Vorbereitung auf G20-Gipfel Festung Hamburg

Die Hamburger Polizei rüstet sich zum größten Einsatz ihrer Geschichte. Wie bereiten sich die Sicherheitskräfte auf den G20-Gipfel vor? Mit welchen Waffen sind die Beamten ausgestattet? Der Überblick.

Polizisten an der Elbphilharmonie in Hamburg
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Polizisten an der Elbphilharmonie in Hamburg


So etwas wie den G20-Gipfel hat es in dieser Dimension inmitten einer dicht besiedelten Großstadt in Deutschland noch nie gegeben: Die Staats- und Regierungschefs mit 6500 Begleitpersonen, Tausende Journalisten, über hunderttausend Demonstranten, dazu eine unbekannte Zahl von gewaltbereiten Störern, vielleicht sogar Terroristen.

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Heft 25/2017
Elbphilharmonie, G-20-Gipfel, Schanzenviertel - Comeback einer Metropole

"Wir kriegen das hin", sagt Hartmut Dudde, als er im Hamburger Polizeipräsidium das Einsatzkonzept für den G20-Gipfel vorstellte.

Aber wie?

  • 38 Quadratkilometer Verbotszone: Wie will die Polizei die Stadt sichern?

Mit einer sogenannten Allgemeinverfügung, die 38 Quadratkilometer zwischen Flughafen und Elbe abdeckt, will die Polizei An- und Abfahrt der Staatsgäste sicherstellen. In diesem Bereich sind keine Demonstrationen erlaubt, die Polizei kann jederzeit Straßen sperren und gegen Versuche vorgehen, Kolonnen aufzuhalten.

Die Alternative wäre nach Auskunft von Polizeipräsident Ralf Meyer gewesen, einen Korridor komplett zu sperren. Das hätte die Stadt faktisch in zwei Teile geteilt.

Dazu gibt es eine "gelbe Zone" rund um die Hamburger Messe, wo der Gipfel stattfindet. Sie darf nur von Anwohnern betreten werden.

  • An allen neuralgischen Punkten: Wie viele Polizisten sind im Einsatz?

Rund 15.000 Polizisten werden während des Gipfels in Hamburg sein. Sie sind überwiegend in Hotels südlich und nördlich der Hansestadt untergebracht, denn fast alle Innenstadthotels sind von Staatsgästen und ihren Delegationen blockiert.

Dazu kommt eine unbekannte Zahl ausländischer Sicherheitskräfte, die den Boden für ihre Staatschefs bereiten. Besonders die US-Amerikaner gelten als anspruchsvoll.

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Seit mehreren Wochen schon sind Polizisten in Zivil an allen neuralgischen Punkten der Stadt auf Posten, insbesondere an der Messe, in den angrenzenden Szenevierteln und der Elbphilharmonie. Sie sollen etwaige Anschlagsvorbereitungen verhindern.

Über 200 unbewaffnete Polizisten, sogenannte Konfliktmanager, versuchen, Anwohnern und Geschäftsleuten die Einschränkungen zu erklären. Zusätzlich hat die Stadt ein Bürgertelefon (08000-428650) eingerichtet.

  • Schlagstock und Maschinenpistole: Wie sind die Polizisten ausgerüstet?

Jeder Polizeibeamte trägt eine Schusswaffe, eine Pistole meistens, etwa SIG Sauer P6, Heckler & Koch P30 oder Walther P99.

Manch alte Kriminalbeamte besitzen sogar noch die James-Bond-Pistole Walther PPK (steht für: Polizei-Pistole Kriminal) oder das ehemals sowjetische Modell Makarow.

Die Maschinenpistole MP5 von Heckler & Koch wird allmählich ersetzt durch das Modell MP7. Es hat eine hohe Durchschlagsleistung bei geringem Rückstoß und eignet sich wegen seiner Zielgenauigkeit und Reichweite für polizeiliche Anti-Terror-Lagen. Auch die GSG 9, die Spezialeinheit der deutschen Bundespolizei, verwendet die MP7.

Jeder Polizist trägt zudem einen Schlagstock und Reizgas bei sich.

Spezialeinheiten haben besondere Ausrüstungen, eine Vielzahl von Pistolen und Revolvern, Blendgranaten, Rammböcken und das Scharfschützengewehr PSG1. Es gilt als eines der präzisesten halb automatischen Gewehre der Welt und ist in der Lage, auf 300 Meter Entfernung 50 Schuss in einen 80-mm-Kreis zu treffen.

Spezialeinheiten werden in der gesamten Innenstadt verteilt und sollen vor allem terroristische Angriffe abwehren. "Die Reaktionszeit wird an jedem Ort deutlich unter einer Minute liegen", kündigt Polizeipräsident Ralf Meyer an.

  • Das Monster gegen atomare Kampfstoffe: Welche Fahrzeuge kommen zum Einsatz?

Survivor heißt die neue Superwaffe der deutschen Polizei, die in Hamburg erstmals zum Großeinsatz kommt. Das Monster von Rheinmetall Defence und der österreichischen Firma Achleitner basiert auf einem MAN-Lkw. Es ist das einzige Polizeifahrzeug, das einem Beschuss mit dem Kriegsgewehr AK47, der Kalaschnikow, standhält.

Es hat einen 6,9-Liter-Dieselmotor, Euro-III-Klasse, mit 330 PS und Allradantrieb. Serienmäßig ist der Survivor mit ABC-Detektoren ausgerüstet, die Belüftungsanlage schützt Insassen gegen atomare, biologische und chemische Kampfstoffe. Zehn Polizisten haben darin Platz, sie können somit auch Verletzte aus Gefahrenzonen retten.

  • 3200 Liter in der Minute: Und die Wasserwerfer?

Mit ihren "WaWe 10000" verfügt die Polizei über die modernsten Wasserwerfer der Welt. Der eine Million Euro teure Koloss muss von fünf Beamten bedient werden. Er ist rund 33 Tonnen schwer, knapp 10 Meter lang, 2,55 Meter breit, 3,70 Meter hoch und 408 PS stark.

Der Wasserstrahl wird per Joystick und Kamera dosiert. "WaWe 10000" kann eine Art Wasserwand formen, hinter der Beamte vorrücken. Der Wagen kann bis zu 3200 Liter in der Minute verschießen - ist dann aber in gut drei Minuten leer.

  • "Teodor" mit Wasserkanone: Sind auch Roboter in der Stadt unterwegs?

Ja, im Notfall. Der Sprengstoffroboter "Telerob Teodor" besitzt einen Greifarm und kann über zwei Kameras per Joystick gesteuert werden. An Bord des 635.000 Euro teuren Gefährts befinden sich ein Röntgen- und ein Metallsuchgerät. Verdächtige Gegenstände kann es mit einer Wasserkanone unschädlich machen.

  • Und sonst so?

Boote, Hubschrauber, Sprengstoffspürgeräte, Stör- und Peilsender, Nachtsichtgeräte, über 150 Hunde, Dutzende Pferde, sogar eine Drohne mit Kameras und allerlei Elektronik an Bord geht in die Luft. Die muss die Polizei aber bei einer Spezialfirma mieten.

  • Bewachung für den Hafen: Kommen auch ausländische Polizisten?

Unterstützung kommt aus den Niederlanden, aus Dänemark und Österreich. Darunter sind auch Spezialeinheiten mit voller Bewaffnung.

Rechtliche Grundlage dafür sind bilaterale Abkommen, wie sie etwa Bayern mit Österreich hat. "Das musste ich auch erst lernen", sagt Einsatzleiter Dudde.

Aus Frankreich kommen sechs Sonderfahrzeuge mit durchsichtigen, schusssicheren Mauern, die schnell an jeden Ort gebracht werden können. Niederländische Einheiten bringen eigene Boote mit, sie werden unter anderem den Hafen bewachen.

  • Wann beginnt der Einsatz?

Am Donnerstag geht die Polizei von der Planungs- in die Einsatzphase. Grund ist die erste Demonstration gegen die Gefangenensammelstelle (in einem ehemaligen Großmarkt) südlich der Elbe am Wochenende. Dann nimmt der Führungsstab seine Arbeit auf, die erst nach dem Gipfel beendet sein wird.

Die Hamburger Polizei plant, bis zu 150 festgenommene Demonstranten in dem 11.500 Quadratmeter großen Gebäude unterzubringen. Für sie sollen Einzelzellen bereit stehen.

  • Unwägbare Größen: Was fürchtet die Polizei am meisten?

Am gefährlichsten sind für die Polizei spontane oder nicht vorhersehbare Ereignisse, etwa gewalttätige Aktionen wie bei den Demonstrationen gegen die Europäische Zentralbank 2015 in Frankfurt. Für den G20 stellen zudem türkische Linksextremisten oder PKK-Anhänger eine unwägbare Größe dar.

  • Friedlich oder militant: Welche Demonstrationen wird es geben?

Bislang sind 27 Demonstrationen und Veranstaltungen gegen den Gipfel angemeldet, die meisten davon sind friedlich angelegt.

Nach Einschätzung von Experten hat der G20 aber erstmals seit langer Zeit das Potenzial, militanten Linken, Autonomen und Anarchisten in ganz Europa ein gemeinsames Thema zu bieten.

Seit Monaten mobilisieren autonome und antikapitalistische Gruppen, darunter auch aus dem autonomen Zentrum Rote Flora im an den Tagungsort angrenzenden Schanzenviertel. Sie üben taktisches Demoverhalten, Anti-Blockadetraining und sammeln Geld, damit auch griechische, italienische oder spanische G20-Gegner nach Hamburg kommen können.

Im Internet mahnten sie bereits, militante G20-Gegner sollten Waffen und andere Gegenstände zu Hause lassen, um nicht bei Grenzkontrollen aufzufallen: "Hamburg ist eine Großstadt, da könnt ihr alles besorgen."

Mögliche Konfrontationen befürchtet die Polizei etwa am 5. Juli beim "Nachttanz" von Altona nach St. Pauli, am 6. Juli bei der "autonomen antikapitalistischen Demo" unter dem Motto "G20 - welcome to hell", die um 16 Uhr am Hamburger Fischmarkt beginnt, und am 7. Juli bei "G20 entern - Kapitalismus versenken", Beginn 20 Uhr Reeperbahn.

Auch im Anschluss an die Großdemo "Grenzenlose Solidarität statt G20" am 8. Juli könnte es zu Ausschreitungen kommen, heißt es.

  • Andrang am Airport: Wann kommen die Gäste?

Die meisten Regierungschefs und Staatspräsidenten werden nur am 7. und 8. Juli in Hamburg sein. Ihre vielen Flugzeuge passen nicht auf den relativ kleinen Hamburger Airport.

Sobald die Passagiere ausgestiegen sind, fliegen die Maschinen nach Lübeck, Bremen oder Hannover zum Parken. Der normale Flugverkehr soll nicht beeinträchtigt werden.

  • Merkel im Kempinski, Saudis im Westin: Wo nächtigen die Mächtigen?

Wo US-Präsident Donald Trump wohnt, ist noch unklar. Zur Debatte stehen das Gästehaus des Senats an der Außenalster, das Vier-Jahreszeiten-Hotel an der Binnenalster oder das nahe gelegene Side-Hotel. Gegen das Gästehaus hatten Trumps Sicherheitsleute zunächst Bedenken geäußert, weil es angeblich keine schusssicheren Fenster hat. Das dürfte für die meisten Hotels ebenso zutreffen.

Wladimir Putin und Kanadas Premier Justin Trudeau nächtigen im Hyatt an der Mönckebergstraße, in dessen Komplex sich auch das historische Levantehaus befindet. Die Geschäfte werden geschlossen. Die Präsidentensuite im Hyatt ist 231 Quadratmeter groß, hat ein Wohnzimmer mit Klavier und Kamin sowie ein Badezimmer mit Whirlpool und Sauna.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan steigt mit seiner Delegation nahe der Alster ab, im Sofitel am Alten Wall.

Angela Merkel hat im Atlantic Kempinski an der Außenalster reserviert. Prominenter Mitbewohner der Kanzlerin: Udo Lindenberg, der seit den Neunzigern im "weißen Schloss an der Alster" residiert und dessen "Likörelle" (mit Likör gemalte Bilder) das Restaurant schmücken.

Die chinesische Delegation hat sich das Grand Élysée an der Rothenbaumchaussee ausgesucht, in dem 17 schallisolierte Suiten für prominente Gäste bereitstehen.

An die Elbphilharmonie zieht es die Mächtigen aus Saudi-Arabien. Sie schlafen im Westin. Hoffentlich fühlen sich die Scheichs in dem im November 2016 eröffneten Luxushotel wohl. Die Kritiken im Internet sind für ein Haus dieser Klasse nämlich eher durchwachsen, das "Hamburger Abendblatt" berichtet über viele negative Rezensionen: "Leider war das Zimmer sehr verdreckt: Spinnweben, ungesäuberte Fenster (innen), Kalkflecken und dreckige Abflüsse", schreibt zum Beispiel ein Gast. Die Suiten der Saudis erfahren aber sicher vorher eine Grundreinigung.


Dieser Text erschien zuerst bei SPIEGEL DAILY, der smarten Abendzeitung (hier geht es zur aktuellen Ausgabe).

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insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
grasshopper69 19.06.2017
1. Ausrüstung
Lieber Spiegel, sehr gut, dass ihr so ausführlich die Ausrüstung und Strategie der Polizei beschreibt. Was denkt ihr euch eigentlich dabei? Was soll so ein Artikel bewirken? Sicherheit bei den Bürgern oder Information für Trittbrettfahrer? Das ist eigentlich eher Boulevard-Milieu, einen anderen Sinn kann ich bei so einem Artikel nicht erkennen.
Flugzeugfreak1 19.06.2017
2. Das nächste Mal nicht in Hamburg
sondern auf Juist. Braucht nur zwei Schiffe mit Radar und vielleicht ein paar Polizisten.
lupenreinerdemokrat 19.06.2017
3.
Wie man sieht, lässt sich der Staatsapparat die Sicherheit der "Eliten" etwas kosten - zumindest so lange es nicht das Geld der "Eliten", sondern das der Steuerzahler ist.... Wenn es um die Sicherheit des Stimmviehs hingegen geht - *hüstel* - wir müssen sparen. Am besten jede zweite Stelle bei der Polizei abbauen und ein paar Betonklötze und abgestellte Busse sind viel zu viel Aufwand bei Großveranstaltungen...
OliverKaiser 19.06.2017
4. Chicago der 20 Jahre
Irgendwie erinnert mich das daran als ob sich die Mafia Bosse treffen würden und die Regionen neue aufteilen. Wozu brauchen demokratisch gewählte Politiker die sich für das Wohl Ihrer Bürger einsetzten eigentlich so einen Schutz?
krustentier120 19.06.2017
5. Kosten?
Ich hab noch in keinem Artikel gelesen, was uns Hamburger der Spaß kosten wird. Können wir die Wahrheit nicht ertragen? Und "sogar eine Drohne mit Kameras und allerlei Elektronik an Bord" dürfte mit Abstand das billisgte bei diesem Aufgebot sein.
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