G20-Krawalle Selfie vor Krawallkulisse

Ein bizarr anmutendes Foto kursiert bei Twitter: Es zeigt einen Mann, der sich vor dem Lagerfeuer der Randalierer im Schanzenviertel inszeniert. Die Nutzer diskutieren, was es damit auf sich hat - und ob das noch Kapitalismuskritik ist.

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Tag eins des G20-Treffens in Hamburg: Im Messezentrum treffen sich die Mächtigen der Welt. Einen Kilometer Luftlinie entfernt toben sich Randalierer im Schanzenviertel aus. Bereits am Vorabend hatte es in dem Stadtteil schwere Krawalle gegeben. Es ist eine komische Stimmung in der Straße Schulterblatt, Hipster-Flaniermeile und Adresse des linksautonomen Zentrums Rote Flora: Zahlreiche Schaulustige verfolgen interessiert, wie in schwarz gekleidete, teilweise vermummte Männer Mülltonnen und Unrat auf der Straße anhäufen und in Brand stecken. Ein Hauch von Anarchie und der Duft von verschmortem Plastik liegen in der Luft.

Berührungsängste gibt es kaum, die Bewohner des linksalternativ geprägten Viertels sind einiges gewohnt. Ähnliche Szenen haben sich in der Vergangenheit schon häufiger abgespielt. Zum 1. Mai wird hier gefeiert und demoliert, bis die Polizei mit Wasserwerfern anrückt. Vielleicht ist es auch so zu erklären, dass zahlreiche der zumindest nicht direkt am Geschehen Beteiligten die Gelegenheit für ein Erinnerungsfoto nutzen. "Pic or it didn't happen" lautet die Devise. Eines der unzähligen Bilder dieses Abends, der sich später noch zu einem wahren Albtraum für die Sicherheitsbehörden entwickeln wird, macht besonders die Runde.

G20 Krawallen Selfie
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G20 Krawallen Selfie

Gemacht hat es ein österreichischer Journalist, der beruflich in der Schanze unterwegs war. Es zeigt einen jungen Mann, der sich mit seinem iPhone vor dem Lagerfeuer der Kapitalismusgegner fotografiert. Ein Selfie, wie es an diesem Abend noch mehrere Personen machen werden. Doch keines wird so häufig geteilt wie das Selbstporträt des jungen Mannes: Mehrere Tausend Mal wurde es bei Twitter geteilt. Neben der naheliegenden Diskussion, was dieses Dokument über den Protest und die Beteiligten aussagt, beschäftigt die Nutzer vor allem die Frage, ob das Bild überhaupt echt oder doch ein Fake ist.

Krawalle als Kulisse

Der Urheber des bizarr anmutenden Bildes, der namentlich nicht genannt werden möchte, aber der Redaktion bekannt ist, bestreitet, dass es sich um eine Fälschung handelt. Ihm ist außerdem wichtig zu betonen, dass der Mann auf dem Foto sich nicht an Sachbeschädigungen beteiligt und auch keine Gegenstände ins Feuer geworfen habe.

Eine Prüfung der Metadaten des Bildes deckt sich mit den Angaben des Fotografen zum Entstehungszeitpunkt und Aufnahmeort. Eine einfache fotoforensische Analyse unserer Bildredaktion liefert keine Anhaltspunkte für eine Manipulation. Bei Twitter melden sich Personen zu Wort, die die Szene mit eigenen Augen gesehen haben wollen. SPIEGEL-ONLINE-Reporter, die vor Ort waren, haben ähnliche Beobachtungen gemacht.

Die Ausschreitungen rund um das Schanzenviertel dürften zu den am besten dokumentierten seit Langem gehören. Allein am Freitagabend wurden in den sozialen Netzwerken Hunderte Bilder und Videos aus dem Schanzenviertel veröffentlicht. Dazu kamen etliche Livestreams. So viele, dass sich die Polizei am Ende genötigt sah, per Twitter dazu aufzurufen, keine Bilder mehr zu senden, da ansonsten die Gesundheit der Einsatzkräfte und Erfolg der zu diesem Zeitpunkt vorbereiteten Räumung gefährdet sei:

Am Ende brauchte es reichlich Tränengas, Tausende Liter Wasser für die Wasserwerfer und ein schwer bewaffnetes Sondereinsatzkommando aus Erfurt, um die Unruhestifter zu vertreiben und die Lage wieder einigermaßen unter Kontrolle zu bringen. Der Einsatz wurde auch dadurch erschwert, dass kaum jemand der Aufforderung der Polizei nachkam, den Ort zu verlassen und die Randalierer so zu isolieren.

"Einsatzkräfte gehen gegen Störer in der Straße Schulterblatt vor. Dringende Empfehlung: Unbeteiligte sollten sich entfernen", mahnte die Polizei mehrmals. Vergeblich. Es mussten anscheinend erst noch Fotos gemacht werden. Um 1.24 Uhr gab die Einsatzleitung eine erste, vorsichtige Entwarnung. Sechs Stunden später waren die ersten Neugierigen schon wieder vor Ort - Fotos machen.



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