Gaffer bei Suizidversuch "Uraltes menschliches Verhalten"

Dutzende Schaulustige versammelten sich, als ein Mann in Baden-Baden drohte, vom Dach zu springen. Es gab sogar Rufe, die ihn zum Suizid aufforderten. Wie lässt sich dieses Verhalten erklären?

imago/ Reichwein

Ein Interview von Eva Gemmer


Ein Mann steht auf dem Vordach eines Hotels und will sich offenbar hinabstürzen. Unten versammeln sich gut 50 Schaulustige, einige filmen die Szene mit ihrem Smartphone. Vereinzelt wird der Mann gar durch Rufe und Gesten aufgefordert zu springen.

Als die Polizei vor dem Hotel eintrifft, wird sie von aufgeregten Passanten in Empfang genommen, die sich vor allem über einen Rufer echauffieren. Später habe ein Beamter vor Ort selbst Rufe gehört, teilt die Pressestelle der Polizei Offenburg mit. "Spring doch", habe einer der Schaulustigen sinngemäß gerufen und seine Worte mit Bewegungen untermalt, als würde er von einem Sprungbrett springen.

Der Vorfall ereignete sich am Montagabend in Baden-Baden. Die Polizei konnte den Mann vom Dach retten. Sie gab anschließend eine Pressemitteilung heraus, in der sie ihr Entsetzen über das "beschämende Verhalten" zahlreicher Passanten kundtat.

Auch in unseren Leserzuschriften und in den sozialen Netzwerken stieß der Bericht auf Wut und Unverständnis. Als "unfassbar", "widerwärtig" und "menschenverachtend" wurde die Szene unter anderem bezeichnet.

Viele fragten sich: Warum machen Menschen so etwas? Und was macht das mit einem Menschen, der in so einer Situation überlegt, sich das Leben zu nehmen? Professor Manfred Wolfersdorf gibt Antworten.

Zur Person
  • Manfred Wolfersdorf, Jahrgang 1948, ist Leiter des Referats Suizidologie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Er war Mitbegründer und Leiter der Weißenauer Depressions-Station und anschließend Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Bayreuth und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik Bayreuth. 2016 ging er in den Ruhestand.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen das Gaffer-Phänomen in solchen Situationen bekannt?

Manfred Wolfersdorf: Dass Menschen andere dazu auffordern, in den Tod zu springen, scheint mir einerseits ein modernes Phänomen zu sein. In früheren Berichten über suizidale Handlungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert findet sich das relativ selten. Andererseits habe ich schon vor 30 Jahren selbst erlebt, dass ein Suizident auf einer Dachkante stand und die Leute unten geschrien haben "Spring doch". Sich am Leid anderer zu ergötzen, ist ein uraltes menschliches Verhalten.

SPIEGEL ONLINE: Was bewegt Menschen, so etwas zu tun?

Wolfersdorf: Zwischen Gaffen, Filmen und Aufforderung zum Sprung liegt meiner Meinung nach ein großer Unterschied. Viel mehr Menschen geben der Verführung nach, zu schauen, was los ist. Selbst aktiv werden aber nur wenige. Was die dann bewegt, ist schwer zu sagen. Die "Geilheit der Situation"? Die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen auf Leben und Tod? Allmachtsfantasien? Vielleicht auch der abgewendete Ausdruck der Angst vor der eigenen Suizidalität. Da kommt vieles zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Was für einen Einfluss hat die Aufmerksamkeit der Schaulustigen auf den Suizidenten in diesem Moment?

Wolfersdorf: Was den Mann auf dem Dach bewegt, wenn da unten wie im Circus Maximus der Daumen nach unten geht und alle schreien, ist schwierig psychologisch darzustellen. Das kann natürlich ein massiver Schub sein. Wenn sich derjenige denkt: "Alle wollen sowieso, dass ich sterbe", dann ist das letztlich eine Form von Suizidförderung, die nicht zu tolerieren ist. Wichtig wäre in diesem Moment, dem Suizidenten klarzumachen, dass der Suizid keine Lösung eines Problems, sondern nur die Beendigung einer Situation ist.

SPIEGEL ONLINE: Kann ein Suizidversuch auch ein "Schrei nach Aufmerksamkeit" sein und deshalb bewusst in die Öffentlichkeit verlegt werden?

Wolfersdorf: Wer suizidale Handlungen in die Öffentlichkeit bringt, macht zwei Dinge: Zum einen hat er eine narzisstische Komponente dabei. Zum anderen provoziert er auch Ablehnung beim Publikum. Und das wäre, psychologisch gesehen, natürlich auch eine Erklärung, warum das Publikum ablehnend reagiert: Die Aggression in dieser öffentlichen suizidalen Handlung wird gewissermaßen vom Publikum zurückgegeben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte man sich als Passant in einer solchen Situation verhalten?

Wolfersdorf: Als Erstes sollte man Hilfe holen - und zwar von denjenigen, die in unserem System für sowas zuständig sind, das ist hier zunächst die Polizei. Ich wage zu bezweifeln, dass man als Einzelperson in der Lage ist, eine sich ansammelnde Menge an Schaulustigen zu zerstreuen. In erster Linie würde ich mich deshalb orientieren und dann sofort die Polizei anrufen und das Feld den Beamten überlassen.



insgesamt 44 Beiträge
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henrikb1 05.08.2017
1. Leute, die ...
... einen Suizidgefaehrdeten auch noch ermuntern "Spring doch !" gehoeren meiner Meinung nach sehr hart bestraft ! Sowas ist kein Kavaliersdelikt. MfG
Osservatore 05.08.2017
2. Es stinkt...
Die Verrohung der Menschen wird vom herrschenden Neoliberalismus aktiv vorangetrieben: Jeder gegen jeden, alle gegen einen. Es stinkt mittlerweile gewaltig...
isar56 05.08.2017
3. Als neugieriger Mensch
bleibt mir die Gafferei bei Unfällen oder angekündigtem Suizid ein Rätsel. Wer will Menschen von Dächern oder Brücken springen sehen oder schwerverletzte, blutende Menschen? Idioten. Da fehlt es an jeglicher Empathie und Sozialkompetenz, bei Jenen die zudem Rettungsmannschaften behindern mag ich nicht mal mehr den Kopf schütteln.
curiosus_ 05.08.2017
4. Das...
---Zitat von Wolfersdorf--- Zum anderen provoziert er auch Ablehnung beim Publikum. Und das wäre, psychologisch gesehen, natürlich auch eine Erklärung, warum das Publikum ablehnend reagiert: Die Aggression in dieser öffentlichen suizidalen Handlung wird gewissermaßen vom Publikum zurückgegeben. ---Zitatende--- Ist wohl der Hauptgrund. Der potentielle Selbstmörder will die Öffentlichkeit bestrafen ("seht her zu was ihr mich gebracht habt") - und die Öffentlichkeit lässt das ins Leere laufen indem sie ihm zeigt, dass sie die Strafe nicht annimmt. Was vielleicht sogar bei dem potentiellen Selbstmörder Einsicht in die Nutzlosigkeit seines Tuns fördert. Würden sie versuchen ihn von seinem Tun abzubringen könnte das eventuell sogar noch bestätigend auf ihn wirken ("Ich habe Macht über Sie, kann in ihnen Schuldgefühle hervorrufen"). Wenn er dann doch springt sind die Rufer aber höchstwahrscheinlich doch betroffen.
quintino 05.08.2017
5. Danke für diese Nachbereitung
Hatte nach Erscheinen der Suizidgaffer-Meldung schon im Netz nach Erklärungen für dieses abartige Verhalten - insbesondere das Auffordern - gesucht. Ich wurde nicht fündig und bin dankbar, dass SPON diese Meldung hier nochmals nachbereitet. Leider hat Herr Wolfersdorf hierfür auch nur Mutmaßungen und weniger eine schlüssige Erklärung. Weshalb meint die Polizei eigentlich, dass das Auffordern nicht strafbar wäre? Das ist doch nun tatsächlich extreme Behinderung der Polizeiarbeit, die bestrebt ist, genau das Gegenteil von Springen zu erreichen...
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