Nach Gewalt bei G20 Ulla, das Auto ist für dich - und Elvis auch

G20 in Hamburg war Weltpolitik, Gewaltexzess, Entsetzen und Wut. Im Großen. Im Kleinen gab es Geschichten wie die von der Rentnerin Ulla Mazkouri, arm und gehbehindert, deren Auto abgefackelt wurde. Zumindest die hat ein Happy-End.

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Von und , Hambergen


Ulla Mazkouri nimmt lieber nichts von dem Karottenkuchen. Sie sitzt in einem grauen Golf, ihr Sohn Pascal fährt mit ihr durch Niedersachsen. Die vier Kuchenstücke liegen auf der Rückbank, in einer Tupperbox neben ihr. Sie sehen saftig aus. Doch die 73-Jährige kann jetzt nichts essen, sie ist zu aufgeregt. Ulla Mazkouri, Pullover, Weste, bequeme Sportschuhe, holt gleich ihr neues Auto ab.

Sie hatte vorher einen Wagen. Doch von dem ist nichts mehr übrig. Unbekannte fackelten den Audi während der Ausschreitungen beim G20-Gipfel im Juli ab. Mazkouri, die von einer kleinen Rente lebt, wurde zum Symbol. "Sie sind das Gesicht der G20-Geschädigten", sagte ein Journalist zu ihr.

Dass ihre Geschichte um die Welt gehen würde, hätte Mazkouri nie gedacht. Damals, als ihr Wagen vor dem Seniorenheim zu Schlacke verbrannte, dachte sie nur: "Das muss publik werden, weil es so sinnlos ist." Also erzählte sie ihre Geschichte, und verschiedene Medien berichteten, auch SPIEGEL ONLINE.

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Nach Spendenaktion: Frau Mazkouri holt ihr Auto ab

Am Donnerstag vor dem Gipfel klingelte es gegen 22 Uhr an ihrer Tür. Eine Polizistin sagte ihr: "Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Auto abgebrannt ist." Mazkouri war fassungslos. Ihr Sohn hatte das Unfallauto zuvor monatelang hergerichtet. Sie fuhr damit einkaufen oder nahm die anderen Senioren mit in den Zirkus. Lange Wege geht sie mit Krücken, das Auto war ihr "Sessel auf Rädern", sagt sie.

Eine Freundin der Familie startete eine Petition, um Geld für Mazkouri zu sammeln. 4000 Euro waren das Ziel. Nach den ersten Medienberichten kam immer mehr Geld, 7000, 9000, 11.000 Euro. "Es hörte nicht auf", sagt ihr Sohn Pascal. Am Ende wurden es 15.000 Euro.

Mazkouri hat erst mal gar nicht verstanden, was da passiert. "Meinen die wirklich mich?". Es kamen Spenden aus Lima, Ohio und Taiwan. Sie hatte das Gefühl, dass ihr das gar nicht zustand.

Als die 4000 Euro längst erreicht waren, schrieb einer neben seine Spende, dass sie sich doch ein gutes Auto kaufen solle. "Ich hatte ja vorher immer so Abstiegsautos", sagt Mazkouri. Sie muss jetzt weinen. "Dass die Leute mir das gönnen, das tröstet und freut mich unglaublich."

"U" und "P" für Ulla und Pascal

Ihr Sohn Pascal biegt ab. Nach eineinhalb Stunden Fahrt sind sie angekommen in Hambergen, einer Gemeinde im Landkreis Osterholz in Niedersachsen. Dort, in einem Autohaus, das umgeben von Birken im Nirgendwo steht, wartet Mazkouris neuer Wagen.

Sie und ihr Sohn steigen aus. Pascal hat schon 1500 Euro angezahlt, den Rest des Preises hat er in einen weißen Umschlag gesteckt: 8000 Euro, in Hundertern und Fünfzigern. Der Autohändler wartet schon, zählt das Geld und drückt Ulla Mazkouri den Schlüssel in die Hand. Zu dritt gehen sie nach draußen. Dort steht er: ein Mitsubishi Space Star. Klein und grau, ein Jahr alt, elftausend Kilometer.

Der Händler bringt die Kennzeichen an, darauf ein "U" und ein "P" für Ulla und Pascal. Die beiden stehen vor dem Wagen. Dann nimmt Pascal seine Mutter in den Arm. Sie drücken sich lange, Pascal wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. "Ist ja auch ergreifend", sagt Ulla Mazkouri. Dann blickt sie auf den Wagen. "Ist er nicht knuffig?"

Ulla und Pascal Mazkouri
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Ulla und Pascal Mazkouri

Pascal holt einen Jutebeutel, darin eine Box mit fünf Elvis-CDs. Ihre Sammlung verbrannte damals ebenfalls im Auto. Ulla Mazkouri will bei ihrer ersten Fahrt "Long Black Limousine" hören. "Das ist Blues. Das ist, als würdest du durch New Orleans gehen", sagt sie. Dann setzt sie sich ans Steuer, es kann losgehen.

Manchmal, erzählt Mazkouri auf dem Rückweg, fuhr sie mit ihrem alten Auto an die Elbe. Sie blieb im Wagen sitzen, guckte auf das Wasser und hörte Musik, ganz laut. Ihr Sohn hat die Anlage des Mitsubishi extra getestet, so laut aufgedreht, dass der Händler zusammenzuckte.

Ulla Mazkouri kann sich nicht mehr an ihren letzten Urlaub erinnern. Die gelernte Erzieherin lebt von einer kleinen Rente. Doch jetzt, mit einem Teil der Spenden, will sie in den Urlaub fahren. Sie weiß noch nicht, wohin. "Das muss reifen, so wie mit dem Auto." Sie brauchte Monate, bis sie sich zum Kauf durchringen konnte, der Brandanschlag brachte sie durcheinander. "Sie war wie gelöscht", sagt Pascal. Außerdem kam ihr die zweite Hüft-OP dazwischen, die erst mal verheilen musste.

"Sind Sie die Frau mit dem Auto?"

Und los geht's
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Und los geht's

Mazkouri weiß, dass aus ihrem Pech ein großes Glück wurde. Einmal stand ein Mann vor ihrer Tür. Er fragte: "Sind Sie die Frau mit dem Auto?" Dann drückt er ihr die Elvis-Sammlung seines Vaters in die Hand. "Er will, dass Sie das bekommen."

Der Bund und Hamburg haben einen Härtefallfonds für die Schäden nach den G20-Krawallen aufgesetzt. Man ersetzte Mazkouri die Brille und die Elvis-Sammlung, beides war im Wagen verbrannt. Die Versicherung zahlte außerdem 2500 Euro für den abgebrannten Audi. Mit dem Geld zahlte Mazkouris Sohn Pascal Schulden ab, die er bei einer Werkstatt für die Reparatur des Autos aufgenommen hatte, wie er erzählt.

Ulla Mazkouri weiß auch, dass es nicht jedem so erging wie ihr. Deswegen will sie einen Teil des Geldes spenden. Das Fahrrad eines Nachbarn wurde bei den Krawallen ebenfalls abgefackelt, er bekommt 150 Euro. Und 500 Euro will sie den Segelrebellen geben. Das gemeinnützige Unternehmen hilft krebskranken Kindern. Krebs hatte sie auch, er wucherte in ihrer Brust. Und Kinder mag die gelernte Erzieherin, Mutter von vier Jungs, sowieso.

Nach der Fahrt steigt sie aus dem Wagen. An die Automatik muss sie sich noch gewöhnen. Aber die Sitzheizung! "Köstlich, gerade bei diesem Wetter, wenn man klamm ist wie ein Reptil." Sie steht vor dem Mitsubishi, guckt zu ihrem Sohn Pascal. "Tolles Gefühl, da ruckelt nichts", sagt sie. "Jetzt habe ich ein Auto."

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