G20-Krawalle "Die Schanze wurde geopfert"

Oliver Hörr lebt und arbeitet im Hamburger Schanzenviertel. Bei den G20-Krawallen wurden die Scheiben seiner Bar eingeworfen. Im Interview wirft er Politik und Polizei Versagen vor.

Der Saal II in Hamburg. Die zerstörten Scheiben sind auf der anderen Seite des Gebäudes.
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Der Saal II in Hamburg. Die zerstörten Scheiben sind auf der anderen Seite des Gebäudes.

Ein Interview von


Zur Person
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    Oliver Hörr, 49, hat seit 23 Jahren seine Bar im Hamburger Schanzenviertel. Ausschreitungen gab es hier schon häufiger, aber so heftige Krawalle wie zum G20-Gipfel hat er noch nie erlebt.

Oliver Hörr hat seine Bar im Hamburger Schanzenviertel fast so lange wie die Rote Flora besetzt ist. Nach der schweren Krawallnacht macht der Gastronom seinen Nachbarn im linksalternativen Kulturzentrum keine Vorwürfe. Seiner Ansicht nach hätten Polizei und Politik auf ganzer Linie versagt. Seinen Frust darüber brachte er in einem Facebook-Post zum Ausdruck:

Hörr ärgert besonders, dass die Polizei mehrere Stunden nicht eingeschritten ist und sein Viertel während der Randale sich selbst überlassen wurde. Er ist der Meinung, es hätte andere Zufahrtswege in die besetzten Gebiete gegeben, wenn man denn gewollt hätte. Außerdem ärgert ihn der, seiner Meinung nach, unsouveräne Umgang der Behörde mit den Betroffenen.

SPIEGEL ONLINE: Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz meinte im Vorfeld, die Hamburger würden vom G20-Gipfel weit weniger mitbekommen als befürchtet. Wie haben Sie das erlebt?

Oliver Hörr: Wir haben darüber gelacht, weil klar war, dass es so nicht passieren wird. So eine Veranstaltung direkt am Schanzen- und Karoviertel ergibt ein tierisches Stresspotenzial. Es wurde ja auch die ganze Innenstadt hermetisch abgeriegelt. Das hatte nichts mit dem kleinen Volksfest zu tun, als das es verkauft wurde.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Bar wurde auch angegriffen. Was ist alles zerstört worden?

Hörr: Hier sind nur Scheiben kaputtgegangen. Wir sind froh, dass der Laden nicht geplündert worden ist. Aber das ist auch nicht der Punkt dabei.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Hörr: Hier war keine Polizei. Das Viertel war für dreieinhalb Stunden komplett auf sich allein gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Polizei gerufen?

Hörr: Ja. Anfangs hieß es, die Situation wäre unter Kontrolle. Da brannten schon die Barrikaden. Nach dem zehnten Mal habe ich es dann sein lassen. Es hieß immer nur, wir leiten es an die Einsatzkräfte weiter, gekommen ist niemand.

SPIEGEL ONLINE: Beziehungsweise erst viel später.

Hörr: Als die Polizei die Politikerkolonnen zurück ins Hotel geleitet hatte, ging sie dann ja auch rein ins Viertel. Es geht hier aber nicht nur um die Spezialkräfte, man hätte auch von der anderen Seite ins Schulterblatt reinfahren können. Zumal man hätte wissen müssen, dass es nach der überstürzten Auflösung der "Welcome to Hell"-Demo im Viertel knallen wird. Dazu muss man nicht besonders schlau sein.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Polizei Sie im Vorfeld gewarnt?

Hörr: Nein, ich hatte selbst an die Polizei geschrieben und darauf hingewiesen, was passieren würde. Auch, weil ich keine Lust hatte, meinen Laden vier Tage zu bewachen. Daraufhin bekam ich eine Mail von der Polizei, in der stand, ich solle davon ausgehen, sie würde das Objekt beschützen, sollte ein sicherungswerter Zustand eintreten.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist der Schaden?

Hörr: Der Sachschaden liegt geschätzt bei rund zweitausend Euro. Dazu kommen vier Tage Einnahmeausfall. Menschen, die sich durch so einen Job finanzieren, fehlen vier Tage Einkommen.

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Randale bei G20-Gipfel: Spur der Verwüstung

SPIEGEL ONLINE: Die Bundeskanzlerin hat eine Entschädigung in Aussicht gestellt.

Hörr: Da bin ich gespannt, ob es dann tatsächlich so kommt und wie lange das dauert.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Bar liegt neben der Roten Flora. Manche geben den Betreibern des autonomen Zentrums eine Mitschuld. Kam mal jemand von der Flora vorbei und hat sich entschuldigt?

Hörr: Von der Flora war noch niemand hier, das erwarte ich aber auch nicht. Ich schiebe das nicht den Leuten dort in die Schuhe. Es war nicht die Flora, die mir die Scheiben eingeschmissen hat. Man könnte sich ja auch mal fragen, wieso die Schulterblatt-Wochenendpartypeople so durchgeknallt sind. Für die war es dann ein Event.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie erwartet, dass sich Olaf Scholz hier mal blicken lässt?

Hörr: Wenn er sich das getraut hätte, wäre es ja lustig gewesen. Generell jemand. Katharina Fegebank (Zweite Bürgermeisterin, Anm. d. Red.) war am Sonntag hier - als alles vorbei war. Das finde ich schwach. Ich hätte das gleich am nächsten Morgen erwartet.

SPIEGEL ONLINE: Sollte Olaf Scholz zurücktreten?

Hörr: Moralisch wäre das sicher richtig. Viele hier im Viertel hatten das Gefühl, die Schanze wurde geopfert, damit der Gipfel ruhig ablaufen kann.



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