Elterncouch Ganztagsbetreuung ist keine Kinderfolter

Neulich im Kinderknast: Zwei Mädchen beim Tuschen
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Neulich im Kinderknast: Zwei Mädchen beim Tuschen


Wenn beide Eltern Vollzeit arbeiten, müssen die Kinder betreut werden. In Deutschland gibt es dafür immer mehr Angebote. Trotzdem ist dieses Modell vielen nicht geheuer. Aber was wäre die Alternative?

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.

Liebes Deutschland, ich dachte, wir sind weiter. Ja: Immer mehr Väter nehmen Elternzeit (immerhin jeder dritte, wenn auch meistens nur die üblichen zwei Monate). Auch ja: Seit 2013 gibt es einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung vom ersten Lebensjahr an. Und noch mal ja: In vielen Bundesländern wird die Ganztagsbetreuung für Kinder an den Schulen weiter ausgebaut.

All das spräche dafür, dass auch in Deutschland Familie und Karriere nicht mehr nebeneinander stehen wie die Gewinnkoffer in manchen Quizshows, in denen der Moderator irgendwann theatralisch sagt: "Jetzt müssen Sie sich entscheiden!" Aber nein. So viel weiter sind wir anscheinend noch nicht. Vielleicht in Gesetzen. Aber nicht in den Köpfen.

Als ich etwa letztens an einem Montag abends um sechs mit Frederik und Oliver nach Hause kam - ich von der Arbeit, die beiden vom Spätdienst in der Kita, von neun bis fünf - trafen wir unsere Nachbarin Frau Möller. "Ach, ihr Armen, das ist auch ein langer Tag für euch!", bemitleidete sie meine beiden Söhne. Gesagt habe ich (lächelnd): "Ach, geht schon, wir machen jetzt Pfannkuchen." Gedacht habe ich (latent schnaubend): "Was genau ist denn die Alternative, liebe Frau Möller?" Jana muss montags immer lange arbeiten, ich hole die Kinder ab, wir haben uns die Woche einigermaßen gerecht aufgeteilt. Wie man das eben macht, wenn beide Vollzeit arbeiten. Übrigens für Ihre Rente, liebe Frau Möller.

Armes Hamburg, wunderbares Bayern?

Natürlich hat sie es nur gut gemeint. Und beiden dann noch Gummibärchen zugesteckt. Aber in Frau Möllers Welt kommen die Kinder um zwölf vom Kindergarten (den sie ohnehin erst mit drei Jahren das erste Mal von innen sehen), Mutti kocht und "samstags (aber nur samstags!) gehört Vati mir!"

Wenn nur Frau Möller so dächte - geschenkt. Aber als ich wenig später in der Küche stand und den Pfannkuchenteig zusammenrührte, ging es in den Radionachrichten um die Bertelsmann-Studie über Ganztagsbetreuung in deutschen Schulen. Derzeit, so die Nachrichtensprecherin, liege der Anteil von Ganztagsschülern in Deutschland bei knapp 40 Prozent. Allerdings mit großen regionalen Unterschieden: in Hamburg bei 91, in Bayern bei 16 Prozent.

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Ich dachte noch: Gut, dass wir in Hamburg leben, wenn Frederik bald in die Schule kommt. Doch da folgte in den Nachrichten schon ein kurzer Interviewkommentar von einer Dame der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, kurz GEW: Man dürfe, so diese Vertreterin, ein reiches Flächenland wie Bayern nicht mit einem Stadtstaat wie Hamburg vergleichen, wo es eben viele soziale Herausforderungen gebe. Ich hoffe, ich erinnere mich richtig, leider lässt sich der Nachrichtenbeitrag nicht mehr nachhören: Natürlich sind Bayern und Hamburg statistisch, soziologisch und wahrscheinlich auch kulturell zwei Paar Schuhe. Aber soziale Herausforderungen? Reiches Flächenland?

Kitas und Schulen sind keine Verwahrstationen

Was wollte diese Frau uns damit sagen? Die reichen Bayern auf ihren sonnenbeschienenen Almen brauchen ja zum Glück keine garstigen Ganztagsschulen, wo die Kinder bis zum Abend eingesperrt werden? Und in Hamburg, dem Getto des Nordens, schicken die Rabeneltern ihre Kinder eben für zehn Stunden in den Schulknast und finden nichts dabei?

Ich glaube, die GEW-Dame und unsere Nachbarin Frau Möller würden sich gut verstehen. Zumindest was das Familienbild angeht: Das Kind ist am besten zu Hause aufgehoben, wo es die volle Aufmerksamkeit und Förderung durch die Eltern erfährt. So schön kann es natürlich nur in Bayern sein, dem Land, in dem die Herdprämie - alias Betreuungsgeld - erfunden wurde. Während das ganze Land über gleiche Chancen für alle redet und über die Rentenlücke bei Frauen, die wegen der Kinder nicht voll arbeiten konnten.

Offenbar ist dieses Denken bei uns tief verwurzelt. Anders als bei unseren Nachbarn in Frankreich: Schon Babys werden dort in den Kindergarten gegeben. Und das ist kein Grund für Nachbarn, in Mitleid zu verfallen. Weil das Bild ein komplett anderes ist: Die Eltern sehen Kita und Schule als Orte, in denen ihre Kinder sozialisiert werden. Nicht als Verwahrstation.

Liebes Deutschland, ich sehe das wie die Franzosen. Natürlich freue ich mich über jeden Tag und jede Stunde mehr, die ich mit meinen Kindern verbringe. Und Jana geht es genauso. Es geht auch nicht darum, das eine Lebensmodell gegen das andere auszuspielen. Aber Frederik und Oliver gehen gerne in die Kita. Und sie essen gerne Pfannkuchen mit mir. Manchmal ärgern sie sich in der Kita. Manchmal ärgern sie sich zu Hause. Manchmal sind sie gut drauf, manchmal nicht. Ich glaube, das nennt man Leben.

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Jonas Ratz,
    Vater von Frederik (4) und Oliver (1 1/2)

    Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

    Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

    Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.

    Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de.

    Jonas Ratz eine E-Mail schreiben.

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fördeanwohner 17.12.2017
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