collective

Juliane Weiß

Ich wohne am Flughafen, und morgens um drei Uhr kreiste ein Hubschrauber über uns, danach lag ich zwei Stunden lang wach. Wenn auf dem Gipfel relevante Dinge entschieden würden, zum Beispiel zu Hungersnöten, könnte ich das verstehen.

Doch so stehen die Kosten in keinem Verhältnis, und die Anwohner und die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen werden überhaupt nicht entschädigt für die Einschränkungen.

Eine Freundin arbeitet in einem Hotel, sie findet das superinteressant, doch es bringt sie auch an ihre Grenzen. Leider darf sie nicht sagen, wer dort übernachtet. Ich möchte übers Wochenende nicht in Hamburg sein. Wir fahren nach Rostock zu meinen Eltern, ich habe mir extra den Freitag freigenommen.

Ingrid Miksch, 77 Jahre, Rentnerin

Ingrid Miksch
Chris Grodotzki / jib collective

Ingrid Miksch

Der Gipfel hat mich bisher nicht eingeschränkt, ich wohne am Mühlenkamp nordöstlich der Alster, dort hatten wir nur etwas mehr Verkehr, weil woanders Straßen gesperrt waren.

Ich kann verstehen, warum der Gipfel in Hamburg stattfindet. In einer Kleinstadt gäbe es vielleicht nicht genug Hotels, um alle Teilnehmer unterzubringen. Und die Leute, die Randale machen, kommen überallhin.

Ich bezweifle aber, dass bei dem Gipfel überhaupt etwas herauskommt, schon gar nicht, wenn Trump dabei ist. Und es kostet so viel Geld, das alles zu organisieren. Von Trump halte ich wenig, der ist ja nicht mal Politiker. Aber ich bin seit 20 Jahren Buddhistin und ich kann nichts daran ändern, dass er hier ist. Also übe ich mich in Gleichmut.

Sabine Sachon, 57, Krankenhaushelferin

Sabine Sachon
Chris Grodotzki / jib collective

Sabine Sachon

Die Presse hat viel Panik verbreitet. Ich arbeite ehrenamtlich in einer Klinik, und ich kenne viele ältere Menschen, die richtig Schiss haben. Ich dachte auch erst, dass ich zwei Tage Hausputz machen muss. Aber dann habe ich Polizisten angesprochen, die an einem Stand am Jungfernstieg über den Gipfel informiert haben. Sie sagten, ich soll mich nicht verrückt machen lassen. Ich habe eher vor Krawallen Angst, nicht vor einem Anschlag. Der IS hat es nicht so auf Politiker abgesehen, die wollen nur möglichst viele Menschen treffen.

Jonathan, 24 Jahre, Feuerwehrmann

Jonathan
Chris Grodotzki / jib collective

Jonathan

Wir sind am Morgen mit dem Auto losgefahren, um zu frühstücken und uns das Gipfelfieber in der Innenstadt anzugucken. Wir sind nur 150 Meter weit gekommen, dann war die Straße dicht. Wir haben gewendet und die Bahn genommen, das ging gut.

Ich bin bei der Berufsfeuerwehr, und für unser Führungspersonal waren die Gipfelvorbereitungen viel Arbeit. Heute habe ich frei, aber am Freitag arbeite ich zwölf Stunden lang auf meiner Wache in Wilhelmsburg. Jede Wache ist voll einsatzbereit.

So eine Stadt wie Hamburg sicher zu machen, das ist ein Albtraum. Es ist gerade in der aktuellen Zeit schon notwendig, dass sich die Spitzen der Weltpolitik zusammensetzen. Aber müssen sie das mitten in einer Großstadt tun?

Ich habe keine Angst, aber es ist ein komisches Gefühl, so viel Polizei und Spezialkräfte zu sehen. Man weiß ja, was in der Welt los ist, und jetzt schaut die ganze Welt auf Hamburg. Einen Anschlag kann ich mir trotzdem nicht vorstellen. Dafür sind die Polizei und die Behörden zu gut vorbereitet. Aber die Krawalle könnten sich über die ganze Stadt ausbreiten, das hat eine ziemliche Dynamik.

Constanze Neuburg, 16 Jahre, macht ein FSJ in einer Behindertenwerkstatt

Constanze Neuburg
Chris Grodotzki / jib collective

Constanze Neuburg

Ich bin megagespannt, was hier passiert. Am Sonntag war ich auf meiner ersten Demo. Ich bin mittags aus der Bahn gestiegen, Musik hat gespielt, ich bekam gleich gute Laune. Ich wollte mal mittendrin sein, das einfach mal spüren und erleben.

Es war sehr, sehr friedvoll, die Menschen waren verdammt zurückhaltend, sie haben gar kein richtiges Zeichen gesetzt, nichts gemeinsam gerufen oder so. Es herrscht so viel Unterdrückung auf der Welt. Allein das Wort "Gipfeltreffen", wie asozial ist das denn?

Emilie Ermler, 18 Jahre, Fundraiserin beim BUND

Emilie Ermler
Chris Grodotzki / jib collective

Emilie Ermler

Ich wohne in Winterhude, drei bis vier Straßen weiter wohnt Trump, zumindest heißt es so. Das macht mir keine Sorgen, denn es sind so viele Polizisten hier. Ich bin dagegen, dass der Gipfel in Hamburg stattfindet, aber ich gehe nicht demonstrieren.

G20 ist eine Machtdemonstration, und die Machthaber wollen, dass wir auf die Straße gehen und dass es zu Krawallen kommt. Wenn man so ein Treffen in einer Stadt wie Hamburg macht, muss das gewollt sein. Und da will ich nicht mitmachen.

Felix, 25 Jahre, Erzieher

G20-Straßenumfrage: Felix
Chris Grodotzki / jib collective

G20-Straßenumfrage: Felix

Am Dienstag war ich auf einer Demo am Neuen Pferdemarkt, es war alles friedlich und entspannt, und dann kam die Polizei in Hundertschaften reinmarschiert und hat die Straße blockiert. Ich war sauer, das war völlig überflüssig, ein reines Machtgeprotze.

Ich wohne in der Schanze, und hier wird es wohl Krawall geben, wie jedes Jahr am ersten Mai. Ich freue mich nicht drauf. Am ersten Mai sind hier 1500 Leute und jetzt 8000, da ist die Eskalation vorprogrammiert.

Ich habe kein Verständnis für den Gipfel. Dass er in Hamburg stattfinden muss, ist reine Provokation. Es ist blödsinnig, eine Stadt völlig umzukrempeln, damit sich hier die Mächtigen treffen können. Die sollen sich in den Alpen auf einem Berg treffen, wo es keinen interessiert.

Wer nimmt sich überhaupt heraus zu entscheiden, wer zu G20 gehört und wer nicht? Und Trump kann sowieso gleich zu Hause bleiben. Austausch ist wichtig, aber nicht hier und nicht nur unter den Mächtigen.



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